Der Pianist Martin Kohlstedt ist Künstler und Unternehmer, Musiker und gleichzeitig Chef seines eigenen Labels mit über zehn Mitarbeitern. Absehbar war das nicht, denn er begann erst mit zwölf Jahren mit dem Klavierspiel. Mittlerweile hat der gebürtige Thüringer drei Soloalben veröffentlicht und tritt auf internationalen Festivals auf. Im Gespräch erzählt er uns wie es gelingen kann, die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von künstlerischer Freiheit, musik-industrieller Notwendigkeit und geschäftlich-administrativen Belangen in einen stimmigen Gesamtzusammenhang zu setzen.

Der Künstler

Auf der Bühne experimentiert Martin Kohlstedt, lässt seine Stücke miteinander reagieren, löst sie auf und schafft so jedes Mal etwas Neues. “Meine Musik basiert auf einem sehr intuitiven Ansatz. Zu Beginn ist es mehr oder weniger ein Spielen aus einer Langeweile heraus, bis es dann zu einem Stück wird, das einem von ganz allein aus den Fingern läuft.” Bei dieser Aussage fällt es nicht schwer sich vorzustellen, wie der damals zwölfjährige zum ersten Mal auf dem verstimmten Klavier im elterlichen Wohnzimmer zu spielen begann. Heute ist für Martin Kohlstedt das Konzert, der Diskurs mit dem Publikum, der Reaktor dafür, dass Neues entstehen kann. “Ich kann mich nicht zu Hause hinsetzen und mir vornehmen, etwas Neues zu machen und daraus etwas zu entwickeln. Stattdessen nehme ich es mit in den Kontext Publikum, in dem auch diese Energie spürbar ist. Da gibt es dieses Gegenüber und diesen Resonanzkörper. Zu Hause ist der Zweifel zu stark. Das Publikum gibt einem aber eine sehr große Sicherheit. Ich merke dann auch, ob ein Stück gerade funktioniert oder nicht. Das Konzert ist die Hauptessenz meiner Arbeit. Live diskutiere ich eher. In dem Moment wo ein Publikum da ist, betrachte ich meine eigenen Stücke von oben und füttere sie elektronisch an, mache sie größer, kleiner, kaputt, vielleicht verstärke ich sie aber auch einfach. Es ist einfach ein komplett anderer Blickwinkel. Mein Live-Konzert ist sehr weit entfernt von dem Album. Und so entwickle ich meine Musik auf der Bühne permanent weiter und lasse sie fortwährend in Verhandlung, bis ich wieder neue Sachen herausarbeite, die ich dann irgendwann wieder auf einem Album aufnehme. Der Prozess findet umgekehrt statt. Das ist es, was mich von vielen anderen Künstlern unterscheidet. Es ist nicht so, dass ich ein Album mache, mit diesem Album auf Tour gehe und dann wieder ein Jahr lang neue Skizzen mache. Der eigentliche Prozess ist das, was ich live tue. Da ist der Diskurs, da ist das Chaos.”

Ein Chaos das für Martin Kohlstedt auch immer eine Suche nach dem Kreativpotenzial seines eigenen Unterbewusstseins ist. “Das Unterbewusste hat das Potenzial, ein Vokabular zu erschaffen”, ist er überzeugt. “Das fühlt sich nach einer höheren Instanz an als die eigene menschliche Entscheidungsfähigkeit, die Dinge in Formate, Längen oder Sets zu pressen. Man fängt an, seine Musik für Formate anzupassen. Das ist natürlich auch ein kreativer Prozess, aber das tatsächlich Künstlerische ist dieses Bohren, oder dieses Übersetzen der tiefsten Ängste. Darin sehe ich das größte künstlerische Potenzial. Man wird energisch, die Hände werden schweißnass und man hat das Gefühl, dass man da nicht weitermachen sollte. Man ist mit sich selbst in einer Welt, die manchmal auch nicht wohltuend ist.” Und doch sieht der Künstler für sich keinen anderen Weg. “Der echteste Moment ist der öffentlichste und ich glaube, dass ich in diesen 90 Minuten am meisten ich selbst bin. Das, was ich zu Hause mache – dieses Kalkulieren und Konstruieren – ist stets falsch.”

 

Der Produzent

Nach der Tour wird aus dem Pianisten der Produzent. Es beginnt ein Auswahlprozess und das was er als “bewussteres kreatives Arbeiten”, auch in Abgrenzung zu seinen Bühnenerlebnissen bezeichnet. “Das ist eine lange Zeit des Abwägens und Auswählens. Ich habe diese riesige Bank an Live-Mitschnitten von einem halben Jahr auf Tour. Dann beginne ich, mir diese ganzen Ansätze anzuhören, zu sammeln und erst einmal in Ordnung zu bringen, in Regale einzuordnen. Ich frage mich, was die Essenz dessen ist, was ich auf der Bühne versucht habe, zu improvisieren. Wenn mir da etwas gefällt, dann konzentriere ich es am Klavier auf den Ursprung zurück, und in dem Moment ist es meistens auch schon das neu gedachte Werk, das dann von meinem Kopf die Erlaubnis bekommt, jetzt selbst wachsen zu dürfen. Dann fange ich an, aufzunehmen, und das ist auch der Beginn dieses Label-Denkens. Ich merke, wie ich umschlage. Anhand des Live-Sounds, der Endaussage oder anderen Faktoren beurteile ich, ob ein Stück es auf das Album schafft. Diese Stücke werden dann weiterentwickelt. Man muss festlegen, welche Länge die richtige für das Album ist, wie viele Stücke auf das Album sollen, wann die Aussage getätigt ist. Da tritt der kreative Prozess in den Hintergrund, weil es darum geht Entscheidungen für ein Produkt zu treffen.” Ein Produkt, und dieser Sachverhalt macht seine Aufgabe nicht unbedingt einfacher, er selbst ist.

