Gerald Hüther ist Neurobiologe und Autor. Er studierte Biologie in Leipzig und wurde dort auch promoviert. 1988 habilitierte er sich im Fachbereich Medizin an der Georg-August-Universität Göttingen und erhielt die Lehrerlaubnis für Neurobiologie. Professor Hüther hat eine Vielzahl bekannter Bücher veröffentlicht, zuletzt „Etwas mehr Hirn, bitte“ in dem er einer Gesamtschau gleich einen Überblick über seine gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse zur persönlichen Sinnentfaltung, individuellen Kreativität und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Darüber was wir von der Hirnforschung über diese Themen lernen können haben wir uns mit Gerald Hüther unterhalten.

Von der Erfahrung zur Haltung

Der Begriff der künstlerischen Haltung ist uns in unseren Gesprächen häufig begegnet. Aus dieser Entdeckung resultiert eine zentrale Frage: Ist Haltung angeboren oder kann sie entwickelt werden? Daraufhin erklärt Hüther „Das Gehirn ist zeitlebens plastisch umbaubar und deshalb ist es auch möglich bis ins hohe Alter neue Vernetzungen aufzubauen. Haltungen sind etwas sehr Kompliziertes, weil sie durch Erfahrungen erworben werden.“ Dem fügt er hinzu, dass Erfahrungen sowohl kognitiven als auch emotionalen Gehirnregionen entspringen. Diese Haltungen seien etwas ganz Entscheidendes, so der Neurobiologe, „denn sie lenken die Wahrnehmung und bilden die Grundlage von Entscheidungen.“

Haltungen entwickeln sich also im Allgemeinen aus Erfahrungen. Dieses Konzept ließe sich nun, gemäß Hüther, auch auf den Bereich der Neugier, bzw. Entdeckerlust wie er es bevorzugt nennt, anwenden: In diesem Zusammenhang spielt vor allem das Wiederherstellen dieser Lust eine Rolle: „Entdeckerfreude geht durch negative Erfahrungen in der Beziehung zu anderen Personen verloren: Beim Verfolgen der eigenen Interessen und beim eigenen Entdecken. Sie wird einem also geraubt, weil jemand anderes sich nicht darüber freut. Meist geht es darum, dass jemand anderes vorschreibt was man machen soll und die Vorstellungen, Maßnahmen oder Bewertungen so von anderen übernommen werden. Dadurch wird diese Entdeckerfreude blockiert. Was man nun zu jeden Zeitpunkt des Lebens machen kann, ist einem Menschen zu helfen eine neue, andere Erfahrung zu machen, die ihm deutlich macht, dass es Spaß machen kann, etwas Neues zu entdecken. Dadurch würde die von Anfang an bestehende positive Kopplung des Entdeckens an die Lust und an die Freude, wieder gestärkt und die erst nachfolgend entstandene Kopplung von Entdeckerfreude an Angst und hemmende Strukturen wird überlagert.”

Als Beispiel hierfür gibt es Künstler, die Kunstwerke zusammen mit Menschen entwickeln, die in kreativen Belangen unerfahren sind – ohne Zwang, sondern mit einem „Erfahrungsraum“, wie es Hüther nennt. Die Person bekäme, seiner Meinung nach, wieder Lust sich mit etwas auseinanderzusetzen und zu explorieren. „Die Vereinigung der spielerischen mit der künstlerischen Komponente, sodass die Person wiederentdeckt, was sie alles kann, ist ein guter Weg.“ Für Erwachsene bietet ganz besonders Kunst so einen Bereich, der „die Möglichkeit bietet sich nochmal in einem druckfreien Erfahrungsraum einer bestimmten Beschäftigung oder einem Erkenntnisprozess hinzugeben.“

Von der Angst zur Angstfreiheit

Im Gegensatz zu diesen losgelösten Handlungen sind auch Ängste relevant, sodass eine Befreiung von Angst vielleicht nicht antrainiert, aber durch positive bzw. angenehme Erlebnisse gefestigt werden kann: „Die erste große Ressource gegen die Angst ist entsprechend das Vertrauen in sich selbst.“ Allerdings kann es auch sein, „dass man mit seinen eigenen Kompetenzen nicht mehr weiterkommt. Dann ist es gut, wenn die zweite Ressource noch verfügbar ist, die sich aus dem Vertrauen in andere Personen speist“. Ist diese Quelle auch nicht verlässlich, so führt der Neurobiologe an, gäbe es noch den Glauben daran, das alles wieder gut wird. „Man könnte auch sagen, dass man in dieser Welt gehalten wird. Dieses Vertrauen ist unverrückbar, wenn man es einmal entwickelt hat, aber in unserer heutigen Gesellschaft ist  es mittlerweile fast allen Menschen weitgehend  verloren gegangen.  […] Wenn man diese drei Vertrauensressourcen besitzt, dann ist die Chance äußerst hoch, dass man eigentlich gar nicht mehr scheitern kann.“ Dieser Balancezustand führt letztlich dazu, dass die Personen nicht nur angstfreier sind, sondern auch Probleme eher als Herausforderung, an der man wachsen kann, und nicht als Hindernis, wahrnehmen.

