Dritter Teil unserer fünfteiligen Reihe. Den ersten Teil lesen Sie hier, den zweiten Teil hier.

Teil 3: Entscheidung und Selbsterkenntnis

Ein Nutzen künstlicher Intelligenz liegt darin, dass sie uns schon heute (und mehr noch in Zukunft) hilft, Entscheidungen zu treffen, oder uns ganz von ihnen entbindet. Das hört sich sinnvoll und verlockend an angesichts einer tatsächlich oder nur gefühlt zunehmenden Vielfalt an Möglichkeiten. Wie willkommen wäre uns eine simple App, die uns an die Hand nimmt, wenn wir auf der Suche nach gesunden Milchprodukten für die Kinder mit dem Kühlregal im Supermarkt konfrontiert werden? Warm, wärmer, Joghurt! Doch die Entwicklungen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz tendieren dazu, uns Entscheidungen immer größerer Tragweite abzunehmen. Welchen Fernseher kaufen wir, wo investieren wir, wie therapieren wir Krankheiten?

Die Erhöhung der Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz bringt viele Vorteile mit sich. Sie entscheidet schneller, oftmals auch besser als wir Menschen. Sie trägt in sich  aber auch das Risiko, dass wir uns mit essentiellen Themen weniger auseinandersetzen, dass wir weniger tiefgehende Analysen anstellen, reflektiertes Abwägen und auch das Ringen um Antworten einstellen, die zwingend genug sind, um zu einer guten, für uns bindenden, verpflichtenden Entscheidung zu gelangen. So verlieren wir Souveränität im Umgang mit den Dingen, berauben uns der Möglichkeit Selbsterkenntnis zu erlangen und Sinnhaftigkeit in unserem Handeln, in unserem Leben zu erfahren. An diesem Punkt kann dann auch ein noch so gut gemeintes „Search Inside Yourself“-Seminar nicht mehr helfen. Im Versuch, wieder ein Gefühl von Balance, Sicherheit und Sinn in unserem Handeln, in unserer Sicht der Welt entstehen zu lassen, begegnen sich heute viele Strömungen. Achtsamkeit zum Beispiel gehört inzwischen zum guten Ton in unseren Organisation. Gedacht wird sie allerdings nur als simplifiziertes Konzept, das herausgelöst aus einem größeren Zusammenhang bestenfalls kaschieren kann, woran es nach wie vor mangelt.

Im Künstlerischen lässt sich ein Weg zu mehr Sinnhaftigkeit erkennen, der in jedem von uns seit jeher angelegt ist und deswegen auch jedem von uns offen steht: Künstlerisch handelnde Menschen bringen zu jeder Zeit alles in ihre Arbeit ein: ihr Wissen und Können, ihr Gestaltungspotenzial und vor allen Dingen ihre Leidenschaft – eine Leidenschaft, zu der sie – und das mag überraschen – durch Reflexion gelangen. Reflexion bedeutet für den künstlerischen Menschen, zu analysieren und zu abstrahieren, sich frei zu machen von dem, was gewesen ist, sich davon zu distanzieren, was allgemein anerkannt ist, die eigene Perspektive zu verändern, Ideen zu generieren und im Austausch mit anderen weiterzuentwickeln und durch ständiges Hinterfragen sicherzustellen, sich niemals zu sicher zu sein. Dabei zielt alles darauf, sich zu fokussieren, zu einem besseren Verständnis zu gelangen, sich so einer Sache zu verpflichten, dass dadurch Entscheidungen nicht nur möglich, sondern zwingend werden.

Eine so verstandene und gelebte Reflexion beschränkt sich nicht nur auf die Urteilsbildung und Entscheidungsfindung mit Blick auf ein einzelnes Werk, sondern ist auch Ausgangspunkt für die Vermittlung zwischen Werk und Œu­v­re, Wert und Wirkung, Sinn und Sachlichkeit, Position und Transzendenz, Arbeit und Leben. Damit ist sie der Ort an dem sowohl die Sinnhaftigkeit, also der Bezug des Werkes zur Welt, als auch die Selbsterkenntnis, also die persönliche Beziehung zur Welt, verhandelt werden. So wird leicht nachvollziehbar, dass es riskant für den einzelnen Menschen, für Organisation und eine ganze Gesellschaft sein kann, diese Verhandlungen Algorithmen zu überlassen. Um die ethischen Belange künstlicher Intelligenz einschätzen, um uns Augenhöhe im Umgang mit ihr erhalten zu können, ist es essentiell, unterscheiden zu können, an welchen Stellen und in welcher Form sie nützlich sein kann und an welchen sie unsere Chancen auf Selbsterkenntnis einschränkt.

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Im vierten Teil unserer Serie berichten wir darüber, wie Automatisierung uns von lästigen Tätigkeiten befreit aber gleichzeitig unser Kreativität durch die Abschaffung wichtiger Routinen beeinträchtigt.  

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Dieses Essay basiert auf unseren Nachforschungen der letzten vier Jahre. Was unsere Erkenntnisse lebensnah und anwendbar macht, ist, dass wir bis heute weit über 100 Gespräche mit Künstlern aller Genres, aber auch mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und mit zahlreichen Wirtschaftsvertretern geführt haben. Ausführlich berichten wir darüber in unserem Buch „Creative Company“ (https://creativecompany.ageofartists.de).

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Bildquelle/Picture Source: Art Institute Chicago 

 

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