von Dirk Dobiéy und Thomas Köplin

Teil 1: Was uns unersetzlich macht

Die größten Hoffnungen auf wirtschaftliches Wachstum sind mit technologischem Fortschritt verknüpft. Technologischer Fortschritt eröffnet faszinierende Möglichkeiten. Die mit ihm einhergehenden Umwälzungen sind teilweise aber auch hoch problematisch und ihre Folgen zumeist unabsehbar. Am weitreichendsten, zumindest aber am offensichtlichsten sind für uns heute die Fortschritte auf dem Gebiet der Digitalisierung und der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Mit uns und untereinander vernetzte, intelligente Maschinen werden uns dabei helfen, neue Freiräume zu gewinnen. Sie unterstützen bei der Entscheidungsfindung, sie steigern die Produktivität, nehmen uns Arbeit ab, verschaffen uns Raum für neue Aufgaben, machen das Leben leichter und uns vielleicht auch zu besseren Menschen.

Ihr Einsatz wird aber auch ganze Berufsbilder verschwinden lassen und Menschen ihrer Existenzgrundlage berauben. Die Frage, wasuns Menschen unersetzlich macht, rückt in den Mittelpunkt. Geradezu zwingend wird sie, wenn man daran arbeitet, Maschinen zu einer Art der Wahrnehmung, des Lernens und Handelns zu verhelfen, die der menschlichen gleichkommt oder sie auch übertrifft. Inzwischen weisen zahlreiche Forscher, unter ihnen auch der kürzlich verstorbene Stephen Hawking, darauf hin, dass die Erschaffung künstlicher Intelligenz leicht auch zu unserer letzten Erfindung werden könnte. Alles arbeitet darauf hin, die erfahrbare Natur zu verstehen, zu kopieren, zu verändern, unsere Welt und uns selbst nach ihrem Vorbild und weit darüber hinaus neu zu gestalten und zu übertreffen.

Dennoch geht Bill Briggs, Chief Technology Officer beim Beratungsunternehmen Deloitte, davon aus, dass wir Menschen in allem, was Kreativität und menschliche Interaktion erfordert, auch weiterhin Maschinen überlegen sein werden. Für ihn gibt es zwei Dinge, die durch Technologie nicht ersetzt werden können: Zum einen der Erhalt der Menschheit, zum anderen die Arbeit an Wicked Problems, komplexen Problemen, die nicht genau definiert werden können, die mehr als nur eine Lösungsoption haben und bei denen dennoch jede Entscheidung und jede Aktion spürbare Auswirkungen nach sich zieht.[1] Die Suche nach Leben auf dem Mars ist ein solches Wicked Problem. Globale Herausforderungen wie der weltweite Klimawandel oder globale Migrationsbewegungen sind Wicked Problems oder tragen gar mehrere davon in sich. Und auch unsere Organisationen sehen sich ausgelöst durch Wettbewerbsdruck und Fortschritt in einer global vernetzten, digitalen Welt komplexen Problemstellungen gegenüber. Wenn einfache, lineare Problemstellungen zunehmend automatisiert bearbeitet werden, sollten Menschen sich stärker der Lösung gesellschaftlicher Fragestellungen und komplexer Aufgaben widmen können. Dafür aber müssen wir Fähigkeiten stärker ausbilden, die bislang eine weniger große Rolle spielten. Zu ihnen gehören Wahrnehmungsvermögen, Reflexionsfähigkeit, Gestaltungskompetenz, Umgang mit Unplanbarkeit und Ambiguität – alles Fähigkeiten, die im Künstlerischen zu Hause sind.

Eric Schmidt – und dass gerade er das bereits vor 15 Jahren sagte, ist bemerkenswert – meint: „Sie müssen die Künstler das nächste große Ding entdecken und erschaffen lassen. Wenn Sie das zulassen, sind sie darin sehr zuverlässig.“[2] Doch noch während Forderungen wie diese heute immer lauter werden, erleben wir, dass technologischer Fortschritt meist ungewollt zwar, aber mit zunehmender Vehemenz dazu beiträgt, Kreativität zu unterdrücken.

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Zum nächsten Teil >  Effizienz und Vielfalt

Im zweiten Teil unserer Serie gehen wir die Frage nach, inwiefern wir uns durch unser Streben nach Effizienz die Grundlage für Kreativität entziehen.

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Über diesen Text:

Dieses Essay basiert auf unseren Nachforschungen der letzten vier Jahre. Was unsere Erkenntnisse lebensnah und anwendbar macht, ist, dass wir bis heute weit über 100 Gespräche mit Künstlern aller Genres, aber auch mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und mit zahlreichen Wirtschaftsvertretern geführt haben. Ausführlich berichten wir darüber in unserem Buch „Creative Company“ (https://creativecompany.ageofartists.de).

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Quellen:

[1]Briggs, Bill; Exponentials: Tech Trends 2014, online verfügbar unter https://www2.deloitte.com/insights/us/en/focus/TEST-DO-NOT-USE/2014/2014-tech-trends-exponentials.html, zuletzt geprüft am 8. Oktober 2018.

[2]Schmidt, Eric (2003). Foreword. In: Robert Daniel D. Austin, & Lee Devin. Artful making: What managers need to know about how artists work. FT Press.

Bildquelle: https://www.nga.gov/collection/art-object-page.152775.html

 

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