Als wir ihn fragten wie er Künstler geworden ist, schaute uns Renard etwas verblüfft an, bevor er antwortete: “Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß nicht wirklich, wie wir Künstler werden.” Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: “Alles was ich weiß ist, dass ich an einem gewissen Punkt in meinem Leben und meinem Studium Kunst studiert habe. Als ich dann dort war, sah ich einige Ateliers, einige Gedanken und stellte fest, dass ich dort hingehöre. Zumindest glaubte ich, dass ich dort hingehöre. Es entstand also sukzessive durch mein Studium und meine Beziehung zur Welt, zum Leben.” 

Der französische Maler lehnt die Idee einer Berufung ab und betont seinen frühen Zugang und seine Empfänglichkeit zu Büchern, zu Kunst und Kultur, die ihm dabei halfen eine Neugier und ein Interesse zu entwickeln, die ihm letztlich den Weg in die Kunst bereiteten. Er macht klar, dass Künstler sein “eine Lebensphilosophie und eine Beziehung zur Welt [ist], die nicht beliebig ist. Unter dem Wort ‚Künstler‘ vereinen wir viele Menschen. In der Werbung beispielsweise sagen wir, ‚mein Metzger ist ein Künstler‘, also glaube ich, ein Künstler ist jemand, der ein wenig anders ist als andere. Ich denke, ich bin wie jeder andere, mit der Ausnahme, dass ich wahrscheinlich entscheidendere, präzisere und vielleicht verpflichtendere Entscheidungen getroffen habe als andere Leute. Künstler zu sein, ist Selbstverpflichtung. Eine vollständige Selbstverpflichtung.” 

Die Selbstverpflichtung nimmt bei Renard die Gestalt einer visuellen Sprache an, die tief in Gesten, Formen und Mustern verwurzelt ist, die Renard in seinen Kunstwerken entwickelt hat und worin Erinnerungen, Gelesenes und ein Bewusstsein über die Moderne zum Tragen kommen, die das gesamte Werk ausprägen. 

Ich habe über 20 oder 25 Jahre Wissen und Dinge gesammelt, sodass sich daraus eine Art Sprache entwickelt hat, ein visuelles Vokabular, mit dem ich male. Ich feile stets weiter daran, teste sie und setze es immer wieder in neue Kontexte, um sie anzupassen. Es ist wie eine Masse an Worten. Ich kann unterschiedliche Sätze damit bauen, die vielleicht das Gleiche heißen können, aber visuell verschieden sind.

Es ist kein Zufall, dass der französische Maler seine visuelle Sprache stetig überdenkt, neu adaptiert und erweitert. Für ihn geht Kunst darüber hinaus ein Mittel zu sein, um sich selbst auszudrücken. Es ist eine Art der Selbstverwirklichung, in der Inspiration nicht mehr als ein romantischer Glaube und der Entwurf allen anderen Arbeitsformen überlegen ist:

“Ich glaube nicht an Inspiration. Ich glaube an den Entwurf. Ich glaube an das Denken und das Entwerfen. Ich denke, dass wir uns selbst entwerfen, und was wir entwerfen, lässt Formen entstehen. Inspiration ist als ob man in den Himmel sieht und wartet, bis einem etwas zufällt, eine sehr romantische Vorstellung. Ich glaube nicht an Inspiration. Ich glaube, dass Kunst dazu da ist, etwas zu entwerfen. Es ist kein Ausdruck, es ist Selbsterkenntnis und Arbeit.“


Joël Renard – Au lac

Solche Perspektiven gestatten Renard einen Rahmen, in dem Passivität, Ineffizienz, Langeweile, Scheitern und auch Kritik nicht nur notwendig sein können, sondern sogar hilfreich sind für den, der die Selbstentfaltung durch Konstruktion vorantreiben möchte. Von dem Moment an, wo man sich eine angemessene Zeit nimmt zu schauen, zu analysieren und zu konzeptualisieren, bevor man weitermacht. 

Es ist interessant, dass es in der Kunst ab einem bestimmten Punkt keinen Unterschied mehr macht, ob man übers Scheitern nachdenkt oder an der gleichen Stelle stehen bleibt, denn beides ist ein Schritt voran. An diesem Punkt gibt es keine Regeln der Arbeit. Alles ist möglich […]. Wenn ein Bild nichts geworden ist oder die Umstände nicht optimal sind, um weiter daran zu arbeiten, ist das keine große Sache. Es liegt an uns Schlussfolgerungen zu ziehen und es zu verstehen. Außerdem kann man Dinge ruhen lassen und später zu ihnen zurückkehren, wenn man gedanklich und zeitlich effizienter und wacher ist.” 

Vor einem solchen Hintergrund ist es maßgeblich die Balance zwischen “intellektuell” und “funktional” zu finden, um voranschreiten zu können und nicht in der unendlichen Welt der Gedanken zu verharren. Eine solche intellektuelle Arbeit wird von Unsicherheit und Zweifeln vorangetrieben und trägt zu Renards Motivation bei, die visuelle Sprache weiter zu entwickeln und aufzubauen. 

„Unsicherheit, Zweifel … Das ist eine Wonne. Das Schlimmste ist Gewissheit und eine Lösung. Keine Zweifel zu haben, ist furchtbar langweilig. Wir müssen zweifeln. Wir müssen unsicher sein. Das bringt uns dazu, zwei Millimeter weiter zu drücken oder einen Millimeter näher zu kommen, zu realisieren, dass dies nicht der richtige Platz ist. Dann, zehn Minuten später gehen wir wieder zurück. Vielleicht war es doch dort? Am Ende des Tages, die Zeit vergeht, verändert sich unsere Wahrnehmung, kleine Veränderungen, unsere Beziehung zu ihm verändert sich. Es hört nie auf. Das Schlimmste ist, entschlossen zu sein. Vive l’incertitude! Zweifel ist unser Forschungsdrang.“

Mit dieser Lebensphilosophie und diesem Ansatz seiner Arbeit, erlaubt sich Renard einen Schritt zurückzugehen und das Konzept von Arbeit der Selbstentfaltung einzuordnen. Ob er malt, oder an einer Schule lehrt, für ihn gibt es immer die Auffassung eines beständigen Lernens und Wissensaustauschs. Wo die Übertragung eines solchen Rahmens in das wirtschaftliche Umfeld, wo umgehende Resultate gefordert werden und Unsicherheit vermieden wird um Risiken zu minimieren, geradezu unmöglich erscheint, treibt Renard die Auffassung voran, dass “Arbeit etwas anderes sein kann: Begegnungen, und intellektuelle Selbstentfaltung”. 

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Lesen Sie das komplette Interview hier (Nur in französischer Sprache verfügbar).

Blogpost von Thomas Castéran

Redaktion und Übersetzung von Benjamin Stromberg und Dirk Dobiéy

Quellen:

Age of Artists. Interview mit Joël Renard. 11.06.2016.

Interview durchgeführt von Julia Kierdorf und Thomas Castéran

Fotos von Jöel Renard

 

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