“Resonanz hat diese Struktur, dass sie den Menschen […] berührt, ergreift oder bewegt.”

Im Gespräch mit dem deutschen Soziologen Hartmut Rosa fiel vor allem stetig ein bestimmter Begriff: Resonanz. Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Der Begriff wird von ihm etwas breiter ausgelegt als üblich; er definiert ihn neu. Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Vor dem Hintergrund einer Beschleunigung innerhalb der Gesellschaft knüpft Rosa an einem der großen philosophischen Themen an: Der Sinnverlust als Problem der Moderne: “Die großen Erzählungen, die uns erklären warum wir auf der Welt sind, sind mittlerweile eigentlich zerbrochen. Aber mit meiner Resonanztheorie will ich diese Ebene gewissermaßen unterlaufen. Ich glaube nämlich, wenn Menschen erklären alles sei so sinnlos, dann sind es nicht die großen Welterklärungen, die ihnen fehlen, sondern so etwas wie eine Resonanzfläche.” Als Beispiel nennt er ein verliebtes Pärchen, das in seinem Glück keine Frage nach dem Sinn mehr stellt. “Die Funktion des Verliebens kann natürlich durch jegliche andere Resonanzbeziehung ersetzt werden: Sei es Kunst, Natur, Musik, der Garten oder sogar ein Haustier.”

Rosa erklärt weiter, dass es gerade diese sinnstiftenden Resonanzbeziehungen seien, die den Menschen heute oft fehlen: “Ich glaube dies ist der Kern des Problems, wenn die Menschen mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit zu kämpfen haben. Sie haben das Gefühl, dass sie zwar operieren und funktionieren, aber nichts dadurch erreichen. Im Prinzip haben sie es mit kalten Oberflächen zu tun, ob es nun die Arbeit an Maschinen ist, oder tagtäglich im Büro zu sitzen und Formulare auszufüllen.” Gerade bezüglich der Wirtschaft und der Arbeitswelt fordert Rosa eine stärkere Berücksichtigung von Möglichkeiten von Resonanzerfahrungen. “Wir sind mit täglichen Aufgaben konfrontiert, die schnell und effizient und resonanzfrei gelöst werden müssen. Anschließend schaffen wir uns bestimmte Resonanzoasen: Das Bier am Freitagabend oder ein Konzertbesuch, wo eigentlich komplett umgeschaltet wird.” Er plädiert dazu, “dass die Resonanz aus diesen Oasen raus und wieder in den Alltag integriert werden muss.”

Er betont jedoch, dass es weder Sinn der Sache, noch möglich sei, eine solche Resonanz auf Knopfdruck abzurufen. “Es ist unmöglich, zielgenau zu einer bestimmten Uhrzeit Resonanz zu erzeugen, das klappt nicht. Ich glaube ein Problem ist das universelle Verfügbarmachen. Nach meiner Deutung ist in der Kunst sowohl auf der produktiven als auch auf der rezeptiven Seite immer ein Moment der Unverfügbarkeit dabei. Man kann nicht sagen, morgen um zwei Uhr bin ich kreativ. Da muss immer dieses überschießende Moment hinzukommen, das ich als Resonanz bezeichne, und die Unverfügbarkeit ist ein Teil dieses Moments.” Ganz im Gegenteil kritisiert Rosa den Versuch Resonanzzonen allzeit verfügbar zu machen zu wollen.

Es scheint, als ob der Versuch nicht nur zum Scheitern verurteilt wäre, sondern auch, dass er der Resonanz den Zauber nehmen würde. Dennoch kann sich Rosa vorstellen, dass es möglich wäre “bestimmte Bedingungen dafür [zu] schaffen, die den Zugang erleichtern.” Aber mit dem Hinweis, dass keine künstlichen Resonanzoasen geschaffen werden sollten. Also nicht nach dem Motto: Wenn es jemandem schlecht geht, dann kann er in den Entspannungs- oder Kunstraum gehen, sondern so, dass es die gesamten Arbeitsstrukturen durchdringt.”

Das vollständige Interview mit Hartmut Rosa lesen Sie hier.

 

Resonanz steht im Zentrum des neuen Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. An seinem Anfang steht die Behauptung, dass sich die Qualität eines menschlichen Lebens nicht in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten angeben lässt. Stattdessen müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt und die dann, wenn sie intakt ist, Ausdruck stabiler Resonanzverhältnisse ist.

Rosa’s neues Buch erscheint im März.

Blog Post by Claudia Helmert and Benjamin Stromberg
Picture Source: Hartmut Rosa, © juergen-bauer.com

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