Von Thomas Köplin und Dirk Dobiéy

Vierter Teil unserer fünfteiligen Reihe. Den ersten Teil lesen Sie hier, den zweiten Teil hier, und den dritten Teil hier.

Teil 4: Automatisierung, Routine und Spiel

Maschinen nehmen uns dank Automatisierung Arbeit ab. Sie übernehmen Aufgaben, die gefährlich sind, Aufgaben, die Präzision erfordern, oder Aufgaben, die uns langweilen. Die zunehmende Leistungsfähigkeit oder (wenn man so will) Intelligenz der Systeme macht es möglich, auch wissensintensive oder komplizierte Tätigkeiten zu automatisieren. Auch wenn sich unsere Wahrnehmung der damit verbundenen Vorteile schnell abnutzt und sicher jeder Mensch eine eigene Perspektive auf diese Vorteile entwickelt, es gibt sie zweifellos: Die Automatisierung von Routinetätigkeiten schafft uns neue Freiräume, die wir im besten Fall mit sinnvolleren Tätigkeiten ausfüllen können.

Die Automatisierung von Routinetätigkeiten schafft uns neue Freiräume.

Und natürlich nimmt uns Automatisierung auch etwas: An erster Stelle wird hier den meisten der Verlust von Arbeitsplätzen einfallen, gefolgt vielleicht von Fragen der Ethik und Sicherheit. Doch davon verdeckt, im öffentlichen Diskurs beinahe unbeachtet gibt es eine weitere Frage, die für unser Selbstverständnis und unsere Zukunft ganz zentral ist: Was macht es mit unserer Kreativität, wenn wir Maschinen unsere Routinen überlassen? Was wird irgendwann aus dem Üben, dem Wiederholen der immer gleichen Handlungen, die notwendig sind, um dadurch jene Reife zu erlangen, die es wiederum möglich macht, sich darüber zu erheben und über sich hinauszuwachsen? 

Ohne das Fundament der Routine ist Neues nicht vorstellbar. 

Auch der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz sieht die Routine als eine wesentliche Zutat für das Entstehen von Kreativität. Innovation ohne Routine ist für ihn nicht denkbar. „Das Schreiben an einem Roman oder das Malen an einem Bild ist zu einem erheblichen Teil eine routinierte Technik, die auch bestimmte Kompetenzen erfordert, die in einem langen Prozess erst mal erworben und trainiert werden müssen. (…) Es geht dabei nicht um eine Routine, die auf einer geistlosen Wiederholung beruht, sondern auf komplexen Kompetenzen.“[1] Auch wenn er seine Beispiele in der Kunst sucht, es ist unerheblich, in welchem Bereich man sich bewegt. Ob nun Geiger, Sofwareentwickler oder Koch – ohne das Fundament der Routine ist Neues nicht vorstellbar. 

Routine ist eng verbunden mit unserem Hang zum Spielerischen, das unsere Beweglichkeit im Denken und Flexibilität im Handeln trainiert. Bernd Rosslenbroich, Leiter des Instituts für Evolutionsbiologie an der Privatuniversität Witten/Herdeckeist sich sicher, dass die großen evolutionären Veränderungen nicht als reine Anpassung an Umweltbedingungen erfolgten, sondern aus einem Wechselspiel und einem Austausch von Organismus und Umfeld heraus. Für ihn ist es konsequent und selbstverständlich, dass höher entwickelte Organismen anfangen zu spielen: „Eine Evolutionsforschung, die sich auf Anpassung konzentriert, kann diesen Sachverhalt evolutionsbiologisch nur schwer erklären, weil das Spielen keinen Anpassungswert hat. An dieser Stelle kann man das Spiel des Menschen betrachten und feststellen, dass der Mensch das Spielen exzessiv betreibt. Kinder spielen ausgesprochen umfangreich. Wird dieser Gedanke fortgeführt, kann man eine gewisse Kreativität erkennen. Es werden flexible Handlungen geübt und kein bestimmtes Verhalten, sondern eine Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten wird eingeübt. Es wird Flexibilität an sich gelernt und das ist Kreativität. Das charakterisiert den Menschen ganz besonders. Wir haben Freiheitsgrade, die wir durch das Spielen trainieren.”[2]

Flexibilität ist Kreativität.

Die vielen Spielarten des Spiels – Experimentieren, Entwerfen, Proben, Komponieren, Kombinieren, Improvisieren und einige mehr – die man im Künstlerischen, aber natürlich auch andernorts findet, geben einen Hinweis darauf, dass das Spiel für uns Menschen eine ernste Sache ist. Zu Recht: Wenn man Routine als eine Quelle unseres Könnens versteht, dann liegt im Spielerischen der Schlüssel zur Kreativität und in der Verbindung aus beidem die Chance, Innovationen hervorzubringen. Legen wir dagegen zu viele unserer Routinen in die Hände von Maschinen, verringert das ganz automatisch unsere Anreize, uns spielerisch weiterzuentwickeln. Damit aber entziehen wir einer immer wieder von vielen Seiten geforderten Gestaltungskompetenz und Innovationsfähigkeit den Boden. 

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Im fünften und letzten Teil unserer Serie denken wir darüber nach, wie digitale Intelligenz, durch eine Überbetonung rationaler Entscheidungsfindung, unsere Intuition abwerten und unsere Widerstandsfähigkeit reduzieren könnte. 

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Dieses Essay basiert auf unseren Nachforschungen der letzten vier Jahre. Was unsere Erkenntnisse lebensnah und anwendbar macht, ist, dass wir bis heute weit über 100 Gespräche mit Künstlern aller Genres, aber auch mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und mit zahlreichen Wirtschaftsvertretern geführt haben. Ausführlich berichten wir darüber in unserem Buch „Creative Company“ (https://creativecompany.ageofartists.de)

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[1] Age of Artists. Interview mit Andreas Reckwitz. 11.06.2015. 

[2] Age of Artists. Interview mit Bernd Rosslenbroich. 14.10.2015.

Bildquelle: Franck V on Unsplash

 

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