Der Pianist Martin Kohlstedt ist Künstler und Unternehmer, Musiker und gleichzeitig Chef seines eigenen Labels mit über zehn Mitarbeitern. Absehbar war das nicht, denn er begann erst mit zwölf Jahren mit dem Klavierspiel. Mittlerweile hat der gebürtige Thüringer drei Soloalben veröffentlicht und tritt auf internationalen Festivals auf. Im Gespräch erzählt er uns wie es gelingen kann, die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von künstlerischer Freiheit, musik-industrieller Notwendigkeit und geschäftlich-administrativen Belangen in einen stimmigen Gesamtzusammenhang zu setzen.

Der Künstler

Auf der Bühne experimentiert Martin Kohlstedt, lässt seine Stücke miteinander reagieren, löst sie auf und schafft so jedes Mal etwas Neues. “Meine Musik basiert auf einem sehr intuitiven Ansatz. Zu Beginn ist es mehr oder weniger ein Spielen aus einer Langeweile heraus, bis es dann zu einem Stück wird, das einem von ganz allein aus den Fingern läuft.” Bei dieser Aussage fällt es nicht schwer sich vorzustellen, wie der damals zwölfjährige zum ersten Mal auf dem verstimmten Klavier im elterlichen Wohnzimmer zu spielen begann. Heute ist für Martin Kohlstedt das Konzert, der Diskurs mit dem Publikum, der Reaktor dafür, dass Neues entstehen kann. “Ich kann mich nicht zu Hause hinsetzen und mir vornehmen, etwas Neues zu machen und daraus etwas zu entwickeln. Stattdessen nehme ich es mit in den Kontext Publikum, in dem auch diese Energie spürbar ist. Da gibt es dieses Gegenüber und diesen Resonanzkörper. Zu Hause ist der Zweifel zu stark. Das Publikum gibt einem aber eine sehr große Sicherheit. Ich merke dann auch, ob ein Stück gerade funktioniert oder nicht. Das Konzert ist die Hauptessenz meiner Arbeit. Live diskutiere ich eher. In dem Moment wo ein Publikum da ist, betrachte ich meine eigenen Stücke von oben und füttere sie elektronisch an, mache sie größer, kleiner, kaputt, vielleicht verstärke ich sie aber auch einfach. Es ist einfach ein komplett anderer Blickwinkel. Mein Live-Konzert ist sehr weit entfernt von dem Album. Und so entwickle ich meine Musik auf der Bühne permanent weiter und lasse sie fortwährend in Verhandlung, bis ich wieder neue Sachen herausarbeite, die ich dann irgendwann wieder auf einem Album aufnehme. Der Prozess findet umgekehrt statt. Das ist es, was mich von vielen anderen Künstlern unterscheidet. Es ist nicht so, dass ich ein Album mache, mit diesem Album auf Tour gehe und dann wieder ein Jahr lang neue Skizzen mache. Der eigentliche Prozess ist das, was ich live tue. Da ist der Diskurs, da ist das Chaos.”

Ein Chaos das für Martin Kohlstedt auch immer eine Suche nach dem Kreativpotenzial seines eigenen Unterbewusstseins ist. “Das Unterbewusste hat das Potenzial, ein Vokabular zu erschaffen”, ist er überzeugt. “Das fühlt sich nach einer höheren Instanz an als die eigene menschliche Entscheidungsfähigkeit, die Dinge in Formate, Längen oder Sets zu pressen. Man fängt an, seine Musik für Formate anzupassen. Das ist natürlich auch ein kreativer Prozess, aber das tatsächlich Künstlerische ist dieses Bohren, oder dieses Übersetzen der tiefsten Ängste. Darin sehe ich das größte künstlerische Potenzial. Man wird energisch, die Hände werden schweißnass und man hat das Gefühl, dass man da nicht weitermachen sollte. Man ist mit sich selbst in einer Welt, die manchmal auch nicht wohltuend ist.” Und doch sieht der Künstler für sich keinen anderen Weg. “Der echteste Moment ist der öffentlichste und ich glaube, dass ich in diesen 90 Minuten am meisten ich selbst bin. Das, was ich zu Hause mache – dieses Kalkulieren und Konstruieren – ist stets falsch.”

Der Produzent

Nach der Tour wird aus dem Pianisten der Produzent. Es beginnt ein Auswahlprozess und das was er als “bewussteres kreatives Arbeiten”, auch in Abgrenzung zu seinen Bühnenerlebnissen bezeichnet. “Das ist eine lange Zeit des Abwägens und Auswählens. Ich habe diese riesige Bank an Live-Mitschnitten von einem halben Jahr auf Tour. Dann beginne ich, mir diese ganzen Ansätze anzuhören, zu sammeln und erst einmal in Ordnung zu bringen, in Regale einzuordnen. Ich frage mich, was die Essenz dessen ist, was ich auf der Bühne versucht habe, zu improvisieren. Wenn mir da etwas gefällt, dann konzentriere ich es am Klavier auf den Ursprung zurück, und in dem Moment ist es meistens auch schon das neu gedachte Werk, das dann von meinem Kopf die Erlaubnis bekommt, jetzt selbst wachsen zu dürfen. Dann fange ich an, aufzunehmen, und das ist auch der Beginn dieses Label-Denkens. Ich merke, wie ich umschlage. Anhand des Live-Sounds, der Endaussage oder anderen Faktoren beurteile ich, ob ein Stück es auf das Album schafft. Diese Stücke werden dann weiterentwickelt. Man muss festlegen, welche Länge die richtige für das Album ist, wie viele Stücke auf das Album sollen, wann die Aussage getätigt ist. Da tritt der kreative Prozess in den Hintergrund, weil es darum geht Entscheidungen für ein Produkt zu treffen.” Ein Produkt, und dieser Sachverhalt macht seine Aufgabe nicht unbedingt einfacher, er selbst ist.

