Stellen sie sich einen Werdegang vor bei dem Sie als Jugendliche in einer Rockband spielen und sich dann für eine Ausbildung zur Bankkauffrau entscheiden. Mit dieser Qualifikation in der Tasche gibt es nur ein Problem: Sie fühlen sich unterfordert. Wieso also nicht die Aufnahmeprüfung als Pianistin und Klavierpädagogin an der Musikhochschule in Karlsruhe machen? Diesen Werdegang gibt es und es ist erst der Anfang von Sabine Schäfer’s Laufbahn. Aktuell arbeitet die Künstlerin auf dem Gebiet der audiovisuellen Installationskunst, einem Feld welches sie auch gemeinsam mit Joachim Krebs als Künstlerduo <SA/JO> mitentwickelt hat. Schäfer ist seit über 20 Jahren Dozentin an der Hochschule für Musik Karlsruhe für Improvisation im Klavierunterricht und pädagogisch-orientiertes Kreativitätstraining. In den 1980er Jahren arbeitete sie als Composer-Performer bei interdisziplinären Projekten, zusammen mit Bildenden Künstlern, Tänzern und Musikern. Seit Mitte der 1990er Jahren ist sie international tätig als Komponistin und Klangkünstlerin. So vielfältig wie ihr Wirken waren auch die Themen in unserem Gespräch mit Sabine Schäfer.

Teil 1: Die Künstlerin

Neugier: Besser als Talent

„Talent ist ein Begriff, der damit zu tun hat, dass man sich mit seinen spezifischen Fähigkeiten identifiziert, die nahe liegen und die man liebt. Wenn man seine Talente entdeckt und entdecken kann und die Umwelt es zulässt, dass die Talente sich auch entwickeln dürfen, dann ist es ein großer Gewinn mit ihnen das Leben zu gestalten – sowohl beruflich als auch privat. Wir alle haben verschiedenste Fähigkeiten und benötigen die Gelegenheit sie zu entdecken. Das Entdecken und die Neugier spielen in jeder Phase meines Kunstschaffens eine wichtige Rolle. […] Es ist eine Bereicherung, wenn ich in Resonanz mit der Welt bin. Der Austausch mit Menschen, das Beobachten und diskutieren der gesellschaftlichen Veränderungen, die mediale Wahrnehmung und etliches mehr bringt mich zu einer gewissen Unabhängigkeit von der Tagesaktualität und schafft mir eine eigene innere Wertesubstanz, die mir gewahr macht wofür ich leben möchte.“

Reflexion: Offenheit für das Neue

„Seit vielen Jahren schaffe ich Kunstwerke und reflektiere obligatorisch mein ästhetisches Tableau. Dadurch gelange ich zu eigens gesetzten, aber variablen Konditionen die mir die Balance und Verpflichtung in der künstlerischen Arbeit ermöglichen. Ganz substanziell ist die Offenheit für das neue Kunstwerk. Unabhängig ob es sich um ein spezielles Auftragswerk handelt oder um die grundsätzliche Arbeit z.B. an einer neuen Werkreihe. Das ist etwas, was ich gerne immer wieder tue: Ich reflektiere die vorhandenen Potenziale und gebe mir die Freiheit für den Perspektivwechsel um die für die eigene Ästhetik stimmigen Ausformungen des Kunstwerks zu finden. Wenn man schließlich eine bestimmte Kondition festgelegt hat, dann herrschen schon strengere Regeln. Es ist ein Vor und Zurück, eine wellenartige Entwicklung.“

Widerstandsfähigkeit: Ein kontinuierlicher Prozess

Resilienz ist für Sabine Schäfer ein kontinuierlicher Prozess und entsteht „mit jedem Schritt und Kunstwerk und jeder Entwicklung. Es ist ein immer wiederkehrender Prozess der Selbstbehauptung, der mir im Laufe der Jahre Gelassenheit und ein ruhiges Wahrnehmen brachte. Schon als junge Künstlerin war ich mutig, das ist Teil meines Wesens. Ich entwickelte Kunstideen, die noch gar nicht greifbar waren. Aber sie brannten in meinem Herzen und befeuerten wie ein permanent laufender innerer Motor ständig meinen Gestaltungswillen. Wenn die innere Energie und Vorstellungskraft stark und präzise genug sind, gelingt auch die Umsetzung in die Kunstrealisation. Das ist für mich eine beglückende Erfahrung.“

