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Einleitung

Johannes Stüttgen studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Joseph Beuys, der ihn 1971 zum Meisterschüler ernannte. Mit ihm gründete Beuys im selben Jahr die “Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung”. Von 1980 bis 1986 war er Geschäftsführer der “FIU Free International University”. 1987 gründete er zusammen mit Brigitte Krenkers den OMNIBUS für direkte Demokratie. Heute ist Stüttgen als Künstler und Autor bekannt für seine Arbeit an der Sozialen Plastik. Kunst bezieht sich für ihn nicht mehr nur auf Musik, Malerei oder Tanz…. Die Frage nach Kunst, Freiheit, Schönheit und Stimmigkeit gründet sich für Johannes Stüttgen in jedem Menschen und bezieht sich auf jede Arbeit. Da ist es nur konsequent, dass er auch mit Unternehmen kooperiert. Seine letzte Unternehmenszusammenarbeit war mit Götz Werner. Er trat öffentlich mit ihm gemeinsam auf und diskutierte über die Frage des bedingungslosen Grundeinkommens. Heute ist für ihn der Auftrag der Kunst die Verwirklichung der Direkten Demokratie.

Interview

AoA: Wie kamen Sie zur Kunst?

Johannes Stüttgen: Ich bin mit der Kunst groß geworden, da haben mich meine Eltern hingeführt. Kunst war bei uns immer präsent und begleitet mich von da an Zeit meines Lebens. Ich kann sagen, ich habe eine gute Kindheit gehabt.

AoA: Gibt es neben Ihrer Kindheit und Erziehung einen weiteren entscheidenden Moment, der Sie zur Kunst bewegte?

Johannes Stüttgen: In meiner Kindheit begann ich, ähnlich wie viele andere Kinder, zu malen, zu basteln und später auch zu schnitzen. Daraus entstand eine Art Schülerkarriere, sodass ich in der Schule nach kürzester Zeit der Künstler war, dessen Bilder im Treppenhaus hingen. Im Grunde war Kunst mein Lebenselixier und die Frage sollte eher heißen: Wie gelang es mir, mich von der Kunst loszureißen? In der Oberstufe begann ich nämlich, mit der Kunst und mir selbst zu hadern und zu zweifeln. Dass ging so weit, dass ich beinahe die Kunst aufgegeben hätte. Mit 17 oder 18 Jahren hatte ich der Kunst gegenüber kein Vertrauen mehr gehabt. Ob es an mir und meiner jugendlichen Einstellung lag oder etwas Anderes dafür verantwortlich war, kann ich im Nachhinein nicht mehr beurteilen. Schließlich war es eine Zeit, die viele Fragen aufwarf. Dadurch brach ich innerlich mit der Kunst. Ich sah zu dem Zeitpunkt in der Kunst keine Möglichkeit mehr. Das hatte viel damit zu tun, dass mein Bedürfnis, zu denken, immer stärker wurde. Am eigenen Leib habe ich erfahren, dass das Denken in einem Gegensatz zur Kunst steht. Umgekehrt lässt sich auch sagen, dass das künstlerische Vorgehen mit dem Denken kollidiert. Analytisches Denken zeichnet sich nicht durch Kreativität und Synthese aus. Es folgten einige Turbulenzen. Ich begann ein Studium der Theologie, bei dem Joseph Ratzinger einer meiner Lehrer war und ich sogar eine Prüfung bei ihm ablegte. Jedoch merkte ich schnell, dass das Theologiestudium mir nicht liegt und ich brach es schließlich ab. In dieser Phase geriet ich ins Taumeln, weil ich für mich nicht den richtigen Weg gegangen war. Nach einiger Zeit bewarb ich mich bei der Kunstakademie in Düsseldorf. Obwohl es komisch klingt, tat ich es nicht wegen der Kunst, sondern weil ich Geld verdienen musste. Mein Ziel war, Kunsterzieher zu werden. Bei der Bewerbung ging ich auf Nummer sicher und bewarb mich zusätzlich in Kassel. Obwohl ich schon längere Zeit nicht mehr künstlerisch gearbeitet hatte, erhielt ich von beiden Akademien die Zusage und hatte die Wahl. Beide Akademien verfolgten unterschiedliche Konzepte. Die Akademie in Kassel war deutlich stärker pädagogisch, didaktisch und konstruktiv ausgerichtet. Im Grunde ein sehr starker Drang zur Kunsterziehung und zur theoretischen Kunst. Wohingegen Düsseldorf stärker dem Inbegriff des Künstlerischen entsprach. Zusätzlich hieß es immer, dass die Akademie in Düsseldorf außerordentlich anspruchsvoll sei. Da ich meine Wurzeln im Rheinland habe und das Konzept aus Kassel mir nicht zusagte, entschied ich mich für Düsseldorf. Jedoch stellte ich meine künstlerischen Bewerbungsmappen für Kassel und Düsseldorf ziemlich kurzfristig fertig, was die Prüfungskommission offenbar nicht gemerkt hat, sodass mir etwas der Respekt für die Akademien verloren ging. Als ich dann auch noch feststellte, in welcher Art und Weise gearbeitet wurde, wuchs meine Verachtung für diesen Bereich. In meinem damaligen Studium in Münster hatte ich ganz andere Erfahrungen in Disziplin, Genauigkeit und Präzision gemacht. Die Akademie in Düsseldorf arbeitete nicht so und hat dabei beinahe mein Vorurteil bestätigt. Insofern konnte diese Verbindung nicht gut gehen, weil ich innerlich nicht dahinterstand. Erst die Begegnung mit einem Künstler, einem Professor der Akademie, änderte meine Einstellung und öffnete mich wieder für die Kunst. Er war es auch, der mein Interesse an dem künstlerischen Begriff weckte. Im Grunde streben Sie nach etwas Ähnlichem. Sie suchen nicht nach den einzelnen künstlerischen Besonderheiten, sondern dem übergeordneten künstlerischen Begriff. Der Begriff versteht sich aber nicht als Definition, sondern als Begriff, den sich die Kunst selbst gibt. Der Professor brachte mich auf diesen Pfad und rettete mich aus meiner Not, die das Theologiestudium und die Akademieatmosphäre verursacht hatten.