 

Der Unternehmer

So frei Martin Kohlstedt auf der Bühne agiert, so geradlinig und stringent verhält er sich wenn es darum geht sein Unternehmen zu führen, “weil die Überraschung mir die Freiheit wieder nehmen könnte, zumindest vom organisatorischen Aspekt her. Ich bin gern zuverlässig auf den Punkt vorbereitet, damit ich frei sein kann. Es fällt mir auch sehr schwer, Aufgaben abzugeben. Ganz gewisse Sachen halte ich sehr eng bei mir. Bei der Administration habe ich beinahe eine Kontrollsucht und in der Kunst lasse ich los. Es gibt eine starke Ambivalenz zwischen der Improvisation beim Auftritt selbst und der Organisation des Drumherums.” Unternehmertum für Martin Kohlstedt bedeutet ein stabiles Fundament zu schaffen auf dem sich der künstlerische Freiraum entfalten kann. “Freiheit ist für mich ein zentraler Begriff. Schließlich ist das auch einer der Gründe, warum man sein eigenes Unternehmen gründet. Das alles ist zwar immer noch eine Nische, aber das muss es auch, damit es weiterhin frei sein kann. Ich hätte vor zwei Jahren zu einem großen Label gehen können und dementsprechend hätte sich meine Attitüde entwickelt. Aber diese Freiheit ist es, wonach ich permanent strebe. Gleichzeitig unterliegt man aber im Gefängnis des Musikbusiness gewissen Strukturen. Aber der Freiheitsgedanke löst alles aus, die ganze Energie entspringt daraus.”

Dabei hilft es dem Unternehmer sehr, dass zu seinem Label 13 sehr enge, vertraute Menschen, “Freunde auf Augenhöhe”, gehören. “Ich will, dass es weiterhin genauso läuft. Und weil das so sperrig zu kommunizieren ist, kann ich niemanden damit beauftragen. Das heißt, dass ich ein Team brauche, das mich lange kennt, mit dem ich aufgewachsen bin. Eine eigene Familie,…” Die 13 Menschen sind das Team, sind die Unternehmung. “Wenn ein Release kommt, dann kümmern diese Menschen sich wirklich um das Album als Produkt. Auf einmal steht dann einfach eine andere Überschrift da, und PR-Agenturen brauchen genau das. Da bin ich einfach der Typ am Klavier und das Team sorgt dafür, dass sich das Album verkauft und dass ich Auftritte bekomme. […] Weil die emotionale Bindung höher gestellt ist als die wirtschaftliche, führt es dazu, dass ich zwischen diesen 13 Menschen vermitteln muss. Mein Job besteht hauptsächlich darin, permanent zu kommunizieren. Ich muss das Team halten.”

Ein Team formen, das Unternehmen leiten, die Bedingungen des Marktes anerkennen und im eigenen Handeln abbilden, künstlerisch Selbstwert und Selbstbewusstsein entwickeln, Gestaltungspotenzial entfalten, Entscheidungen treffen und Ängste überwinden – es ist eine ganze Menge was uns im Gespräch mit Martin Kohlstedt begegnet. Da tut es gut zu erfahren, dass sich auch sein Leben nicht als gerade Linie darstellt. “Auf der einen Seite will ich mir erlauben, die Dinge einfach walten zu lassen, merke dann aber doch, wie sich die linke Gehirnhälfte einschaltet und möchte doch wieder Kontrolle darüber gewinnen. Dieser Streit zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ist meine Energiequelle. Deswegen ist der Widerspruch wahrscheinlich auch ein großer Antrieb, genau wie der Zweifel.” Das Ausbalancieren von Gegensätzlichkeiten, das Mäandern zwischen den Polen um seinem letztendlich unerreichbaren Freiheitsideal ein wenig näher zu kommen. “Das Streben nach der Freiheit ist zwar immer da, aber letztendlich findet man durch diese ganzen anderen Bedingungen auch hier einen Widerspruch. Das Ziel ist unerfüllbar.” Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Perfektion zu streben, obwohl die eigene Erfahrung lehrt, dass dies von Natur aus gar nicht möglich ist? Vielleicht ist dies auch eine der zentralen Erkenntnisse, die ein Konzert von Martin Kohlstedt für die Zuhörer zu einem ganz persönlichen Erlebnis und einer gemeinschaftlichen Zeremonie werden lässt.

Interview: Katja Stenzel und Dirk Dobiéy, Blog: Dirk Dobiéy
Bild- und Videoquelle: Martin Kohlstedt, bzw. gemeinfrei

Lesen Sie das vollständige Interview mit Wolfgang Ullrich direkt im Anschluss!

 

 

Das gesamte Interview mit dem Pianisten Martin Kohlstedt


Martin Kohlstedt

Einleitung

Der Pianist Martin Kohlstedt ist Künstler und Unternehmer– Musiker und gleichzeitig Chef seines eigenen Labels. Absehbar war das zu Beginn nicht, denn er begann erst mit zwölf Jahren mit dem Klavierspiel. Mittlerweile hat der gebürtige Thüringer drei Soloalben veröffentlicht, tritt auf internationalen Festivals auf und arbeitet sowohl mit akustischen Klavieren als auch mit elektronischen Elementen. Die Titel seiner modularen Kompositionen setzen sich stets aus drei Buchstaben zusammen. Auf der Bühne experimentiert er, lässt seine Stücke miteinander reagieren, löst sie auf und schafft so jedes Mal etwas Neues.

Interview

AoA: Wie bist du zur Musik gekommen?

