Edgar Schein ist Autor und ehemaliger Professor an der MIT Sloan School of Management. Er hat entscheidend zur Forschung im Bereich Organisationsentwicklung und Unternehmenskultur beigetragen. Für alle, die sich dafür interessieren, wie Unternehmen wirklich funktionieren, ist Scheins Modell zur Beschreibung von Organisationskultur aus den 80er-Jahren ein maßgeblicher Baustein. Seine Arbeit beeinflusste ganze Generationen von Experten im Bereich organisationaler Transformation und Veränderungsmanagement – uns eingeschlossen. Weniger bekannt, jedoch nicht weniger spannend sind Scheins Gedanken zur Bedeutung von Kunst in anderen gesellschaftlichen Feldern wie Wirtschaft oder Verwaltung, und weshalb Manager sich mit Ihr vertraut machen sollten. Unsere Unterhaltung mit Edgar Schein begann bei der Frage nach wichtigen Erkenntnissen, die sich aus der künstlerischen Lehre und Praxis für Leistungsfähigkeit und Führung gewinnen lassen.

Etwas zu sagen haben

“Il faut que l’oeuvre d’art vous emballe, qu’elle vous entraîne avec elle. C’est par ce moyen que l’artiste transmet sa passion.”* Pierre-Auguste Renoir

Wenigen Menschen außerhalb des Kunstbetriebes ist bewusst, dass die künstlerische Ausbildung zu großen Teilen darin besteht, beim Finden einer eigenen Position zu helfen. Wie in vielen anderen Disziplinen ist das Handwerk etwas, das Studierende durch Praxis und von Lehrenden, Meistern und anderen Studierenden lernen. Um die eigene Kunst jedoch wahrlich einzigartig werden zu lassen, bedarf es einer eigenen Position. Viele junge Talente berichten, dass das Finden einer persönlichen, einzigartigen Position der schmerzlichste Aspekt ihres Weges ist. Was schwierig klingt, wird ganz einfach, wenn Ed Schein es beschreibt. Es geht einfach darum, etwas zu sagen zu haben. “Was ich zu verstehen glaube, ist, dass der Unterschied zwischen einem Künstler und einem Nicht-Künstler weniger in besonderen Fähigkeiten besteht, sondern darin, wirklich etwas zu erzählen zu haben. Ich erinnere mich an einen Freund von uns in Cambridge, der an einem lokalen College unterrichtete. Er war wirklich frustriert, dass er seinen Schülern zwar alle Fähigkeiten beibrachte, mir und meiner Frau jedoch berichten musste: ‘Wisst Ihr, mein Problem ist, dass meine Schüler nichts zu sagen haben’. Ihnen fehlte etwas. Sie konnten lernen, alle richtigen Dinge zu tun, doch ihre Arbeiten waren langweilig.” Diese Einsicht hatte handfeste Implikationen für Scheins Aktivität als Autor: “Ich habe kürzlich mein Buch über Organisationskultur überarbeitet. Es ist die fünfte Auflage. Was es herausfordernd mache, ist, dass ich mich fragen musste ‘Was habe ich zu sagen, das abweicht?’ Eine Neuauflage kann darin bestehen, ein paar neue Referenzen hinzuzufügen; das hätte überhaupt keine Freude gemacht. Ich kam zu dem Schluss, dass die Welt der Kultur sich gewandelt hat. Sie ist internationaler. Und nationale Kulturen sind wichtiger geworden. Vielleicht ist das der Schlüssel, den ich suche. Wie kann jeder von uns künstlerischer werden? Irgendwie muss es da hin und wieder einen Impuls in jedem geben, etwas zu sagen, das anders ist.

Impuls und Ungewissheit

“I don’t know where I’m going from here, but I promise it won’t be boring.” David Bowie

Entsprechend greift Ed Schein nicht die Idee künstlerischer Praxis auf. “Ich fühle mich mit der Idee des künstlerischen Impulses wohler.” Ein Impuls, der stark genug ist, damit “ich die Idee keine und weiß, was ich sagen will. Aber es ist schwer zu wissen, wie ich es sagen und ausdrücken kann. Das schien mir ein wichtiges Prinzip dahinter zu sein, was im normalen Leben passiert und das dem künstlerischen Problem sehr ähnelt. Ihnen begegnet etwas, bei dem Sie wissen, was Sie tun wollen, aber Sie wissen nicht wirklich, wie Sie es tun können. […] Irgendwie entstand hieraus die Idee, dass es nicht darum geht, Fehler zu akzeptieren, sondern darum, sich selbst eine Zeit der Suche und Ungewissheit zu erlauben. In dieser Zeit probieren Sie möglicherweise allerlei aus. Sie versuchen, einen Baum zu zeichnen, und es klappt nicht. Ich nehme also an, Komponisten, Maler und Autoren teilen diese Erfahrung. Sie verwerfen Dinge, weil es nicht funktionert. Es sah nicht richtig aus oder klang nicht richtig. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wegwerfen während der Suchphase, und dem Versuch, etwas Finales zu fassen, um dann zu beschließen, dass das gesamte Bild weggeworfen werden muss.”