AoA: Inwiefern stellte dieser eine Professor die Rettung dar?

Johannes Stüttgen: Von ihm sagten viele Studenten, dass er als Künstler völlig anders war. Nach sämtlichen Erzählungen befürchtete ich, dass er womöglich der typische „Künstler“ sei, den ich mir vorstellen konnte. Jedoch musste ich feststellen, dass das Gegenteil der Fall war. Er stach dermaßen aus dem künstlerischen Betrieb heraus, dass ich sofort wusste, dass er mein Lehrer werden sollte. Es war Joseph Beuys. Er unterschied sich von anderen Professoren dadurch, dass er als Lehrer Künstler war. Seine Lehrtätigkeit selbst war Kunst. Den erweiterten Kunstbegriff habe ich bei ihm als die Kunst wahrgenommen, in jedem Studenten eine persönliche Bestimmung hervorzubringen und alles davon Ablenkende wegzustreichen. Beuys war in seiner Lehrtätigkeit wie ein Magnet und seine eigene Arbeit stand dabei gar nicht zur Diskussion. Wir damals hatten den großen Vorteil, überhaupt noch nicht genau zu wissen, woran er selbst als Künstler arbeitete. Ich war ein Jahr lang Student in seiner Klasse und ging davon aus, dass seine Kunst seine Lehrertätigkeit war. Seine erste Museumsausstellung (Anm.: Ausstellung im städtischen Museum Mönchengladbach im Herbst 1967) war ein Jahr später und ich fiel aus allen Wolken, weil ich mir nicht hatte vorstellen können, dass er überhaupt Dinge herstellte, die man ausstellen kann. Dieser Umstand ist in meiner Biografie glücklich gelaufen. Im Gegensatz zu vielen anderen, gelang ich durch den erweiterten Kunstbegriff wieder zur Kunst, die ich beinahe innerlich abgeschrieben hätte.