Martin Kohlstedt: Das war tatsächlich ein sehr passiver Weg. Erst seit meinem 12. Lebensjahr habe ich Klavier gespielt, jedoch immer nur nebenher, auf dem verstimmten Klavier in unserem Wohnzimmer. Ich komme aus einer sehr konservativen Gegend und habe das Klavierspielen benötigt, um einen kleinen Schutzraum für mich zu kreieren. Erst mit fünfzehn habe ich dann mit richtigem Unterricht und der Theorie begonnen und das dann sehr straff nachgeholt.

AoA: Dich hat also niemand mit drei Jahren ans Klavier gesetzt und ein Genie entdeckt?

Martin Kohlstedt: Genau. Meine Musik basiert auf einem sehr intuitiven Ansatz. Zu Beginn ist es mehr oder weniger ein Spielen aus einer Langeweile heraus, bis es dann zu einem Stück wird, das einem von ganz allein aus den Fingern läuft, und dann ist man in einer Art Leerlauf. Danach bin ich ein bisschen süchtig geworden. So hat das alles angefangen.

Nebenher habe ich aber eigentlich etwas völlig anderes gemacht. Ich habe ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht und habe danach in Weimar Medienkunst studiert. Ich habe viel mit Programmierung gemacht, mit Websites und Sounds, und da sind dann eben auch die ersten Filmmusiken entstanden. Nebenher hatte ich einige Bandprojekte und habe mir dann eingestehen müssen, dass die Musik doch ziemlich viel Raum in meinem Leben einnimmt. Gegen Ende des Studiums habe ich meine Mutter verloren. Unter solchen Umständen fallen Entscheidungen anders aus. Man hat mehr Selbstbewusstsein etwas zu wagen. So habe ich diesen Weg mit Vollgas eingeschlagen, habe das Studium und die meisten Bandprojekte gekappt, mir damit mein komplettes Fundament entzogen und das Risiko auf mich genommen, für diese Unternehmung, dafür meine eigene Musik rauszubringen.

AoA: War der Tod deiner Mutter ausschlaggebend oder wäre es auch ohne diese Zäsur dazu gekommen?

Martin Kohlstedt: Wahrscheinlich wäre es ohnehin so gekommen, jedoch etwas langsamer und nicht mit demselben Rückgrat. Zu der Zeit musste ich mich schnell orientieren und Ängste und Sicherheitsdenken ablegen.

AoA: Ohne einen Plan B?

Martin Kohlstedt: Richtig, ich habe den Plan B zu der Zeit einfach nicht mehr in Betracht gezogen. Aufgrund einer derartigen Erfahrung gehen wahrscheinlich ganz bestimmte Sensoren an. Man hat dann ein ganz neues und interessantes Gefühl, mit dem man die Welt sieht.

AoA: Du hast bisher drei Alben veröffentlicht, also scheint sich an der Konsequenz dieser Entscheidung nichts geändert zu haben.

Martin Kohlstedt: Genau. Ende 2012 kam das erste Album raus, das auf nicht ganz so konstruierten Kindheits- und Jugendstücken basierte. Das zweite Album ist eigentlich die Quintessenz des ersten. Schon bei der Produktion des ersten wusste ich, dass es das zweite geben muss, als Antwort, nicht als Gegenspieler. Ich habe das dann an Menschen weitergegeben, die ich sehr mag und die dann ihre Version daraus gemacht haben, ihr Lied. Was mich zu diesen Rework-Projekten bewegt hat, war der Gedanke, dass die Musik immer offene Pole bietet, an denen sich Menschen andocken und ihre Version daraus machen können. Ich fand es sehr schön, meine eigene Musik auf diese Weise weiterzuentwickeln. Und jetzt erscheint das dritte eigene Album.

AoA: Erzähl doch bitte einmal von deiner Herangehensweise. Was nimmt man wahr, wenn man dir bei der Arbeit zusieht?

Martin Kohlstedt: Man sieht tatsächlich eine gute Mischung aus administrativem und kreativem Teil, weil ich ja gleichzeitig der Chef eines Labels bin. Bei mir ist alles in Phasen gegliedert. Am Anfang des letzten Jahres stand die Aufnahmephase des Albums an, was bedeutet, mit sich ins Gericht zu gehen. Das ist sozusagen der künstlerische Teil, der aber tatsächlich kleiner ist als man denkt. Man fängt unmittelbar an, die Dinge an die richtigen Stellen zu setzen und darüber nachzudenken, wie man es verpacken kann. Das sind Reflexionsprozesse, die eher auf das Ende hindeuten und bei denen man die Dinge klarer und mehr von außen betrachten muss.Jetzt, nach der Veröffentlichung meines Albums, bin ich in einer starken Aufräum- und Strukturierungsphase. Aber auf dem Weg dorthin, um dieses Album überhaupt erst zu erschaffen, muss ich mich wirklich weit zurückziehen und mich gar nicht mehr von außen betrachten.

AoA: Was ist der Beginn des Prozesses und was passiert dann Schritt für Schritt?

Martin Kohlstedt: Meistens ist es das vorherige Album, was eine Tour hinterlässt. Ich spiele Konzerte mit diesen Stücken, die sich auf der Tour aber schon zu wandeln beginnen. Da mischen sich Dinge von der Seite ein und ich merke, dass diese Stücke beinahe unterbewusst beeinflusst werden. Bei mir sind das keine fertig komponierten Stücke, sondern kleine modulare Kompositionen, an die sich neues Vokabular knüpft. Irgendwann beginnt eine Art Zellteilung – aus einem Stück wird dann ein neues Konstrukt, in dem das vorherige zwar noch eine Rolle spielt, sich aber ein neues andockt und sich irgendwann abspaltet. Man könnte ihm dann sozusagen einen Titel geben. Ich betrachte diese Titel immer als Bausteine, eher als Vokabular statt als fertige Komposition. So habe ich eine Bibliothek an Phrasen, mit denen ich frei sprechen kann. Ich lasse live auch mal zwei Stücke miteinander reagieren, tausche sie noch in der Tonart und in der Geschwindigkeit. Dabei kalkuliere ich auch das Scheitern ein.

