Zweiter Teil unserer fünfteiligen Reihe. Den ersten Teil lesen Sie hier.

Teil 2: Effizienz und Vielfalt

Technologischer Fortschritt wird häufig mit Effizienzsteigerung gleichgesetzt. Maschinen zum Beispiel, zumal jene, denen man mehr und mehr eine gewisse Intelligenz zugesteht, können Dinge oftmals um ein Vielfaches effizienter erledigen als wir Menschen. Sie nehmen uns Aufgaben und Entscheidungen ab und verringern damit auch ganz beiläufig die Fülle persönlicher Erfahrungen. In der Arbeitswelt zeigt sich das in einer Spezialisierung, die es uns schwer macht, Anschluss an andere Bereiche zu finden oder Zusammenhänge herzustellen. In den sozialen Medien spricht man von Echokammern, die uns in unserer Sichtweise bestärken und Irritationen von uns fernhalten. Einen mehr oder weniger großen Teil unserer Erfahrungen kuratieren inzwischen Algorithmen in der Art eines Discover Weekly, wie wir es zum Beispiel von Spotify kennen. Das Streben nach Effizienz ist tief in uns verwurzelt und leicht nachvollziehbar. Warum Umwege in Kauf nehmen? Warum langsamer voranschreiten? Warum teurer produzieren?

Nimmt es überhand, eliminiert es das Verschwenderische in unserem Denken und die Vielfalt in unseren Erfahrungen. Das schwächt nicht nur unsere Intuition, die auf dieser Vielfalt beruht und die eine wesentliche Grundlage unserer Kreativität darstellt. Es reduziert außerdem unsere Chance auf glückliche Fügungen und lässt unsere Wahrnehmungsfähigkeiten verkümmern. Wir spüren, dass uns übermäßiges Effizienzstreben einschränkt, ohne diesem Streben etwas ernsthaft entgegensetzen zu können. Symptomatisch für diese Hilflosigkeit ist die Empfänglichkeit für Tipps, die die Abweichung von der Regel propagieren: Nimm jeden Tag einen anderen Weg zur Arbeit, wähle etwas zufällig aus der Speisekarte, frage in Meetings fünfmal Warum – alles nur ein Schatten künstlerischer Neugier und menschlicher Entdeckerfreude, die den Dingen auf den Grund gehen will und immer noch genug Reserven hat, Belangvolles am Wegesrand aufzusammeln.

Im Künstlerischen wird die Neugier nicht eingeschränkt, sondern gefördert. Die künstlerische Haltung ist von einer Neugier geprägt, die nicht immer effizient, sondern auch verschwenderisch ist, die Raum lässt für glückliche Fügungen, die keine schnellen Antworten liefert, bei der vielmehr eine Frage zur nächsten führt und die so Stück für Stück zu mehr Klarheit verhilft. Sie ist nie ziellos und doch immer ausschweifend. Auch wenn ein konkretes Thema verfolgt wird, ist potenziell alles andere interessant, auch wenn es nur entfernt oder gar nicht damit in Zusammenhang steht. Kurzum, die künstlerische Neugier beschreibt die grundsätzliche Bereitschaft unvoreingenommen wahrzunehmen, zu empfangen und zu lernen. Das Ergebnis eines solchen Strebens ist Vielfalt – eine Vielfalt an Fragen und Antworten, eine Vielfalt an Eindrücken, Erfahrungen und Einsichten, eine Vielfalt an Möglichkeiten – und letztendlich auch eine Vielfalt an Beziehungen, wenn man Neugier als das versteht, was der Künstler und Autor Johannes Stüttgen (wie er uns erzählte) darin sieht: „Meine Arbeitsweise zeichnet sich in besonderem Maße durch Neugierde aus, weil ich herausfinden möchte, was mein Gegenüber wirklich möchte und inwieweit sich das mit meinen Erfahrungen deckt. Im Grunde ist es ein Herstellen von Beziehungen.“ Gerade im Zusammenspiel von Mensch und Maschine wird es in Zukunft wichtiger werden, diese Vielfalt und dieses Herstellen von Beziehungen zu fördern. Organisationen, die dieses Zusammenspiel zu einem Vorteil gestalten wollen, müssen den Gewinn an Effizienz stärker dafür einzusetzen, in die Wahrnehmungsfähigkeiten ihrer Mitarbeiter und das organisatorische Sensorium zu investieren.

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Im dritten Teil unserer Serie denken wir darüber nach, wieso es hilfreich und problematisch zugleich ist, wenn Maschinen uns unsere Entscheidungen abnehmen.

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Dieses Essay basiert auf unseren Nachforschungen der letzten vier Jahre. Was unsere Erkenntnisse lebensnah und anwendbar macht, ist, dass wir bis heute weit über 100 Gespräche mit Künstlern aller Genres, aber auch mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und mit zahlreichen Wirtschaftsvertretern geführt haben. Ausführlich berichten wir darüber in unserem Buch „Creative Company“ (https://creativecompany.ageofartists.de).

Bildquelle: NASA/JPL-Caltech

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