AoA: Welche Auswirkungen hat der erweiterte Kunstbegriff auf Ihre Arbeit? Wie gehen Sie dabei vor?

Johannes Stüttgen: Meine Arbeitsweise zeichnet sich in besonderem Maße durch Neugierde aus, weil ich herausfinden möchte, was mein Gegenüber wirklich möchte und inwieweit sich das mit meinen Erfahrungen deckt. Im Grunde ist es ein Herstellen von Beziehungen. In diesem Vorgehen machen sich einige Arbeitsergebnisse und Muster bemerkbar. Sie beeinflussen meine Vorstellung. Beispielsweise sehe ich in jedem Menschen einen vorhandenen künstlerischen Impuls. Darin sehe ich sogar den Schlüssel für die zukünftige Entwicklung des Menschen. Der Fortschritt liegt in der Verbindung von Menschen. Die Verbindung geht über äußere Zusammenhänge und Rahmenbedingungen hinaus und mündet in einem „sich-im-anderen-wiedererkennen“. Obwohl es den Begriff der zwischenmenschlichen Beziehung erweitert, endet es in einer Katastrophe, wenn diese Erkenntnis unbeachtet bleibt. Durch den Austausch und das gemeinsame Miteinander entsteht eine Art künstlerischer und gesellschaftlicher Auftrag.

AoA: Was sind die Voraussetzungen für einen künstlerischen Auftrag?

Johannes Stüttgen: Zum einen bedarf es einer Art künstlerischer Wahrnehmung und vor allem auch einer gewissen Neugierde, wie sie vergleichsweise bei Kindern anzutreffen und zu beobachten ist. Bei meinen Arbeiten werde ich immer mehr zum Kind. Im Kindlichen liegt eine Urbestimmung, die jeder mit auf die Welt bringt. Die Frage nach dem Urtypischen ist immer eine Frage nach dem Anfang. Die Frage nach dem Anfang ist eine Bedingung, die erfüllt werden muss, wenn man herausfinden will, wer man selbst ist. Die meisten Menschen begehen aber den Fehler und lassen diese Frage nicht zu. Ihre Karriere und äußeren Existenzsorgen sind größer als ihre Neugierde und Suche, sodass sie sich immer weiter dem System verschreiben und fremdbestimmt werden.

AoA: Wie definieren Sie den erweiterten Kunstbegriff?

Johannes Stüttgen: Es gibt keinen anderen Kunstbegriff als den erweiterten Kunstbegriff. Heute versteht man unter Kunst immer nur Besonderheiten und Spezialitäten von Künstlern, was aber immer auch eine Verengung ist. Der erweiterte Kunstbegriff umfasst aber nicht nur die Künstler im speziellen Sinn, sondern alle Menschen und alle Bereiche der Arbeit und sprengt die Begrenztheit. Wenn wir uns lange genug mit diesem Begriff beschäftigen, werden wir in ihm den Schlüssel finden, alle konventionellen Bedingtheiten in Frage zu stellen und zu korrigieren. Im Moment haben wir ein schönes Beispiel mit dem Begriff der Demokratie. Obwohl wir alle Demokratie fordern, betreiben wir keine. Wir orientieren uns nicht an dem Begriff Demokratie, sondern an den Einrichtungen, die sich nur so nennen. Plötzlich sind alle über einen neuen Präsidenten (Anm. gemeint ist Donald Trump) empört, merken aber nicht, dass es lediglich die Logik des herrschenden Systems ist. Wir reflektieren den Demokratiebegriff nicht. Unser mangelndes Begriffsvermögen führt in eine Katastrophe. Demokratie verkürzt sich auf Parteien und sich bildender Widerstand mündet ebenfalls in Parteien. Dahinter steckt die Idee, dass für eine bessere Zukunft nur die Entscheidungsmacht entscheidend ist. Jedoch sind die Resultate ernüchternd und wir sehen nicht viel, wenn diese Entscheidungsmacht bei dieser oder jener Partei liegt. Es bleibt der Wille, Zukunft zu gestalten, auf der Strecke, sodass wir nur die Machtwechsel wahrnehmen, aber nichts Nachhaltiges. Dabei kommt etwas heraus, das überhaupt nicht überzeugend im Sinne eines Kunstwerkes ist. Es fehlt an Stimmigkeit.Betrachten wir auch den Begriff der Wirtschaft, der in der Öffentlichkeit immer mit Wachstum einhergeht. Wenn ich konkret nach dem Wachstum frage, liefert niemand eine plausible Antwort. Als Antwort höre ich dann: Bruttosozialprodukt. Wenn wir diesen Begriff weiterdenken, müssten wir doch annehmen können, dass mit einem gestiegenen Bruttosozialprodukt auch der allgemeine Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen zunimmt. Es müssten immer mehr Menschen davon profitieren. Das entspricht nicht der Realität. Es werden immer mehr Menschen ausgeschlossen. Der Begriff Wachstum verschleiert nur die Absicht der Profitmaximierung einiger weniger.