AoA: Was bedeutet Scheitern in diesem Zusammenhang?

Martin Kohlstedt: Der Moment, in dem man den Diskurs auf der Bühne provoziert, ist heikel. Scheitern bedeutet, dass es vielleicht nicht so funktioniert, wie man sich das ursprünglich gedacht hat. Auch das ist Improvisation, es ist auch schon einige Male schiefgegangen.

AoA: Ist die Improvisation auf der Bühne der Geburtsmoment des Neuen?

Martin Kohlstedt: Ein Stück weit schon. Das ist der Reaktor dafür. Ich kann mich nicht zu Hause hinsetzen und mir vornehmen, etwas Neues zu machen und daraus etwas zu entwickeln. Stattdessen nehme ich es mit in den Kontext Publikum, in dem auch diese Energie spürbar ist. Da gibt es dieses Gegenüber und diesen Resonanzkörper. Zu Hause ist der Zweifel zu stark. Das Publikum gibt einem aber eine sehr große Sicherheit. Ich merke dann auch, ob ein Stück gerade funktioniert oder nicht. Das Gegenüber ist mittlerweile auch sehr vertraut, weil wir nicht dafür gearbeitet haben, ein immer breiteres Publikum anzusprechen.

AoA: Weiss das Publikum an dieser Stelle, dass es Teil eines Neubeginns ist?

Martin Kohlstedt: Die meisten wissen es. Aber da man das spürt, werden diejenigen, die es noch nicht wissen, es ziemlich schnell mitbekommen. Mir geht es darum, das völlig frei zu betrachten. Ich weiß noch nicht, mit welcher Tonart oder womit ich auf die Bühne gehe. Natürlich habe ich auch Angst vor Blackouts. Meistens beginne ich mit einem Ton und baue dann immer mehr um diesen Ton herum, schichte etwas, das eine Flussbewegung erzeugt, um reinzukommen. Dadurch entstehen sehr oft neue Themen und neue Ansätze, die ich mit nach Hause nehme. Wenn ich mir das auf Mitschnitten anhöre und denke, dass das eine interessante Richtung sein könnte, dann fange ich an, das zu Hause penibel auszuarbeiten, weil ich es dann schon einmal live gehört habe. Ich war mein eigenes Publikum und habe mir selbst bestätigt, dass man das so machen kann.

AoA: Ist der Auftritt das Produkt deiner Arbeit?

Martin Kohlstedt: Das kann man so sagen. Das Konzert ist die Hauptessenz meiner Arbeit. Live diskutiere ich eher. In dem Moment wo ein Publikum da ist, betrachte ich meine eigenen Stücke von oben und füttere sie elektronisch an, mache sie größer, kleiner, kaputt, vielleicht verstärke ich sie aber auch einfach. Es ist einfach ein komplett anderer Blickwinkel. Mein Live-Konzert ist sehr weit entfernt von dem Album. Und so entwickle ich meine Musik auf der Bühne permanent weiter und lasse sie fortwährend in Verhandlung, bis ich wieder neue Sachen herausarbeite, die ich dann irgendwann wieder auf einem Album aufnehme. Der Prozess findet umgekehrt statt. Das ist es, was mich von vielen anderen Künstlern unterscheidet. Es ist nicht so, dass ich ein Album mache, mit diesem Album auf Tour gehe und dann wieder ein Jahr lang neue Skizzen mache. Der eigentliche Prozess ist das, was ich live tue. Da ist der Diskurs, da ist das Chaos.

AoA: Das heißt die Alben sind sekundär?

Martin Kohlstedt: Eine EU-PR braucht Releases um einen Aktualitätsbezug herzustellen. Im Normalfall ist es ja so, dass das Album das Produkt ist. Für mich ist das Album aber tatsächlich eher hinderlich. Warum muss ein Release rauskommen? Warum muss ich ein Fotoalbum dieses Moments rausbringen? Es ist ja nicht fertig. Aber die Leute nehmen es so hin, die wollen einen zum Genie machen.

AoA: Wie gestaltet sich dann der Weg vom Ende der Tour bis zum Release?

Martin Kohlstedt: Das ist eine lange Zeit des Abwägens und Auswählens. Ich habe diese riesige Bank an Live-Mitschnitten von einem halben Jahr auf Tour. Dann beginne ich, mir diese ganzen Ansätze anzuhören, zu sammeln und erst einmal in Ordnung zu bringen, in Regale einzuordnen. Ich frage mich, was die Essenz dessen ist, was ich auf der Bühne versucht habe, zu improvisieren. Wenn mir da etwas gefällt, dann konzentriere ich es am Klavier auf den Ursprung zurück, und in dem Moment ist es meistens auch schon das neu gedachte Werk, das dann von meinem Kopf die Erlaubnis bekommt, jetzt selbst wachsen zu dürfen. Dann fange ich an, aufzunehmen, und das ist auch der Beginn dieses Label-Denkens. Ich merke, wie ich umschlage. Anhand des Live-Sounds, der Endaussage oder anderen Faktoren beurteile ich, ob ein Stück es auf das Album schafft. Diese Stücke werden dann weiterentwickelt. Man muss festlegen, welche Länge die richtige für das Album ist, wie viele Stücke auf das Album sollen, wann die Aussage getätigt ist. Da tritt der kreative Prozess in den Hintergrund, weil es darum geht Entscheidungen für ein Produkt zu treffen.