Vom der Erfahrung zur Kreativität

Weiterhin berichtet Gerald Hüther über die Lateralisierung der Gehirnhälften und den damit bedingten Geschlechterunterschieden, die aber in Bezug auf die Kreativität kaum Anklang finden:

„Richtige Kreativität findet dann statt, wenn etwas wirklich Neues in die Welt gelangt. Die kreativen Durchbrüche, wie z.B. die Erfindung der Dampfmaschine, sind niemals durch lineares Weiterdenken gelungen und lineares Weiterdenken geht zur Not auch unter Druck. Aber diese kreativen Durchbrüche findet man wirklich nur unter druckfreien Bedingungen und das liegt daran, dass es  für solche Art von Innovationen oder Kreativität erforderlich ist,  sehr viele unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsinhalte, die im Gehirn alle lokal abgespeichert sind, gleichzeitig aktivieren. Es muss also möglichst viel im Gehirn ‘eingeschaltet’ sein […] Wobei man natürlich sagen muss, dass auch dies nicht wirklich neu ist, sondern sich etwas bereits vorhandenes nur neu verknüpft hat. Es ist also eine neue Kombination von etwas, das davor getrennt gewesen ist.“

Innovative Gedanken werden also maßgeblich von Konnektivität in allen möglichen Richtungen und letztlich auch zwischen alten und neuen Erfahrungen bestimmt, das heißt, dass für Kreativität bestimmte Voraussetzungen, nämlich den genannten Verknüpfungsmöglichkeiten, eine Vielfalt von Erfahrungen, erforderlich sind.

Es geht nun darum für Betriebe Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Mitarbeitern angemessene Erfahrungen vermitteln, um damit eine zeitgemäße Haltung hervorzurufen – ohne „Reibungsverluste“ bzw. „Ressourcenverschwendung“ und ferner mangelnden Leistungen entstehen zu lassen.

Es gilt also die eindimensionale Profitorientierung zu überwinden und eine betriebliche Zielvielfalt zu ermöglichen: „Das heißt, wenn sich die Art und Weise, wie Mitarbeiter miteinander in Beziehung treten oder wie Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern zusammenarbeiten  verbessert, entsteht als Nebenprodukt Leistung. Was wir im Augenblick immer versuchen, ist die Fokussierung auf Leistung und produzieren als Nebenprodukt gestörte Beziehungen. Genau das ist das Dilemma, aus dem wir den Ausweg nicht finden.“ Allerdings wird in diesem Zusammenhang nicht vorgesehen, Menschen wie Objekte zu behandeln, die Vorstellungen, Zielen, Absichten, Bewertungen, Maßnahmen usw. dienen. „Das ist eine Beziehungskultur, die im Grunde genommen nur noch stagniert und nur noch die Fähigkeit hervorbringt entweder andere noch besser zu Objekten zu machen, oder sich noch besser aus dieser Art von Objektivierung  zu retten. Diese Beziehungskultur kann jedoch etwas  nicht hervorbringen, was für jeden evolutionären Prozess unumgänglich ist und das ist Koevolution und Kokreativität. Die Dinge müssen sich miteinander entwickeln, sonst kann sich auch nichts von selbst organisieren […] Da haben sie meiner Ansicht nach den Schlüssel für fast alle Probleme, die wir im Augenblick in unserer Gesellschaft haben.”

Potenzialentfaltung durch Selbstorganisation und Gemeinschaft

Ein kritischer Erfolgsfaktor für gemeinschaftliches Gestalten stellt für Hüther die Selbstorganisation dar, die allerdings nur durch ein eigenständiges „umdenken von unten“ hervorgerufen werden kann und nicht durch auferlegte Anweisungen. “Deshalb ist die Hoffnung, dass irgendjemand kommt und uns rettet, wieder nur eine Illusion. In der Arbeit als Team kann man versuchen eine solche kleine Gemeinschaft zu bilden in der man das lebt, was man für wichtig hält. Das nenne ich dann eine Potenzialentfaltungsgemeinschaft, in der man eine Art des Umgangs miteinander entwickelt, die dadurch gekennzeichnet ist, sich gegenseitig nicht mehr als Objekte zu benutzen. Auf diese Weise können Inseln geschaffen werden, aus denen besondere Leistungen erwachsen. Diese besonderen Leistungen würden dann nach außen hin eine Attraktivität für diese Art von Beziehungskultur schaffen, die dazu führt, dass sie sich auch ausbreitet.”

