Age of Artists hat Professor Reckwitz in Berlin getroffen und den Wissenschaftler unter anderem gefragt, ob es überhaupt noch möglich und nötig ist etwas Neues entstehen zu lassen. Für Reckwitz ist es erst einmal wichtig zu klären was neu bedeutet:  „[…]Die Moderne bzw. Spätmoderne ist eine extrem novitätsorientierte Kultur. In meinem Buch hatte ich zwischen drei verschiedenen Formen des Neuen unterschieden. Neu I ist das, was man auch aus der französischen Revolution kennt: Dort wird ein Status erreicht, der vollständig neu und fortschrittlich ist und dann bleibt es auch dabei. Neu II ist das Modell des technischen Fortschritts und steht für das Neue als Überbietung. Hier werden ständig neue technische Lösungen geboten und das in einem unendlichen Prozess. Neu III ist schließlich das ästhetisch Neue: Hier ist das Neue eine Art Reiz, Erregung und Intensität, oder auch das Überraschende und Originelle. Es ist nicht wirklich ein Fortschritt, sondern eher momenthaft und wird schnell von etwas anderem abgelöst. […]“.

Durch die ständige Wechselwirkung von Routine und Neuerung entsteht die Gefahr, dass immer schneller eine Novität nach der anderen rezipiert wird und dieser Prozess ein unhaltbares Tempo aufnimmt. Dabei bleibt die Wertschätzung für das Etablierte und Erprobte auf der Strecke: „Ich sehe mittlerweile das Problem, dass die Ware sich zu sehr zu Gunsten der Novitätsorientierung verschoben hat und zu Ungunsten der Routine, obwohl es klar ist, dass gerade auch kreative und künstlerische Berufe zum großen Teil auf Routine beruhen. Das Schreiben an einem Roman oder das Malen an einem Bild ist zu einem erheblichen Teil eine routinisierte Technik, die auch bestimmte Kompetenzen erfordern, die in einem langen Prozess erst mal erworben und trainiert werden müssen. Ich denke es wäre schon viel gewonnen, dass auch im Bildungsbereich Wert darauf gelegt würde, dass man langfristig solche Kompetenzen erwerben kann, die überhaupt erst solche Routinen ermöglichen. Es geht dabei nicht um eine Routine, die auf einer geistlosen Wiederholung beruht, sondern auf komplexen Kompetenzen.“ Und diese Routine muss man erst beherrschen, um überhaupt wirklich Neues erschaffen zu können, fasst der Soziologie- und Kulturexperte zusammen. Ein anderes Thema im Interview mit AoA ist die Ist Innigkeit des Ästhetisch-Schöpferischen mit der Ökonomie. Ist sie gut oder schlecht? Gerade auf dem Arbeitsmarkt beobachtet Reckwitz folgende Tendenzen: “Immer mehr Arbeitnehmer erwarten von ihrem Beruf, dass er auch sinnlichen und sinnhaften Wert hat – eine intrinsische Motivation, die man klassischerweise aus der Kunst und benachbarten Bereichen kennt. Aber auch von Seiten der Konsumenten kann man sagen, dass die Ästhetisierung der Güter eine konsequente, zweckrationalen Güter ist spätestens seit den 1970er Jahren erschöpft. Es wird nun vielmehr erwartet, dass die Güter Sinn und Sinnlichkeit, dass sie neue Erfahrungen bieten. Diese Entwicklung betrifft auch Dienstleistungen. Ich bezeichne beide Prozesse zusammen als eine Kulturalisierung der Ökonomie, die eine konsequente Antwort auf wahrgenommene Defizite auf Seiten der Arbeitnehmer als auch auf Seiten der Konsumenten ist.” Doch wie kommt es, dass die Verbindung des Ästhetischen mit dem Ökonomischen jetzt besonders relevant erscheint? Ist sie nicht vielleicht schon immer da gewesen aber unser Blickwinkel hat sich diesbezüglich erst im Zuge der Industrialisierung verändert?

“Ja und nein. Wenn man sich die Arts and Crafts-Bewegung des 19. Jahrhunderts anschaut – John Ruskin etwa -, findet man Ideen in diese Richtung. Und wenn man in die frühe Neuzeit zu Da Vinci zurückgeht, kann man auch beobachten, dass

Handwerk und Kunst dort nicht getrennt waren. Kunst war auch Kunsthandwerk, es wurde im Team und arbeitsteilig gearbeitet. Das gab es schon, aber trotzdem denke ich, dass in der Moderne und gerade in der Spätmoderne doch noch mal eine besondere Konstellation einsetzt. Denn mittlerweile haben wir sowohl die Verabsolutierung des Ästhetischen, wie sie nur in der Moderne entstehen konnte, erfahren als auch die Vereinseitigung des Rationalen durch die großen, formalen Organisationen.”

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

Blog post by Johanna Darbritz
Translation by Hendrik Achenbach

Picture Source: Andreas Reckwitz
Reckwitz Book “The invention of creativitiy” was published on Suhrkamp.

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