Der Unternehmer

So frei Martin Kohlstedt auf der Bühne agiert, so geradlinig und stringent verhält er sich wenn es darum geht sein Unternehmen zu führen, “weil die Überraschung mir die Freiheit wieder nehmen könnte, zumindest vom organisatorischen Aspekt her. Ich bin gern zuverlässig auf den Punkt vorbereitet, damit ich frei sein kann. Es fällt mir auch sehr schwer, Aufgaben abzugeben. Ganz gewisse Sachen halte ich sehr eng bei mir. Bei der Administration habe ich beinahe eine Kontrollsucht und in der Kunst lasse ich los. Es gibt eine starke Ambivalenz zwischen der Improvisation beim Auftritt selbst und der Organisation des Drumherums.” Unternehmertum für Martin Kohlstedt bedeutet ein stabiles Fundament zu schaffen auf dem sich der künstlerische Freiraum entfalten kann. “Freiheit ist für mich ein zentraler Begriff. Schließlich ist das auch einer der Gründe, warum man sein eigenes Unternehmen gründet. Das alles ist zwar immer noch eine Nische, aber das muss es auch, damit es weiterhin frei sein kann. Ich hätte vor zwei Jahren zu einem großen Label gehen können und dementsprechend hätte sich meine Attitüde entwickelt. Aber diese Freiheit ist es, wonach ich permanent strebe. Gleichzeitig unterliegt man aber im Gefängnis des Musikbusiness gewissen Strukturen. Aber der Freiheitsgedanke löst alles aus, die ganze Energie entspringt daraus.”

Dabei hilft es dem Unternehmer sehr, dass zu seinem Label 13 sehr enge, vertraute Menschen, “Freunde auf Augenhöhe”, gehören. “Ich will, dass es weiterhin genauso läuft. Und weil das so sperrig zu kommunizieren ist, kann ich niemanden damit beauftragen. Das heißt, dass ich ein Team brauche, das mich lange kennt, mit dem ich aufgewachsen bin. Eine eigene Familie,…” Die 13 Menschen sind das Team, sind die Unternehmung. “Wenn ein Release kommt, dann kümmern diese Menschen sich wirklich um das Album als Produkt. Auf einmal steht dann einfach eine andere Überschrift da, und PR-Agenturen brauchen genau das. Da bin ich einfach der Typ am Klavier und das Team sorgt dafür, dass sich das Album verkauft und dass ich Auftritte bekomme. […] Weil die emotionale Bindung höher gestellt ist als die wirtschaftliche, führt es dazu, dass ich zwischen diesen 13 Menschen vermitteln muss. Mein Job besteht hauptsächlich darin, permanent zu kommunizieren. Ich muss das Team halten.”

Ein Team formen, das Unternehmen leiten, die Bedingungen des Marktes anerkennen und im eigenen Handeln abbilden, künstlerisch Selbstwert und Selbstbewusstsein entwickeln, Gestaltungspotenzial entfalten, Entscheidungen treffen und Ängste überwinden – es ist eine ganze Menge was uns im Gespräch mit Martin Kohlstedt begegnet. Da tut es gut zu erfahren, dass sich auch sein Leben nicht als gerade Linie darstellt. “Auf der einen Seite will ich mir erlauben, die Dinge einfach walten zu lassen, merke dann aber doch, wie sich die linke Gehirnhälfte einschaltet und möchte doch wieder Kontrolle darüber gewinnen. Dieser Streit zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ist meine Energiequelle. Deswegen ist der Widerspruch wahrscheinlich auch ein großer Antrieb, genau wie der Zweifel.” Das Ausbalancieren von Gegensätzlichkeiten, das Mäandern zwischen den Polen um seinem letztendlich unerreichbaren Freiheitsideal ein wenig näher zu kommen. “Das Streben nach der Freiheit ist zwar immer da, aber letztendlich findet man durch diese ganzen anderen Bedingungen auch hier einen Widerspruch. Das Ziel ist unerfüllbar.” Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Perfektion zu streben, obwohl die eigene Erfahrung lehrt, dass dies von Natur aus gar nicht möglich ist? Vielleicht ist dies auch eine der zentralen Erkenntnisse, die ein Konzert von Martin Kohlstedt für die Zuhörer zu einem ganz persönlichen Erlebnis und einer gemeinschaftlichen Zeremonie werden lässt.

Lesen Sie das vollständige Interview mit Martin Kohlstedt hier.

Interview: Katja Stenzel und Dirk Dobiéy, Blog: Dirk Dobiéy
Bild- und Videoquelle: Martin Kohlstedt, bzw. gemeinfrei

 

 

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