AoA: Womit begann Ihre Ablehnung gegen das vorherrschende Wirtschaftssystem?

Johannes Stüttgen: In meiner Jugend war Elvis Presley ein Vorbild und eine absolute Erleuchtung. Er und der ganze Rock ’n’ Roll zeigten mir, dass es nicht immer so weitergehen muss wie bisher. Die ungeheure Energie, die Freiheit und die Lust etwas verändern zu wollen, habe ich auf mich selbst bezogen. Später stellte der Punk der 70er Jahre das bestehende System und die vorgehaltenen Ziele in Frage. Wenn wir uns aber fragen, was aus der Bewegung des Punks wurde, gelangen wir zu einem ernüchternden Ergebnis. Er stellt keine anhaltende Bewegung dar. Niemand hat solche Bewegungen wirklich ernst genommen. Man schwamm immer nur mit. Kein Mensch, der in der Jugend Punk war, ist es im Berufsleben geblieben. Obwohl diese Menschen in ihrer Jugend entzündet wurden, fragen sie sich heute nicht, was diese Entzündung für sie bedeutet hat. Wenn sie karrierehinderlich ist, bleibt diese Bewegung nichts Weiteres als eine schöne Erinnerung und Nostalgie. Diese Impulse aus der Jugend verkommen völlig. Diese Impulse muss man als Aufträge auffassen, die einem sagen, wo es langgeht.

AoA: Ist der erweiterte Kunstbegriff ein Auftrag, der das Ziel hat die Zukunft zu gestalten?

Johannes Stüttgen: Unter dem erweiterten Kunstbegriff findet sich natürlich auch der Rock ’n’ Roll und seine Ziele. Die müssen an die Oberfläche, das heißt in das Bewusstsein, sodass diesem Impuls auch eine Tat und Umsetzung folgt. Hier darf man die Frage stellen, warum sich die Menschen selbst so wenig treu sind? Wenn man in der Jugendzeit stark in den Bann von etwas gezogen wird, könnten wir doch von einer anhaltenden Bedeutung ausgehen. Jedoch baut sich langsam die Verantwortung in Form von Abitur, Studium und Job auf, die ein immer stärkeres Wegrücken von sich selbst hin zu einem systemgefälligen Selbst nach sich zieht.

AoA: Wie kommt es, dass Sie sich nicht von dieser Systemgefälligkeit haben einnehmen lassen?

Johannes Stüttgen: Es gelingt, wenn wir nur uns selbst treu bleiben und keinem anderen. Warum sollte ich die erfüllende Sinnsuche nach meiner Daseinsberechtigung auf diesem Planeten einer trostlosen Karriere unterordnen? Die Begründung der meisten Menschen hierfür ist die reine Angst. Die Angst ist etwas Interessantes, weil es die Angst davor ist, in seinen eigenen Abgrund zu schauen. Es ist der einfachere Weg. Mein Weg der Sinnsuche ist anstrengend, aber das Besteigen eines Berges ist ebenfalls nicht einfach. Für die Aussicht lohnt es sich umso mehr. Daher empfinde ich meinen Weg als den selbstverständlicheren. In dieser soeben beschriebenen Sichtweise sehe ich einen Beitrag für die Menschheit. Darin befindet sich ein Schlüssel, den jeder hat. Insofern sehe ich meinen künstlerischen Auftrag darin, mit anderen Menschen zu reden und sie auch auf diese Sichtweise aufmerksam zu machen. Indirekt lässt sich damit auch die Systemfrage stellen: Haben wir nicht die gemeinsame Aufgabe, eine völlig neue Ordnung aufzubauen? Ein neues soziales Gesamtkunstwerk zu entwickeln, wo die Wirtschaft wirklich Wirtschaft, Demokratie wirklich Demokratie und die Freiheit wirklich Freiheit bedeutet?

