“Ich denke, dass Menschen durch Tanz Empathie lernen können”, sagt die Tänzerin Lucija Mikas. Sie begann ihre tänzerische Laufbahn mit 11 Jahren an der John Cranko Schule in Stuttgart und brach ihre klassische Ballettausbildung dort nach 4 Jahren harten Trainings wieder ab. Was Mikas durch die Jahre strengen Tanzunterrichts lernte bestätigt gängige Klischees wenn sie sagt “Disziplin ist schon erforderlich, weil klassisches Ballett auf einem Niveau mit Schlittschuhlaufen und Kunstturnen steht. Dabei werden übermenschliche Disziplin und Kräfte verlangt, um große Leistungen zu bringen. Im Nachhinein tut mir der Besuch der Schule auch nicht leid, weil mir eine Art Disziplin geblieben ist, die ich für andere Bereiche nutzen kann.” So dankbar Mikas für diese Erfahrung ist, so deutlich wurde ihr auch, dass dieser Weg nicht ihre Bestimmung war. Sie wandte sich dem zeitgenössischen Tanz zu, auch weil dort Talent anders betrachtet wird. “Dort wird Talent eher an Kreativität, Ausdruckskraft oder Improvisation gemessen. […] Zeitgenössischer Tanz wird als körperlicher Ausdruck von Ideen und Emotionen beschrieben.” So entschied sie sich für ein Studium an der Akademie für zeitgenössischen Tanz in Berlin. Im Anschluss arbeitete Mikas in verschiedenen Projekten bis sie sich entschied auf unbestimmte Zeit nach Kroatien zu gehen, wo sie sich verliebte und bis heute geblieben ist. Ein sehr beschränktes kulturelles Angebot und die fehlende Unterstützung für ihr Genre zwang sie dazu sich eine eigene Infrastruktur aufzubauen. “Dadurch begann ich mir selbst beizubringen Projekte zu schreiben, was mir heute sehr zugute kommt. Ich habe eine Infrastruktur geschaffen, die einerseits für Jugendliche und ihre Projekte nützlich ist und andererseits einen Rahmen bildet für Leute, die außerhalb [des Landes] leben. Hiermit können wir gemeinsam Mittel beantragen, damit wir zusammen auf einer professionellen Art und Weise arbeiten können. Jetzt kann ich nach all den Jahren sagen, dass ich ein Netzwerk habe mit dem ich arbeiten kann. Seit vier Jahren arbeite ich in der Schule als Tanzpädagogin und unterrichtet zeitgenössischen Tanz.”

“Reflection”; production: Histeria Nova 2017; choreography: Marija Šćekić; dancers: Lucija Mikas, Elvis Hodžić; photography: Srđan Babić

Der Prozess

So vielfältig die Betätigungsfelder von Lucija Mikas sind, so universell einsetzbar ist für sie der künstlerischen  Schaffensprozess. “Ich möchte den Prozess gar nicht auf das Künstlerische beschränken. Er zieht sich nämlich durch alle Lebensbereiche. Zu Beginn habe ich eine Idee oder ein beliebiges Ereignis. Das kann auch eine unreflektierte Erfahrung aus der Vergangenheit sein, der ich mich jetzt stelle. Danach überprüfe ich, was ich bereits zur Umsetzung habe und was mir fehlt. Anschließend wäge ich das Potenzial dieser Idee ab, teile es in Segmente, die ich verfolge und komme zu einem Abschluss. Der Abschluss ist dann die Umsetzung.”

Die Idee

“Zuvor muss gesagt werden, dass jeder Bewegungsablauf als eine Reaktion des Innenlebens entsteht. Zeitgenössischer Tanz wird als körperlicher Ausdruck von Ideen und Emotionen beschrieben,” erklärt Lucija Mikas im Gespräch auf die Frage nach dem Ursprung ihrer Ideen. “Ich sehe beispielsweise einen Feigenbaum, der aus einem Stein wächst. Dieser Feigenbaum erinnert mich an meine Wurzellosigkeit, weil ich seine Wurzeln nicht sehe. Der Baum wirkt ungebunden und nicht greifbar. Anders als bei einem Olivenbaum im Garten, wo man ganz genau sieht und weiß, dass er zu diesem Garten gehört. Dann versetze ich mich in den Baum und kann verschiedene Ansätze verfolgen. Ich kann bei der Textur des Baumes ansetzen und fühlen, wie seine Blätter beschaffen sind oder wie seine Wurzeln verlaufen. Die Metapher lässt sich weiterverfolgen und es ist zu sehen, dass der Baum nur kleine Wurzeln hat und nicht dahin gehört.

Das kann ich auf mein Leben und meine Kunst beziehen. Aus diesem inneren Gefühl kann ich Bewegungsmaterial schöpfen, indem ich körperlich umsetze, welche Struktur der Baum besitzt. Durch Improvisation kommt als Reaktion ein bestimmtes Bewegungsmaterial heraus. Entweder lege ich dieses Bewegungsmaterial fest oder lasse es frei. Ich kann die Freiheit der Struktur für ein Tanzstück festlegen, sodass es völlig improvisiert ist oder einer festgelegten Struktur mit festgesetzten Bewegungssequenzen folgt.”