Die Zeit: Nicht Linie, sondern Kugel

„Für mich impliziert die Vorstellung von der „Kugelgestalt“ der Zeit ein nicht lineares Zeitverständnis, das eine Gleichzeitigkeit von Allem impliziert. Wir spalten die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart. In der Kunstbetrachtung kann dies aufgehoben werden und der Besucher versenkt sich in der Betrachtung, dem Zuhören und Wahrnehmen des Kunstwerkes bzw. Kunstraumes, im Hier und Jetzt.“

Diese Form des Hier und jetzt hat auch Konsequenzen für Schäfers Lebensplan wenn sie erklärt „Ich versuche konstant möglichst wenig entfremdete Dinge zu tun, insbesondere nichts, das Leben und Kunst voneinander trennt. Im Laufe der Zeit habe ich eine Disziplin entwickelt, aus der sich ein bewusstes und für mich stimmiges Leben speist. Kunst möchte ich mit voller Intensität betreiben und benötige dafür viel Zeit. Auf diese Weise bilde ich mir ein Tableau, auf dem ich weiterarbeiten und leben kann und das auf dem Erfahrungsschatz meines künstlerischen Lebens fußt. Herr der eigenen Zeit zu sein bedeutet für mich ein Stück Autonomie und weniger Abhängigkeit von äußerlichen Ereignissen.“

Sound Pavillion

Teil 2: Die Dozentin

Individuum: Raum für Flexibilität

„Als Instrumentallehrer erteilt man überwiegend Einzelunterricht und hat es immer wieder mit einem anderen Menschen zu tun. Ich selbst begreife es als große Chance stets mit neuen Personen in Kontakt zu sein, die andere Fähigkeiten und Vorkenntnisse mitbringen und erlebe es als etwas sehr Spannendes beim Unterrichten. Es ist wichtig eine auf den Schüler abgestimmte Methode und Herangehensweise zu finden, die Raum für Flexibilität schafft. […] Man kann nicht von vornherein wissen welche Art von Musikalität in einem Menschen steckt, dazu muss man ihn erst einmal kennenlernen.“

Improvisation: Das Phänomen konstruktiv zu scheitern

„Das Spiel ohne Noten kann eine Herausforderung sein und den Schüler an seine Grenzen bringen, wenn er beim Ausprobieren seiner Fähigkeiten den Eindruck gewönne, etwas würde ihm missglücken. Kommt jedoch die Kreativität mit ins Spiel, wird der Schüler das sogenannte Missgeschick in eine neue musikalische Idee umwandeln können. Deshalb gibt es in der Improvisation eigentlich das Phänomen des destruktiven Scheiterns nicht.“

Inspiration: Intensität statt Masse

„Mir erscheint es daher wichtig nicht in einer linearen Leistungsschiene zu denken, die Masse erzeugen will, statt Intensitäten zu entwickeln. Festgelegte detailgenaue Zielsetzungen sind nicht unbedingt zielführend. Für mich ist es eine inspirierende Grundlage, sowohl bei der pädagogischen als auch der künstlerischen Tätigkeit, sich selbst immer wieder überraschen zu lassen und sich in Verbindung mit Arbeitsprozessen und Materialien zu bringen, die geeignet sind die eigene Fantasie anzuregen und etwas hervorzubringen, das authentisch ist.“

„Die Gesellschaft hat uns antrainiert in Leistungsstufen zu denken und das zu erreichen, was von anderen als Leistungsniveau anerkannt wird. Eine Referenzverschiebung ist vonnöten, denn die Referenz liegt in jedem selbst. Mir erscheint es wesentlich sich von äußeren Instanzen unabhängig zu machen und sich nicht vorschreiben zu lassen, was gelungen oder nicht gelungen ist. So ist es möglich eine Zufriedenheit für sich selbst zu entwickeln.“

Infrastruktur: Faktor für den Fortbestand

„Ich glaube, dass es auch in Unternehmen, die fern von Kunst stehen, wichtig ist eine Infrastruktur in ihrer Arbeitswelt zu entwickeln, damit die dort beschäftigten Menschen sich geschätzt und geachtet fühlen… […] Ich glaube, die globale Entwicklung einer menschenfreundlichen und ökologisch orientierten Unternehmenskultur ist ein entscheidender Faktor für den Fortbestand unserer Welt.

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

<SA/JO>: TopoSonic Tunnel – Begehbarer RaumklangKörper

Bildquelle: Sabine Schäfer
Audioquelle: Sabine Schäfer – Audio Biospheres, Part of Milieu III

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