Michael Spencer war 14 Jahre Mitglied des Londoner Symphonieorchesters, bevor er sich entschied seine professionelle Laufbahn auf und mit der Violine gegen eine Stelle als Ausbildungsleiter des königlichen Opernhauses in der britischen Hauptstadt einzutauschen, und in dieser Rolle Kindern die Kunst, beziehungsweise die Potenziale künstlerischer Prozesse, näher zu bringen. Als Coach und Berater macht er bis heute im Grunde nichts Anderes, nur dass er seine Erfahrungen zwischenzeitlich vor allem mit Erwachsenen in Organisationen teilt und dabei eine große Nähe zu Japan und den Menschen dort entwickelt hat.

Von der Party in die Krise

Die ersten sieben Jahre als Musiker des Londoner Symphonieorchesters „fühlten sich großartig an, wie eine große Party. Eine fantastische Erfahrung“, erzählt Michael Spencer und ergänzt gleichzeitig: „Das Leben in einem Orchester war sehr einnehmend und brachte einen weg vom wirklichen Leben, auf viele verschiedene Weisen. Doch nach einer Weile, als die Jahre sich replizierten, begann ich mich zu fragen, ob das wirklich das Leben war das ich wollte. Es war immer das gleiche, die Wahrscheinlichkeit auf Veränderungen und von Neuem war gering,“ stellte er für sich fest. Er realisierte zunehmend, dass ihn sein Beruf immer unzufriedener machte. „Was hinter den Kulissen passiert ist nicht schön – die Sache mit dem ‚Messer in den Rücken’ etc. Es gab vor ein paar Jahren eine Studie der Federation of Entertainment Unions, ‚Gestalten ohne Konflikt’, die ungefähr 4000 Menschen in der kreativen Branche befragt hatte. Es zeigte sich, dass fast 75% der Musiker bereits Mobbing auf der Arbeit erfahren hatten. Eine recht traurige Erkenntnis, wenn man das über eine Organisation sagt die als kreativ gilt.“ Wie aber konnte der Ausweg aussehen für einen Musiker an einem der renommiertesten Orchester weltweit?

Von der Krise zur Kunst

Just zu diesem Zeitpunkt ergab sich für Spencer die Möglichkeit, als Musikpädagoge aktiv zu werden. Er startete zunächst eigenständige Projekte und wurde schließlich Ausbildungsleiter am königlichen Opernhaus. „Wir untersuchten wie wir Kinder besser einbinden könnten und das bedeutete im Wesentlichen ihre Neugier zu stimulieren.  Kurz gesagt taten wir das durch die Entwicklung einer Methode, bei der wir ihnen die Kreation eigener Musik erleichterten. Aber wir grenzten das insofern ein, als dass den Kindern als Basis die verschiedenen Blöcke dienten, aus denen ein ausgewähltes Musikstück bestand. Auf diese Weise standen die Kinder den gleichen Herausforderungen gegenüber, vor denen auch der Komponist stand.“ Ein anderes Projekt zeigt die Herausforderungen, vor denen die Künstler im Umgang mit Kindern standen: „Jeden Sommer wählten wir zwölf Kinder mit Asperger-Syndrom aus, um mit ihnen sehr intensiv in einem multimedia-basiertem, sozialen Kontext zu arbeiten. Bevor das Projekt startete haben wir Spezialisten eingeladen, um die teilnehmenden Künstler über die Realität von Autisten aufzuklären und speziell in der Rolle als Erzieher zu schulen. Dabei ging es darum, wie man künstlerische Fähigkeiten mit Musikerziehungs-Methodik und mit guten Moderationspraktiken verbindet. Das Arbeiten mit Kindern erschafft eine unglaublich dynamische Situation und du musst wissen, wie du mit den unterschiedlichen Rahmenbedingungen umgehst.“