AoA: Gehört das schon zum administrativen Teil der Arbeit, oder ist das noch der Kreativprozess, nur mit einer erhöhten rationalen Bewertung?

Martin Kohlstedt: Ich glaube es findet auf einem aktiveren Level statt, nicht mehr auf dieser künstlerischen, unterbewussten Ebene. Es ist ein bewussteres kreatives Arbeiten.

AoA: Ist das Unterbewusste für dich das Künstlerische und das Rationale das Nichtkünstlerische?

Martin Kohlstedt: Das würde ich tatsächlich so unterschreiben. Das Unterbewusste hat das Potenzial, ein Vokabular zu erschaffen. Das fühlt sich nach einer höheren Instanz an als die eigene menschliche Entscheidungsfähigkeit, die Dinge in Formate, Längen oder Sets zu pressen. Man fängt an, seine Musik für Formate anzupassen. Das ist natürlich auch ein kreativer Prozess, aber das tatsächlich Künstlerische ist dieses Bohren, oder dieses Übersetzen der tiefsten Ängste. Darin sehe ich das größte künstlerische Potenzial. Man wird energisch, die Hände werden schweißnass und man hat das Gefühl, dass man da nicht weitermachen sollte. Man ist mit sich selbst in einer Welt, die manchmal auch nicht wohltuend ist.

AoA: Deine Arbeitsweise scheint voller Widersprüche. Bemühst du dich um Balance oder darum, den Widerspruch aufrecht zu erhalten?

Martin Kohlstedt: Auf der einen Seite will ich mir erlauben, die Dinge einfach walten zu lassen, merke dann aber doch, wie sich die linke Gehirnhälfte einschaltet und möchte doch wieder Kontrolle darüber gewinnen. Dann fange ich an, die Dinge auf der Bühne zu komponieren. Genau dazwischen liegt dieses Energiespektrum. Auf der einen Seite sagt man sich, dass es egal ist, ob ein Stück drei oder 13 Minuten dauert, auf der anderen Seite existiert dann aber doch diese Erwartungshaltung. Dieser Streit zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ist meine Energiequelle. Deswegen ist der Widerspruch wahrscheinlich auch ein großer Antrieb, genau wie der Zweifel.

AoA: Noch einmal zurück zum Prozess: Interpretierst du die auf der Bühne improvisierten Stücke im Nachhinein noch einmal neu?

Martin Kohlstedt: Eigentlich ist es völlig rein in der Form, in der ich es live spiele. Wenn man es aber im Nachhinein noch einmal auf sich wirken lässt, ist es für den Höreindruck wieder komplett anders. Ich finde, dass das Konzert eine komplett andere Kunstform ist als das Album. Das Album ist ein Konstrukt aus einer Stunde hörbarer Sachen. Da bediene ich mich sozusagen aus Teilen dieses Vokabulars und fange an, das Album rational und das Konzert frei zu betrachten. Die meisten Musiker machen es anders herum. Die haben einen sehr langen Prozess, ein freies Album zu entwerfen, spielen dann aber live jedes Konzert nach derselben Setlist, weil sie dieses Konstrukt einmal entworfen haben.

AoA: Weil sie annehmen, dass das Publikum das erwartet, was sie auf dem Album kreiert haben?

Martin Kohlstedt: Genau, das ist ein Erwartungszirkel. Bei mir ist es aber so, dass die Selbsterwartung höhere Priorität hat als die Publikumserwartung. Das Live-Konzert ist der Bereich, in dem ich mich frei fühle, weil diese freudige Menschenmasse mir das Gefühl gibt, in diesen ehrlichen Moment eingebettet zu sein und mich dort auslassen zu können. Diese Euphorie hält noch fünf Minuten nach dem Auftritt an. Dann geht man zum Merchstand und merkt, wie man durch die präsente Öffentlichkeit, in der man sich keine Fehler erlauben darf, wieder zu einem anderen Menschen wird.

AoA: Welche Erfahrung machen die Menschen, dein Publikum?

Martin Kohlstedt: Ich habe gemerkt, dass ich eine besondere Funktion einnehme. Ich bin nicht mehr derjenige, der etwas gibt, sondern ein Katalysator zwischen diesem musischen freien Erschaffen und jedem, der bei seiner eigenen Geschichte landet. Das Publikum sieht, dass ich mit mir in Diskurs gehe, und am Ende des Konzertes merkt man, dass jeder sein Gesicht verliert. Jeder ist dann ein bisschen mit sich selbst ins Gericht gegangen. Die Leute erkennen mittlerweile immer stärker, dass es weniger darum geht, etwas geboten zu bekommen, sondern eher darum, an dieser Entblößung teilhaben zu dürfen.

AoA: Ein gemeinsamer Wahrnehmungs- und Reflexionsprozess ohne Worte und mit Mitteln der Musik?

Martin Kohlstedt: Fast eine Zeremonie. Es ist wirklich ein komplettes Offenbaren. Das löst am Anfang sicherlich einen kleinen Schreck aus, aber wenn man das einmal für sich hingenommen hat, legt sich das. Da ist kein Personenkult mehr. Es  ist ein kollektives Eintaucherlebnis, an dessen Ende aber jeder mit sich allein bleibt. Ich verstehe auch denjenigen, der nicht mit sich ins Gericht will und genau das nicht provozieren will.

AoA: Das Publikum ist offensichtlich wichtig, weil es einen Startpunkt darstellt und das eigene Wirken überhaupt erst ermöglicht. Aber wie wichtig ist die Zustimmung, der Applaus?