AoA: Nähert sich die Gesellschaft nach Ihrem Entwurf ihrer Erfüllung?

Johannes Stüttgen: Das Ziel einer gesellschaftlichen Erfüllung gelingt uns nur gemeinsam. Jeder Mensch erkennt seinen Auftrag und es fügt sich zusammen. Dabei hat der Mensch die Entscheidung, ob er diesen Auftrag wahrnimmt oder lieber dem allgemeinen Trend folgt.

AoA: Ihre Ausführungen erinnern mich an die Wellen der zyklischen Konjunkturtheorie von Kondratjew. Er skizzierte, dass Basisinnovationen wie die Dampfmaschine oder heute die Informationstechnologie als Wellenbewegungen wahrgenommen werden können, wobei der technologische Fortschritt alleine noch keinen Fortschritt darstellt, sondern erst die nachgelagerten und notwendigen gesellschaftlichen Umbrüche.

Johannes Stüttgen: An dieser Stelle beschreiben Sie den künstlerischen Prozess. Nichts Anderes passiert, wenn Sie ein Bild zeichnen. Sie müssen auch bei jedem Strich abwägen, ob er unpassend oder an der richtigen Stelle ist. Im Endeffekt erfüllt sich das Gesamtbild, aber nicht so schnell, wie man es gerne hätte. Das Kunstwerk von dem ich rede, ist viel umfassender als die einzelnen Modellfälle von Kunst. In aller Regel erfüllt es sich, jedoch sehr langsam, was auch mit Umwegen und Rückschritten einhergeht. Ein künstlerischer Vorgang ist immer eine Art von Versuchsexperiment, die Sache weiterzutreiben.

AoA: Wird das Kunstwerk jemals fertiggestellt?

Johannes Stüttgen: Zwischenzeitlich gibt es Etappen, die schon als erfüllt angesehen werden können. Es bleibt nur aufzupassen, dass eine abgeschlossene Etappe nicht isoliert wahrgenommen wird. Aus dem Etappenziel müssen wir neue Kraft gewinnen und dort weitermachen. AoA: Gibt es demnach Zwischenergebnisse? Johannes Stüttgen: Ja, aber diese Ergebnisse dürfen wir nicht verkümmern lassen. Wir müssen sie in das größere Konzept einbauen. Letztendlich müssen Sie wissen, was der Sinn dieses Ergebnisses war. Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, lange ausruhen zu wollen, wenn etwas erfüllt ist. Das wäre viel zu statisch. In der Kunst geht es immer um die wache Aufmerksamkeit und das ständige Weitermachen.

AoA: Braucht es nicht dennoch eine Wertschätzung für das Projektergebnis?

Johannes Stüttgen: Mit der richtigen Wertschätzung kommt man auf ein höheres Niveau. Das gesamte Leben eines Menschen, angefangen mit seiner Geburt über seine Kindheit, das Erwachsenendasein bis hin zum Tod, ist ein permanenter Vorgang. Stellen wir uns die Frage wohin das hinausläuft, werden wir meist auf Dauer unzufrieden und verlieren uns lieber in Ablenkungen. Dann gerät man schnell in Gefahr, von äußeren Einflüssen bestimmt zu werden. Obgleich es Faktoren gibt, die wir nur sehr begrenzt beeinflussen können, wie beispielsweise den Alterungsprozess. Ich sehe alle Lebensstationen als künstlerischen Prozess, weil in ihnen die Freiheit liegt. Es sind Freiheitsprozesse und die Biografie wird ein Kunstwerk. Schlussendlich geht es nicht allein um meine Biografie, sondern auch um den Moment, in dem ich mit Ihnen spreche, denn dann nimmt Ihre Biografie Einfluss auf mich. Nach und nach kommt jeder selbst auf den Begriff der Sozialen Plastik.

