Von Thomas Köplin und Dirk Dobiéy

Fünfter und letzter Teil unserer Reihe. Den ersten Teil lesen Sie hier, den zweiten Teil hier, den dritten Teil hier und den vierten Teil hier.

Teil 5: Ratio und Resilienz

Eine Besonderheit künstlicher Intelligenz liegt darin, dass sie kein Gefühl kennt. Sie arbeitet logisch, wenn auch ihre Logik für uns Menschen nicht immer nachvollziehbar ist. Was daran liegen mag, dass bei uns Menschen das Gefühl (auch wenn wir es anders empfinden) immer an erster Stelle kommt, gefolgt vom langsameren Verstand, der erst im Nachhinein einordnet, urteilt, legitimiert, in gewisser Weise dem Gefühl hinterher räumt. Aus diesem Unterschied wird auch klar, was wir, Menschen und Maschinen, uns gegenseitig voraushaben und worin wir uns ergänzen können. Nun ist es manchmal so, dass man Dingen, die man nicht oder von denen man zu wenig hat, größeres Begehren und höhere Wertschätzung entgegenbringt als jenen, über die man bereits verfügt. Das wiederum drückt sich auch aus in unserer Sehnsucht nach rationalem Vorgehen, nach Berechen- und Erklärbarkeit, die wir mit Hilfe intelligenter Maschinen stillen wollen. Sie machen uns zu dem, was Mr. Spock vergeblich zu verbergen suchte: Halb Vulkanier, halb Mensch verkörpert er die Symbiose, die manche von uns im Sinn haben, wenn sie an den Menschen der Zukunft denken.

Allerdings führt unser Streben nach Berechen- und Erklärbarkeit  ganz beiläufig dazu, dass die menschliche Wahrnehmung, die eigenen Sinne, Gefühle und Unterbewusstes eine Abwertung erfahren. Gleichzeitig wächst die Gefahr, dass die sich vor allem auf Erfahrung stützende Vorstellungskraft zunehmend entmachtet wird, berichtet der Autor Manfred Osten und weiter: „Die Folge ist, dass sich der Mensch der Fatalität möglicher Irrtümer und Fehler bei der Umsetzung von Planungstheorien in reale Handlungen immer weniger bewusst wird. Mit der raschen Zunahme von erfahrungslosem Wissen vor dem Horizont virtueller Welten läuft der Mensch Gefahr, bei der Bewältigung von Fehlern zunehmend überfordert zu sein.“[1] Das bedeutet letztendlich, dass wir unsere Widerstandsfähigkeit verringern anstatt sie zu erhöhen.

Künstler sind geübt darin mit Mehrdeutigkeit und unvorhersehbaren Ereignissen umzugehen

Auch in diesem Zusammenhang können wir vom Künstlerischen lernen. Denn Künstler sind geübt darin, Gefühle und Unterbewusstes in ihrer Arbeit zu berücksichtigen, mit Mehrdeutigkeit und unvorhersehbaren Ereignissen umzugehen. Sie erzwingen ihr Auftauchen geradezu, weil sie es sind, die Neues erst ermöglichen. Künstler haben ein Verständnis dafür entwickelt, dass die vermeintlichen Schattenseiten unerlässlich sind, wollen sie kreativ sein. Sie wissen welchen Nutzen im fortwährenden Ringen um das Werk, lieb gewonnene Feindschaften für sie haben, die sie mit Kritik und Dissens, Fehler und Scheitern, Zweifel und Krise verbinden. Jede überstandene Auseinandersetzung mit ihnen, stärkt die eigene Widerstandsfähigkeit. In diesen Zusammenhang kann man auch die Aufführung stellen, die für den Künstler mehr Frage, als Antwort ist, die als fortwährendes Beinahe, als ein Loslassen und nicht als perfekter Endzustand zu verstehen ist und durch die jede künstlerische Tätigkeit einen erlebbaren externen Bezug erhält.

Lernumgebung für tiefgreifende Erfahrungen

Damit Menschen in Organisationen eine funktionierende Lernumgebung erhalten, um eine vergleichbare Widerstandsfähigkeit aufbauen zu können, müssen diese es ihren Mitarbeitern ermöglichen, ähnlich tiefgehende Erfahrungen zu machen, mehr noch zu empfinden. Sie davon fernzuhalten, ergibt auf Dauer wenig Sinn. Gerd Gigerenzer, Psychologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sieht das ganz ähnlich: „Man vernachlässigt in unserer Gesellschaft die intuitive Komponente, weil man bereits seit der Aufklärung die Ratio über die Intuition stellt und dann den Eindruck hat, dass die wirklichen Inspirationen und Innovationen durch Nachdenken zustande kommen. Das ist aber nicht immer der Fall. Wir sollten die Quelle und die Wichtigkeit von Intuition hier nicht unterschätzen. (…) Mir geht es darum, Kopf und Bauch auf eine Stufe zu stellen, also zu zeigen, dass Entscheidungen, die auf Intuition beruhen anstatt auf komplexer Analyse, nicht immer zweitklassig, sondern oft auch besser sein können.”[2]

Will eine Organisation beweglich sein, müssen die Menschen sich bewegen können und bewegt sein dürfen

Es geht also nicht darum, Organisationen widerstandsfähiger zu machen, indem man versucht, die Zukunft vorauszusagen, das Unplanbare planbar zu machen und drohende Verletzbarkeit abzuwenden (was meist mit Hilfe von Regeln, Anweisungen oder Standards versucht wird). Sondern es geht darum, den Mitarbeitern zu ermöglichen, individuelle Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, indem sie unmittelbare Erfahrungen machen und sich als Mensch ganz, auch mit ihrer Intuition und ihrem Gefühl einbringen. Will eine Organisation beweglich sein, müssen die Menschen sich bewegen können und bewegt sein dürfen.

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[1] Osten, Manfred (2006). Die Kunst Fehler zu machen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
[2] Gigerenzer, Gerd. (15.1.2010) Sind Erfindungen auch Resultate genialer Eingebungen?Online verfügbar unter https://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/4889/sind-erfindungen-auch-resultate-genialer-eingebungen/. Zuletzt geprüft am 11.10.2017.

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Dieses Essay basiert auf unseren Nachforschungen der letzten vier Jahre. Was unsere Erkenntnisse lebensnah und anwendbar macht, ist, dass wir bis heute weit über 100 Gespräche mit Künstlern aller Genres, aber auch mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und mit zahlreichen Wirtschaftsvertretern geführt haben. Ausführlich berichten wir darüber in unserem Buch „Creative Company“ (https://creativecompany.ageofartists.de)

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Bildquelle: National Gallery of Art; Charles Caleb Ward; His First Appearance in Public 

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