Von der Kunst zur Kommunikation

„Die Idee, Kunst in das Geschäftsumfeld zu transferieren, hat für mich eine Schwäche, nämlich die, zu naiv zu sein. Sätze wie: ‚Oh, lass uns Musiker involvieren. Die wissen wie man einander zuhört und zusammenarbeitet!‘ Da ist ein ‚Ja’ zu dieser Aussage, aber auch ein großes ‚Nein’. Es ist ein zu einfacher Ansatz, der irgendwie die Erfahrungen trivialisiert und in einen mystischen Schleier hüllt für die Menschen, die oft verschiedene Geschmäcker und Wissensstände haben. Es liegt eine ganze Welt des Unterschiedes zwischen dem, was wir für das Zuhören halten, und welche Rolle es im Gefüge der Kommunikation spielt. Die Musik ist für mich eine Form von sozialer Technologie, die uns beim Fördern und Erhalten von menschlichen Beziehungen hilft. Das erste Mal kam ich auf einem Kreativitätsprogramm für potentielle Führungskräfte damit in Berührung. Ich arbeitete mit einer Auswahl verschiedener Geschäftsleute und bat sie, über ein Musikstück ihrer Wahl zu reden. Es war faszinierend zu sehen, wie alle auf die gleiche Art und Weise über ihr Lieblingsstück redeten, nämlich emotional. Es ist wundervoll das zu tun, aber wenn du nur von einem emotionalen Standpunkt aus über ein Musikstück sprichst, dann ist es für die anderen schwierig, die Musik auf die gleiche Weise zu empfinden, denn dein Standpunkt entstammt deinen eigenen intimen und persönlichen Erfahrungen. Andere Menschen haben andere Gefühle. Wenn du aber Musik von der Perspektive eines Prozesses betrachtest, fügt es eine neue Dimension hinzu: Wie arbeiten die Teile zusammen? Was sind die fundamentalen Elemente? Wie ist die Struktur? Wie bewahren die Musiker eine unausgesprochene Verhandlungssituation? Es ist eine völlig andere Methode für die Bewertung dieser Erfahrung. Immer wenn ich mit Gruppen arbeite bringen wir diese Essenz zum Ausdruck, in dem wir ‚etwas aufbauen’. Aber um das tun zu können musst du erst einen Eindruck und ein Gefühl für die Materialien bekommen, mit denen du arbeitest, und wie du sie benutzen kannst um etwas Fesselndes zu schaffen.“

Bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Japan hat Michael Spencer für sich erkannt, dass Kunst die außergewöhnliche Eigenschaft besitzt, ähnlich einer Linse kulturelle Unterschiede besser erkennbar zu machen. „Was ist der Hauptgrund für die Existenz von Musik? Welchem Zweck dient sie in verschiedenen sozialen Gruppierungen? Wo liegen die Unterschiede und was sind Gemeinsamkeiten? Die Geschichte der Musik dient grundlegend dem Erschaffen und Unterstützen der Identität einer unabhängigen sozialen und kulturellen Gruppe.“ Dabei möchte Spencer die Musik gleichzeitig als Katalysator nutzen zur Entscheidungsunterstützung, zum Wecken von Neugier und um Verpflichtungen einzugehen und soziale Beziehungen zu stärken. „Und um es allgemein zu sagen, ich denke Kunst hat aktuell ein riesiges Potential, denn inmitten einer massiven technologischen Weiterentwicklung können wir die Werte vom Eröffnen authentischer Mensch-zu-Mensch Kommunikation und aufrichtigen Beziehungen wiederbeleben. Alle sprechen über die neuen Kommunikationstechnologien und wie sie uns besser miteinander verbinden. Ich würde dem widersprechen – sie tun es nicht. Es verwirrt die Menschen in höchstem Maße. Sie wurden bereits manipuliert und als ein Mittel zum Spalten der Menschen und zum Säen von Zwietracht eingesetzt.“ Deshalb spielt auch das Schärfen und Kultivieren eines verbesserten Urteilsvermögens eine Kernrolle in Spencers Arbeit. Ähnlich wie bei der Arbeit als Musiker in einem Orchester, so münden auch Spencers Workshops stets in einer Aufführung. Dabei müsse man auch die Prozesse verstehen, die das Fundament der Aufführung bilden. „Wir stellen zwar die Komponenten zur Verfügung, aber sie (die Teilnehmer) treffen die Entscheidungen. Die Aufführung ist Teil des Endproduktes, doch von der gleichen Bedeutung wie das Schaffen und das Proben des Stückes. Neben Neugier, dem Treffen von Entscheidungen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die bei diesem Prozess geweckt und verbessert werden sollen, kommen durch das Eingehen von Risiken auch Elemente wie Vertrauen und Entscheidungsfreiheit mit ins Spiel. Die Menschen sehen eine Orchesteraufführung selten als Prozess, doch genau dort passieren Dinge auf vielen verschiedenen Ebenen. Ist das Orchester einmal ins Rollen gekommen, dann ist der Dirigent oft nicht mehr in der Lage, dagegen zu arbeiten und dem Orchester einen anderen Kurs aufzuzwingen.“ (Lacht).

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

Interview: Marija Skobe-Pilley and Dirk Dobiéy,
Transcription:Benjamin Stromberg
Blog: Lucas Heinke
Editing: Stephanie Barnes

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