AoA: Was fällt Ihnen zu dem Begriff der Transzendenz ein?

Johannes Stüttgen: Den Begriff finde ich griffig, wenn wir über den künstlerischen Vorgang sprechen. Mit dem Begriff stellt man gleichzeitig die Frage nach dem, was das Kunstwerk will und löst sich von dem, was ich will. Ich übertrage die Verantwortung auf das Kunstwerk und nicht auf mich. Meine Verantwortung besteht nur darin wahrzunehmen, was das Kunstwerk will.

AoA: Sprechen Sie vom Dialog mit dem Kunstwerk? Die Schwierigkeit erkenne ich darin, ständig zu überprüfen, ob man seine Bestrebungen jetzt tatsächlich dem Kunstwerk untergeordnet hat oder ein anderes Motiv dahintersteckt.

Johannes Stüttgen: Es ist der schwierige aber auch notwendige Teil. Stellen sie sich vor, auf diese Rückkopplung zu verzichten! Dann erhalten sie zwar eine Bequemlichkeit in der Richtung ihrer Tätigkeiten, aber von dem Kunstwerk bliebe nicht mehr viel übrig. In kürzester Zeit verlieren Sie die Achtung vor Ihrer Arbeit. Diese Bequemlichkeit wirkt nur verlockend. Wenn man einmal darin gefangen ist, erkennt man erst, wie langweilig und monoton die Arbeit ist.

AoA: Was beschreibt ihre künstlerische Haltung?

Johannes Stüttgen: Hierzu bediene ich mich einer Metapher. Meine Idealvorstellung ist der aufrechte Gang. Gerade zu stehen, den Kopf oben zu halten, die Füße auf der Erde und das Herz in der Mitte. Es ist die Übereinstimmung von Hand, Herz und Verstand. Derzeit sehe ich mich in einer Art Krabbelstadium, aus dem ich versuche aufzustehen. Bei Kindern kann man beobachten welches Abenteuer und welche Lust sie spüren, wenn sie versuchen, sich aufzurichten. Daraus folgt der Triumph, das erste Mal zu stehen, ohne sich festzuhalten. In diesem Stadium befinde ich mich auch. Meine Haltung ist klar. Ich will geradestehen. Es hat Gemeinsamkeit mit dem Autonomiebegriff.

AoA: Was können Unternehmer und die Wirtschaft von Künstlern lernen?

Johannes Stüttgen: Ich habe schon häufiger mit Unternehmern zusammengearbeitet. Meine letzte Unternehmenszusammenarbeit war mit Götz Werner. Ich trat öffentlich mit ihm gemeinsam auf und diskutierte über die Frage des bedingungslosen Grundeinkommens. Wir kamen dabei der Beantwortung Ihrer Frage nahe. Letztlich ist ein Unternehmen auch ein Kunstwerk. Daher ist die Rolle, die ein Unternehmen spielt, nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch weltwirtschaftlich interessant. Ich verzichte bewusst auf den Begriff der Volkswirtschaft, weil er sich in meinen Augen zur Weltwirtschaft erweitert hat. An dieser Stelle muss sich jedes Unternehmen wie auch jeder Mensch fragen, welche Rolle spiele ich im Ganzen? Mein Unternehmensziel darf sich nicht nur auf die einzelnen Produkte auf dem Markt beschränken. Jedes Unternehmensziel wird heute durch einen Parallelprozess begleitet, der die Frage aufwirft, wo stehe ich mit meinem Unternehmen im Gesamtzusammenhang der Welt. Insofern ist jedes Unternehmen gut beraten, wenn es innerhalb des Unternehmens eine Einheit oder Abteilung aufbaut, die sich allein mit diesem Prozess beschäftigt. In dieser Abteilung müsste grundsätzlich jeder Mitarbeiter in der Lage sein mitzuarbeiten, unabhängig davon welcher Abteilung er sonst angehört. In bestimmten rhythmischen Abständen müssten Prozesse stattfinden, die etwas mit freier Aussprache und Fragen zu tun haben, die über das eigene Unternehmen hinausgehen.