Martin Kohlstedt: Das ist tatsächlich nicht so wichtig. Was aber wichtig ist, ist der respektvolle Grundreaktor, der Raum. Es beginnt mit einer Stille, mit einer Andacht. Dadurch, dass ich einen bestimmten Ticketpreis erreicht habe und sehr exklusive Konzerte spielen kann, die auch frühzeitig ausverkauft sind, weiß ich, dass niemand da ist, der abends spontan auf die Idee kommt, sich das vielleicht mal anzuschauen. Alle, die da sind, sind in meine Form der Kommunikation eingeweiht. Ich habe das Gefühl, dass sie mich kennen. Der echteste Moment ist der öffentlichste und ich glaube, dass ich in diesen 90 Minuten am meisten ich selbst bin. Das, was ich zu Hause mache – dieses Kalkulieren und Konstruieren – ist stets falsch.

AoA: Du hast mehrmals die Gleichzeitigkeit von administrativen, geschäftlichen, organisatorischen und künstlerischen Tätigkeiten beschrieben. Wie beschreibst du dein Leben zwischen dem, was man als Berufs- und Privatleben bezeichnet – Stichwort Work-Life-Balance?

Martin Kohlstedt: Der administrative Teil beinhaltet natürlich, dass Vertriebsgespräche geführt werden müssen, dass es neue PR-Berichte gibt. Ich überwache das alles nur. Mittlerweile haben wir ein gutes System gefunden, wie die Dinge laufen. Es gibt einen Online-Shop, AGBs, Portale, Internetseiten. Auf den Reisen übernehme ich Facebook und Instagram, es gibt eine Kommunikation nach außen. Da ertappt man sich schon dabei, wie man eher plant und baut. Andererseits führe ich diese ganzen Sachen im Januar, im März, im September und im Dezember nicht aus. In diesen Monaten stelle ich das Projekt Martin Kohlstedt nicht an die erste Stelle, da habe ich keine Auftritte. Das funktioniert natürlich immer nur bedingt, weil es ja auch mal vorkommt, dass ein Festival beispielsweise im März stattfindet.

AoA: Wenn du diese administrativen Tätigkeiten nur überwachst, wer übernimmt sie dann?

Martin Kohlstedt: Zu meinem Label gehören 13 sehr enge, vertraute Menschen – Freunde auf Augenhöhe. Ich will, dass es weiterhin genauso läuft. Und weil das so sperrig zu kommunizieren ist, kann ich niemanden damit beauftragen. Das heißt, dass ich ein Team brauche, das mich lange kennt, mit dem ich aufgewachsen bin. Eine eigene Familie, die das an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit platziert.

AoA: Bist du das einzige Produkt deines Labels?

Martin Kohlstedt: Ich bin das einzige Produkt. Die 13 Menschen, die mitarbeiten, sind das Team, die Unternehmung. Wenn ein Release kommt, dann kümmern diese Menschen sich wirklich um das Album als Produkt. Auf einmal steht dann einfach eine andere Überschrift da, und PR-Agenturen brauchen genau das. Da bin ich einfach der Typ am Klavier und das Team sorgt dafür, dass sich das Album verkauft und dass ich Auftritte bekomme.

AoA: Diese Menschen sorgen also dafür, dass ein Gespräch mit dem Publikum überhaupt erst stattfinden kann?

Martin Kohlstedt: Richtig, und deswegen ist es dann doch wieder Musikbusiness. Man sagt sich, dass man an bestimmten Orten spielen muss. Dann fängt die linke Gehirnhälfte wieder an, die eigene Musik in Boxen zu packen, und man selbst fängt in dem Moment interessanterweise doch an, ein Produkt daraus zu schweißen.

AoA: Damit du überhaupt in Dialog treten kannst, ansonsten gäbe es den ja nicht.

Martin Kohlstedt:  Ja, und das kann man auch bedienen. Das zehrt nicht an der Kraft, man kann damit auch ein bisschen spielen. Aber man muss sehr aufpassen, wo das landet und wer das Gegenüber ist. Die Kommunikation und die Kommunikationswege sind das allerhöchste Gut. Letztendlich formen die Person, der Ansatz und die Freiheit den Header, Musik kommt an zweiter Stelle. Das ist ein ganz interessanter, gesellschaftlicher Weg, den man da gerade einschlägt. Man merkt, dass man sehr vielen Menschen aus der Seele spricht. Manchmal glaube ich, dass es egal ist, was ich mache – ob ich Klavier spiele oder ob ich mit einem Hammer auf einen Eimer hauen würde. Es ist einfach ein Happening, in dem man sich komplett von seiner Umgebung loslöst.

AoA: Hast du denn auch das Gefühl, das Publikum ein Stück weit zu kennen?

Martin Kohlstedt: Ja. Die Menschen, die meine Konzerte besuchen, sind zu 95 Prozent Menschen, mit denen ich gern Abendessen gehen würde. Allein an den Situationen am Merchtisch, in denen auch echte Gespräche zustande kommen, merkt man, dass die Vertrautheit auf einem sehr hohen Level ist. Die Menschen erzählen mir nach dem Konzert Dinge, die man niemandem einfach so erzählen würde. Das Gegenüber merkt, dass ich auf der Bühne auch Dinge erzählt habe, die man nicht einfach so erzählt. Ich bekomme irre Briefe. Das ist keine herkömmliche Fanpost, sondern knallharte Lektüre. Ich glaube, den Menschen ist es beinahe egal, ob ich das tatsächlich empfange, aber sie haben das Gefühl,  es an die richtige Adresse zu schreiben.

AoA: Beeinflusst diese Art von Feedback deine künstlerische Arbeit?