Das heißt, eine eigene Bereitschaft muss notwendig vorhanden sein. Hierbei spielt es auch keine Rolle, ob Wissen über die Art und Weise des Beginnens vorliegt – die Intentionalität muss hinreichend groß sein. Ist dies nicht der Fall führt der Weg der Betroffenen zu Therapeuten oder Coaches. „Das ist wieder das Abschieben von Verantwortung für sich selbst, sein eigenes Tun und das Zusammenleben mit anderen Menschen und anderen Lebewesen auf dieser Erde. Keiner ist bereit, die Verantwortung dafür wirklich zu übernehmen. Deshalb suchen wir ständig nach jemandem, der es für uns macht. Es wird aber eine vergebliche Suche bleiben, da keiner kommen wird. Wir haben bereits so viele Instanzen durchprobiert: Den lieben Gott, die Gene und jetzt das Gehirn, aber keiner ist es. Jetzt gehen uns die Instanzen aus und deshalb ist es unvermeidlich, dass wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir es selbst machen müssen.“

In diesem Kontext interessierte es uns auch, wie die Digitalisierung in die Geschwindigkeit des Erkenntnisgewinns einwirkt. Bei Prozessen, die auf Ausprobieren, Fehlern und Irrtümer beruhen „führt die Digitalisierung zu einer enormen Beschleunigung aller Prozesse in der Gesellschaft, womit die Defizite der Gesellschaft immer deutlicher werden. Im Kontext der Selbstorganisation bedeutet das, dass Menschen nun zunehmend  schneller begreifen wie sie es nicht machen können. Damit besteht dann die Chance,  es anders zu machen. Wenn es so langsam geht wie bisher wird man auch nicht reagieren.“

Kommunikation führt dazu, dass wir über alle Prozesse in der Welt Bescheid wissen und wir uns davon betroffen fühlen können – dafür allerdings noch keine Lösungsvorschläge produzieren. Es sollte also ein Prozess in die eingeleitet werden, welche „die Art und Weise wie wir zusammenleben verändert.“ Als Kompetenzanforderungen diesbezüglich führt Hüther an: „Was man beobachten kann ist, dass es sehr schwer ist aus solchen Mustern auszubrechen, wenn man es alleine macht. Deshalb wäre es aus neurobiologischer Perspektive viel günstiger,  sich andere suchen mit denen man gemeinsam beschließt es anders zu machen. Dann kann man sich gegenseitig stärken. Unter Umständen kann man auch den scharfen Wind aushalten, der einem draußen in der alten Welt entgegenweht, weil man aus der eigenen Erfahrung mit der betreffenden  Gemeinschaft weiß, dass man auf einem guten Weg ist.“

Angewandt werden Gerald Hüthers Theorien in seiner eigens gegründeten „Akademie für Potentialentfaltung“, bei Personen, die auf Verbesserungen in ihrer Gemeinschaft aus sind. Diesen Interessenten wird ein Research Fellow an die Seite gestellt. Es erfolgt allerdings kein Eingriff in die gesamte Gruppe, sondern nur mit einer einzelnen Person wird gearbeitet. Es geht beispielsweise darum „nur eine Woche auszuprobieren wie es ist, wenn man sich gegenseitig nicht mehr zum Objekt macht.“ Die damit einhergehenden Erfahrungen, werden, wie bereits beschrieben, zu Haltungen, zu Automatismen, zu einer anderen, neueren Kultur. „Man kann die Leistungen, die aus so einer Potenzialentfaltungsgemeinschaft erwachsen, überhaupt nicht absehen. Deshalb hat es auch keinen Sinn im Vorfeld festlegen zu wollen, was man erreichen möchte. Aber die Gewissheit ist da, dass etwas entstehen wird, das hochspannend und vor allem sehr kreativ und innovativ ist.“

Das gesamte Interview mit Professor Hüther können Sie hier lesen.

 

 

 

Thanks to Claudia Helmert for authoring this post and to Hendrik Achenbach for his translation into English.
Picture Source: Gerald Hüther. Find out more about Professor Hüther here.

 

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