AoA: Führen wir diese Überlegung fort, kommen wir zu Begriffen wie Nachhaltigkeit, sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung, Mitarbeiterentfaltung und Kundenzufriedenheit. Woran liegt es wenn Unternehmen zwar einmal diesen Weg verfolgt haben, aber später wieder davon abkommen sind?

Johannes Stüttgen: Man muss immer wieder an den Anfang, sonst geht dem Unternehmen das Herz verloren. Es liegt in der Natur der Sache, wenn neue Personen die alten ablösen. Es ist immer alles im Fluss und jede Idee muss immer wieder aufs Neue gedacht, neu hervorgebracht werden, von jeder neuen Person. Das betrifft im Übrigen nicht nur die Unternehmer allein, sondern alle in dem Unternehmen Mitarbeitenden. Nachfolger, die nur die alten Ideen nachbilden, werden scheitern. Sie müssen ihre eigene Authentizität einbringen, was in Unternehmen natürlich schwierig ist, die durch große Persönlichkeiten geprägt sind. Es kommt darauf an, dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in diesen Prozess eingebunden sind. Die heutige Zeit aber gebietet es jedem Unternehmen, die Frage zu stellen, welche Rolle es im wirtschaftlichen Ganzen spielt.

AoA: Kennen Sie weitere Beispiel für den möglichen Einfluss künstlerischer Herangehensweisen in der Wirtschaft?

Johannes Stüttgen: Diese Frage zu beantworten, wird umso interessanter, wenn wir die allgemeine mediale Präsenz von Digitalisierung hinzuziehen. Dadurch sollen immer mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Nehmen wir das Krisenbeispiel Opel vor einigen Jahren. In einem Gespräch sagte ich Götz Werner damals, dass ich in der aktuellen Diskussion keinen Widerspruch sehe. Opel ist ein Unternehmen und baut Autos. Die Bundesregierung möchte die Arbeitsplätze erhalten, aber auf dem Markt konnte sich Opel offenbar nicht durchsetzen. Mein Vorschlag war, dass die Arbeitsplätze erhalten werden könnten, aber auf den Bau von Autos verzichtet werden könnte. Stattdessen könnte eine Universität entstehen. Götz Werner sträubte sich gegen diesen Vorschlag und verwies auf seine Erfahrungen mit Universitäten. Ich unterbrach ihn, dass er und ich nicht von der gleichen Art Universität sprechen. Ich sprach von einer Universität, die dann aus Leuten bestünde, die früher Autos gebaut haben (lacht). Nein, Arbeitsplätze gingen nicht verloren. Sie verändern sich. Arbeitsplätze sind schließlich dafür da, neue Arbeit zu erfüllen. Aus welchen Gründen brauchen wir überhaupt noch mehr Autos? Das Auto ist nur ein Symbol. In dem griechischen Wort Autos, steckt der Begriff des Selbst (es fährt von selbst!), das heißt der Begriff der Selbstbestimmung. Wir könnten endlich damit beginnen, Autos im Sinne geistiger Mobilität zu bauen. Es folgen dadurch Universitäten neuen Stils, die nicht mehr verstaatlicht sind, sondern Menschen zusammenführen wollen, die an der Entwicklung der zukünftigen Mobilität arbeiten wollen. Es geht in Zukunft nicht mehr um die Alternative zwischen staatlich und privat, sondern um wirkliche Selbstverwaltung. An dieser Stelle fällt mir ein weiteres Arbeitsgebiet auf, das dringend reformiert werden muss. Das aktuelle Geldwesen entspricht nicht mehr dem neuesten Stand der Menschheitsentwicklung. Vielmehr wird restriktiv versucht, die profitwirtschaftlichen Gesichtspunkte des Systems am Leben zu erhalten und dabei noch andere zu unterdrücken. Folglich komme ich zu dem Ergebnis, dass das Geldwesen aus dem Zugriff der momentanen wirtschaftlichen Kräfte befreit und demokratisiert werden muss. Die Frage des bedingungslosen Grundeinkommens ist bereits ein solch erster Schritt und kann weitergedacht werden. Wir müssen uns auch der Unterscheidung zwischen Arbeit und Einkommen widmen. Ich nehme an, dass es auch genügend Menschen gibt, die Spaß an ihrer Arbeit haben, sei es das Arbeiten am Computer, mit Menschen oder in der Industrie. Jedoch wird die Qualität der Arbeit immer beeinträchtigt werden, weil man selbst immer das Einkommen im Hinterkopf behält. Es wird nicht möglich sein, nur an seine Aufgabe zu denken. Es sind einfach Dogmen, die behaupten, dass Arbeit und Einkommen unweigerlich zusammengehören. Seit jeher ist es tief in uns verankert, obwohl es womöglich gar nicht stimmen muss. Möglicherweise ist es nur eine ideologische Behauptung, die die herrschenden Verhältnisse stabilisieren will. Wir merken heutzutage, dass Arbeit und Einkommen an vielen Stellen nicht mehr zusammengehören. Früher, in einer Selbstversorgerwirtschaft, stimmte diese These. Was ich brauche, pflanze ich im Garten an. Das Konzept gelingt auch noch in der Tauschwirtschaft, wenn ich dieses liefere und jenes von Ihnen erhalte. Heute leben wir nicht mehr in einer Tauschwirtschaft, sondern in einer Fähigkeitenwirtschaft. In einer internationalen Arbeitsteilung ist es schwierig geworden, die altbekannten Schlussfolgerungen zu treffen, und die Begriffe Einkommen und Arbeit hängen nicht mehr unweigerlich miteinander zusammen. Wie hoch ist der geleistete Beitrag in dieser weltweiten Arbeitsteilung und wie beziffere ich ihn mit einem Einkommen? Die geleistete Arbeit ist die Voraussetzung für ein Einkommen. Damit Sie aber ihren Potenzialen entsprechend richtig arbeiten können, ist das Einkommen die Voraussetzung. Die Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens wollen nicht weniger als die Umkehr der bestehenden Arbeitsverhältnisse.