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Die Schöpfung

Selbst wenn das Ergebnis von Mikas’ Arbeit in einer definierten Struktur und Abläufen endet ist der Weg dorthin gekennzeichnet durch das Agieren im Augenblick, durch spielerische Improvisation und sie grenzt dieses Vorgehen von Fokus und Erfolgsorientierung ab. “Nach meinem Empfinden ist Konzentration ein Begriff, der nicht ganz mit Improvisation harmoniert. Für mich hat Konzentration und Fokus etwas mit einem Willen zu tun, der aus einem Erfolgsgedanken entstand. Improvisation beschreibt sich besser mit loslassen. Obwohl man durchaus konzentriert ist, bleibt man offen für Einflüsse. Es ist womöglich auch ein Paradox und ähnelt der Meditation, die sich jemand vornimmt und unbedingt erreichen will. Das ist meistens der Fehler, dass man sich zu sehr auf die Erfüllung beschränkt und Schritt für Schritt an solche Dinge herangeht. Im Prinzip taucht Improvisation immer und in jedem Schritt auf, aber wenn man von einem klassischen Schaffensprozess ausgeht, dann vor allem am Anfang. Natürlich findet sich Improvisation auch auf der Bühne. Ich finde es schön etwas in einem Menschen auszulösen und besonders der Überraschungseffekt, dass in jedem etwas anderes ausgelöst wird.  Einerseits denke ich, dass jeder der auf der Bühne steht den Wunsch nach Beifall hat. Andererseits behaupten nahezu alle Künstler, dass sie ihre Kunst aus einem inneren Drang heraus machen. Ich bin da keine Ausnahme, aber für mich steht der Schaffensprozess im Vordergrund, weil ich ihn als erlösend wahrnehme.” Eine Erlösung die auch aus der Zusammenarbeit mit anderen Menschen erwächst. Der Kontakt mit anderen Künstlern, das Ausprobieren und Erfahren von Bewegungen und den Einfluss eines anderen Körpers für das eigene Körpergefühl beispielsweise. “Der Tanz hat sehr viel mit Einfühlungsvermögen zu tun. Kontakt mit der Außenwelt wird durch die Sinne aufgenommen. Durch Berührung wird das Gegenüber am unmittelbarsten erfahren. Oftmals viel direkter als über Blickkontakt, dem Gehör oder dem Geruch, weil die Information mit dem ganzen Körper wahrgenommen wird. Fasse ich etwas Heißes an, spüre ich es unmittelbar. Nach dem Sammeln von Erfahrungen und Analyse eines Themas kommt es zur Synthese. Nach und nach setze ich einzelne Fragmente zusammen und arbeite Feinheiten heraus. Dabei ist es gut, wenn du jemanden von außen hast, der auf dein Werk schaut. In meinem Fall kann es ein Regisseur, ein Bekannter oder ein Kollege sein, der mir Feedback gibt.” Außerdem spricht sie von der Notwendigkeit konstruktiver Kritik um sich neu wahrzunehmen und weiterzuentwickeln. “Beim Ballett lernte ich auch sehr dankbar für konstruktive Kritik zu sein, da diese unglaublich wichtig ist. Andere Tänzer sind meinem Erachten nach zu empfindlich und nehmen Kritik zu schnell persönlich. Auch mit diesen Leuten ist es schwer zu arbeiten. Meinen Schülern bringe ich schnell bei, dass sie offen und objektiv in ihrem Feedback sein sollen. Gleichzeitig ist es wichtig gerecht und fair zu sein und darauf zu achten nie jemanden persönlich zu verletzen.” Wenn dies gelingt kommt irgendwann der Tag der Präsentation vor Publikum. Dabei erteilt Mikas dem Begriff der Vollendung eine klare Absage wenn sie sagt “es ist nie richtig fertig. Die Notwendigkeit des Auftritts ist eine Grenze bis zu der du arbeitest. Für diesen einen Moment ist deine Arbeit dann fertig, aber das kannst du in einem Monat komplett anders sehen. Heutzutage haben wir zwar alle Möglichkeiten in Form von Videos und Aufzeichnungen, sodass wir alles archivieren können, aber Tanz ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Das spiegelt sich auch in der Philosophie und Lebensart des Tanzes wieder, dass von Moment zu Moment gelebt wird. Nur wenn du in dem Moment lebst, kannst du den Tanz wirklich leben. Es ist die Kunst des Momentes. […] Es gibt keine Sicherheit. Begriffe wie Fehler oder Scheitern existieren nur, wenn man es zulässt.”

Lesen Sie das vollständige Interview

Der Froschkönig

Interview: Dirk Dobièy
Transkription: Eugen Buss
Blog-Beitrag: Adina Asbeck
Bildquelle: Florian Hammerich, Srđan Babić

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