Martin Kohlstedt: Manchmal glaube ich, dass ich mich dadurch mehr traue. Wenn jemand anderes sich auch so öffnet, dann macht das Mut. Das ist ein gemeinschaftlicher Vorgang, eine Therapierunde, in der alle gemeinsam ihre Sachen zusammentragen.Es gibt Menschen, die nach dem Konzert zu mir kommen und mir sagen, dass sie sich jetzt exmatrikulieren lassen. Die Menschen verändern ihre Lebensansichten. Das heißt nicht, dass ich dafür verantwortlich bin. Ich war nichts anderes als möglicherweise ein Katalysator, eben durch diesen freien Moment. Es ist, als würde die Person auf der Bühne nicht musizieren, sondern als würde man etwas anschauen, bei dem man nicht umhin kommt, bei sich selbst zu landen.

AoA: Ist das Produkt Menschen ihre eigenen ausgiebigen Reflexionserfahrungen zu ermöglichen und sich so selbst zu erkennen?

Martin Kohlstedt: Ja, vielleicht.

AoA: Sind neben diesen Briefen und den Gesprächen mit dem Publikum auch die Rework-Alben eine Art von Feedback für dich?

Martin Kohlstedt: Genau. Ich begreife das als Rezension.

AoA: Wie frei sind die Menschen, die so eine Rework machen, im Umgang mit dem Ursprungsmaterial?

Martin Kohlstedt: Sie dürfen alles machen, was sie wollen. Ich stelle ihnen einen Monolog zur Verfügung. Ich wollte das Musikern in die Hand geben, die ich sehr schätze, um herauszufinden, worin genau die Essenz besteht. Es war interessant, zu sehen, was sie auswählen und worauf sie reagieren. Ich schreibe nicht vor, wer welches Stück nehmen soll. Ich habe nichts anderes gesagt, als dass sie ein Rework machen können.

AoA: Sprichst du sie an oder kommen sie zu dir?

Martin Kohlstedt: Beides, aber ich habe schon eine klare Vorstellung, von wem ich das interessant finden könnte. Durch diese Reworks wird mir der größte Spiegel vorgehalten, den ich mir vorstellen kann. Egal, was diese Menschen machen: Es zeigt mir unheimlich viel von dem, was ich da eigentlich mache. Mit manchen Künstlern habe ich das Rework gemeinsam begonnen und es ihnen dann später in die Hand gegeben. Mal haben sich die Stücke in eine elektronische Richtung entwickelt, mal wurde ein Text dazu geschrieben. Es ist unglaublich interessant, was dann deren Inhalt ist, was das Gegenüber da eigentlich mitbekommt. Das war ein sehr schneller Prozess des Begreifens darüber, was man da überhaupt tut.

AoA: Wurden die Reworks ohne Überarbeitung auf das Album übernommen?

Martin Kohlstedt: Mit einer Ausnahme haben wir die Version der Künstler unbearbeitet übernommen. Einmal war das Rework leider etwas zu lang. Ich wollte, dass alles auf einer Vinyl landen kann. Ein Stück hatte dann aber eine Länge von 15 Minuten. Ich habe denjenigen gefragt, ob er das Stück etwas kürzen kann. Da hat wieder der Format-Gedanke gegriffen, aber im Grunde haben wir die Stücke in der Variante der Künstler beibehalten und sie angeordnet.

AoA: Wie würdest du deine Haltung beschreiben?

Martin Kohlstedt: Freiheit ist für mich ein zentraler Begriff. Schließlich ist das auch einer der Gründe, warum man sein eigenes Unternehmen gründet. Das alles ist zwar immer noch eine Nische, aber das muss es auch, damit es weiterhin frei sein kann. Ich hätte vor zwei Jahren zu einem großen Label gehen können und dementsprechend hätte sich meine Attitüde entwickelt. Aber diese Freiheit ist es, wonach ich permanent strebe. Gleichzeitig unterliegt man aber im Gefängnis des Musikbusiness gewissen Strukturen. Aber der Freiheitsgedanke löst alles aus, die ganze Energie entspringt daraus.

AoA: Was genau entspricht dem Ideal der Freiheit, die du anstrebst?

Martin Kohlstedt: Es ist dieser kurze, echte Moment auf der Bühne. Es gibt aber viele Säulen um diesen Begriff herum – Erziehung, Selbstwert, Selbstbewusstsein, Entscheidungen, Angst. Freiheit ist stark gekoppelt an Sicherheit. Ich brauche dieses Vertrauen, um mir selbst trauen zu können und den nächsten Schritt zu gehen. Existentielle Aspekte spielen natürlich eine Rolle. Ich brauche meinen Bus, mein Klavier. Es gibt Besitztümer, die mit dem Musikerdasein einhergehen. Das ist auch eine Geldfrage. Es gehört auch dazu, in das normale Leben integriert zu sein. Ich muss ein Leben führen, dass nicht absolut fernab von einfachen Ereignissen – Geburtstagen, Junggesellenabschieden, Hochzeiten – ist, um verknüpft zu bleiben. Die Gegend aus der ich komme, hat ein ziemliches Problem mit Erziehung, Selbstwert und Selbstbewusstsein. Ich bin auch ein Teil dieser unterdrückten, sozialistisch und katholisch erzogenen Gemeinschaft. Dort gehört es dazu, nichts wert zu sein.

AoA: Was ist dort etwas wert?

Martin Kohlstedt: Besitztümer, oder auch Schulnoten. Dinge, die man lesen kann, die referenziell sind, die sicher sind. An dem Punkt kommt auch Angst hinzu. Für die Menschen dort ist alles eine Bedrohung. Eine relativ harte Erziehung spielt ebenfalls mit rein, genauso wie Arbeit. Es ist wichtig, ein vernünftiger Junge zu sein. Bescheidenheit ist das, was einen Wert besitzt. Das Solide. Preußische Tugenden, Zuverlässigkeit.

AoA: Dann ist das, was du beschreibst, vielleicht nicht Freiheit, sondern eher eine Befreiung, eine Loslösung von all dem?