AoA: Diese Loslösung könnte uns der Idee der Sozialen Plastik näherbringen, die auch eine Utopie ist. Überwiegen Ihrer Ansicht nach in diesem Zusammenhang die negativen Zukunftsszenarien und wenn ja, aus welchem Grund?

Johannes Stüttgen: Dass die Begriffe Arbeit und Einkommen schon jetzt auseinandergehen, ist keine negative Zukunftsvorstellung, sondern bereits Realität. Die skizzierten gesellschaftlichen Abgründe sind eine Konsequenz, weil Begrifflichkeiten nicht hinterfragt und daher nicht klar genug abgegrenzt und aufgeweicht werden und anderseits zu wenig beinhalten und demnach erweitert werden müssen. Der Informationsgehalt der Welt nimmt zu, aber unser Wortschatz verharrt. Klare Begrifflichkeiten vermitteln keine Einseitigkeit, sondern stellen eine Alternative zur aktuellen Entwicklung dar. Der aktuelle Trend sieht nur so schlecht aus, weil es keine klare Perspektive gibt und die Prognosen deshalb wieder einmal nicht zutreffen. Obwohl ich schnell als Idealist bezeichnet werde, sehe ich mich selbst als einen Realisten, weil ich versuche möglichst alle Einflussgrößen kenntlich zu machen.

Interview als PDF.

Quellenangabe: Age of Artists, Interview mit Johannes Stüttgen. Düsseldorf 16. März 2017 Das Interview führte Dirk Dobiéy (Age of Artists, AoA) in Düsseldorf am 16. März 2017. Dieser Text ist lizensiert unter Creative Commons BY-NC-SA 4.0 (creativecommons.org). Blogpost: Dirk Dobiéy. Übersetzung Vivian Kolster und Stephanie Barnes.

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