Martin Kohlstedt: Ja. Es ist ein Bruch.

AoA: An welchem Punkt dieses Strebens befindest du dich momentan?

Martin Kohlstedt: Dieser Prozess ist erst an einem Punkt angelangt, an dem die Freiheit noch eher Ziel als Zustand ist. Es ist schon noch eine wirtschaftliche Angelegenheit. Das Konzert ist das einzige, wo diese Freiheit wirklich stattfindet.

AoA: Handelt es sich möglicherweise eher um ein Streben nach Autonomie?

Martin Kohlstedt: Ja. Das Streben nach der Freiheit ist zwar immer da, aber letztendlich findet man durch diese ganzen anderen Bedingungen auch hier einen Widerspruch. Das Ziel ist unerfüllbar.

AoA: Mit der ultimativen Freiheit der Bühnenerfahrung bezahlst du ja all das, was dich überhaupt erst auf die Bühne bringt. Ein Kreislauf.

Martin Kohlstedt: Ja, genau. Wir versuchen tatsächlich, nicht mehr zu wachsen. Die Stetigkeit ist ja irgendwie auch ein Partner der Freiheit. Das Wachstum muss man immer kalkulieren, und auch das ist eigentlich eine Illusion. Die unendliche Frage ist auch: Was ist der Wesenskern? Was ist das Ende dieses Wachstums? Wie weit will man diesen Gedanken noch tragen? Man kann sich nicht unendlich vergrößern.

AoA: Selbst dein Team aus 13 Menschen ist letztendlich sowohl Freiraum als auch Einschränkung. Wie führst du dein Unternehmen?

Martin Kohlstedt: Weil die emotionale Bindung höhergestellt ist als die wirtschaftliche, führt es dazu, dass ich zwischen diesen 13 Menschen vermitteln muss. Mein Job besteht hauptsächlich darin, permanent zu kommunizieren. Ich muss das Team halten. Nach einem Release klingt das ab und das System reinigt sich wieder. Obwohl die eigentliche Freiheit auf der Tour stattgefunden hat, entsteht dann auch Freiheit in einer anderen Hinsicht. Die PR-Leute sind ausgezahlt, es gibt keine monatlichen Rechnungen mehr. Basierend auf dem Album von 2017 kann man eigentlich 2018 und 2019 existieren und wieder echte Freiheit entwickeln.

AoA: Trotz Freiheit, gibt es auch Regeln und Ordnung?

Martin Kohlstedt: Auch Ordnung ist eine Facette von Sicherheit. Um wirklich frei zu sein, müssen gewisse Dinge sicher sein – beispielsweise der Plan, wie ich zur Festival-Location komme. In der Hinsicht bin ich total straff und muss alles vorbereiten.

AoA: Also organisierst du alles im Vorfeld und gibst dich dann keiner Überraschung mehr hin?

Martin Kohlstedt: Genau, weil die Überraschung mir die Freiheit wieder nehmen könnte, zumindest vom organisatorischen Aspekt her. Ich bin gern zuverlässig auf den Punkt vorbereitet, damit ich frei sein kann. Es fällt mir auch sehr schwer, Aufgaben abzugeben. Ganz gewisse Sachen halte ich sehr eng bei mir. Bei der Administration habe ich beinahe eine Kontrollsucht und in der Kunst lasse ich los. Es gibt eine starke Ambivalenz zwischen der Improvisation beim Auftritt selbst und der Organisation des Drumherums.

AoA: Was können Menschen in der Wirtschaft von dir oder von Künstlern im Allgemeinen lernen?

Martin Kohlstedt: Vielleicht so etwas ganz Wesentliches wie Zeit, sich mal wieder Fragen zu stellen. Denn wer nimmt sich denn noch 90 Minuten Zeit um einer Sache wirklich konzentriert seine Aufmerksamkeit zu schenken? Das macht kaum jemand, stattdessen starrt man lieber auf sein Handy. In diesen 90 Minuten meines Auftrittes fällt einem vielleicht eine Frage ein. Man fängt vielleicht an zu hinterfragen, was man eigentlich will, was einem gut tut, wonach man sucht. Das, was ich gesucht habe, ist dieser Freiheitsgedanke. Das kann zwar niemand so übernehmen und anfangen, auch Klavier zu spielen, weil man ja eine Existenz zu verlieren hat. Hinterfragen kann aber jeder. Manche Menschen stellen keine Fragen mehr, sondern machen einfach nur noch alles „richtig“. Und genau das muss man irgendwann hinterfragen. Wenn andere das für diese Menschen tun, dann fühlen sie sich davon bedroht. Aber diese Bedrohung ist auch wichtig, genauso wie das Scheitern. Die dürfen einfach nicht mehr scheitern, nicht mehr ausfallen, nicht mehr krank werden. Es ist nichts mehr von den Menschen selbst übrig. Das sollte man hinterfragen. Man sollte für einen kurzen Moment neue Fragen erlauben, die das eigene Universum auch bedrohen könnten. Bei meinen Konzerten gibt es hin und wieder auch Menschen, die gehen müssen, weil es sie zu stark tangiert, weil sie noch nicht bereit sind für diese ganz direkte Auseinandersetzung. Aber die meisten Menschen verlassen die Konzerte sehr frei und sehr selig. Und ich glaube, dass das etwas ist, was man in einer derart perspektivlosen Gesellschaft, in der keiner den richtigen Weg kennt, auch mal wieder machen darf.

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Das Interview führten Dirk Dobiéy und Katja Stenzel (Age of Artists, AoA) am 12. Februar 2018 in Leipzig. Dieser Text ist lizensiert unter Creative Commons BY-NC-SA 4.0 (creativecommons.org). 

 

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