Suche und Reflektion: Die kreative Organisation

“In the name of God, stop a moment, cease your work, look around you.” Leo Tolstoy

“Soll die Unternehmenskultur zu Experimenten und Innovation anregen, diese aber nicht zu endgültigen Qualitätskriterien für das Entstandene machen? Der Kampf von Organisationen, kreativer zu werden, ist Ed Schein nicht neu. Er steht den Praktiken skeptisch gegenüber, die dartuet die Titelseiten füllen. “Im Silicon Valley gibt es allerlei Ansätze unter dem Schirm agiler Softwareentwicklung, mit der Idee, je mehr Fehler man macht, desto schneller lerne man. ‘Fehler machen’ wurde hier zu etwas positivem gemacht. Wenn Du keine Fehler machst, bemühst Du Dich nicht genug. Die haben das komplett auf den Kopf gestellt.”

Was für uns auf den Kopf gestellt wirken mag, ist an sich nichts neues. Erfinder und Ingenieur Charles Kettering sagte einmal: “Man scheitert nach vorne, in Richtung Erfolg.” Von 1920 bis 1947 war er Leiter der Forschungsabteilung bei General Motors. Und obgleich seine Definition von Misserfolgen “Probeschüsse” war – Ereignisse, die sich nur im Umgang mit Ungewissheit ergeben – legte er Wert darauf “zu glauben und zu handeln, als ob es unmöglich wäre, zu scheitern”. Glauben ist eine Sache, künstlerisches Handeln nach Ed Schein hat jedoch weniger mit Kreation als viel mehr mit Suche und Reflektion zu tun.

Dies ist allerdings kein leichtes Unterfangen für Organisationen. “Es ist nicht so einfach, weil diese Unternehmen in Palo Alto, die agile Softwareentwicklung praktizieren, nicht verstehen, dass dies eine Reihe von Regeln beinhaltet, allerdings um die falschen Fragen herum. Ich will auf folgendes hinaus – wie verbinden wir die Idee der Praxis mit dem, was in uns steckt? Ich liebe Otto Scharmer’s Bild davon, was passiert, wenn der Künstler vor der leeren Leinwand steht. Was geschieht in diesem Moment psychologisch? Was ist das für ein Prozess, bei dem etwas in einem nach außen tritt? Für mich ist das ein eindringliches Bild. Die Praxis, die meiner Ansicht nach in Unternehmen fehlt, ist die Zeit zur Reflektion.

Wenn Sie die heutige Unternehmenswelt anschauen, geht es ausschließlich ums Tun. Reisen sollten nicht als Ausschuss betrachtet werden. Sie sind eine Gelegenheit zu reflektieren. Sie sitzen im Flieger und fragen sich, was eigentlich los ist, denn da gibt es sonst nichts zu tun. Wenn ich mich beim Schreiben nicht konzentrieren kann, mache ich einen Spaziergang, denn dann kommen die Dinge zu mir zurück. Wenn Leute sagen ‘Kann ich mit Dir gehen?’, sage ich ‘Nein, ich will alleine gehen. Ich will nicht von einem anderen Menschen abgelenkt werden’ [lacht].

Ich denke, das ist die Praxis, die wir in Unternehmen bringen müssen. Es geht darum, herauszufinden, wie sich der analysierende Prozess legitimieren lässt, und darüber zu reflektieren. Das ist die große fehlende Komponente, dass Leute nie Sehen lernen, weil sie sich nicht die Zeit nehmen, es zu üben. […] Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nichts wirklich sieht, bis man sich die Zeit nimmt, es lange anzuschauen. Für mich ist das eine Fähigkeit, die bei Künstlern normal ist, und die sich übertragen lässt auf jede andere form kreativer Tätigkeit, aber noch wichtiger auf die Aktivität des Unternehmertums, der Strategieentwicklung, der Gestaltung von Organisationen, und so weiter. Sehen ist etwas, das man lernen muss. Es ist nicht automatisch da. Künstler halten es für normal, dass man lernt, zu sehen.” […] “Ich glaube, was passiert ist, ist, dass ein Konzept wie Reflektion oder Achtsamkeit korrumpiert wurde, ganz so, wie das Wort Kultur korrumpiert wurde und zur Routine in Methoden wurde. Die ursprüngliche Reflektion in den NTLT-Trainings-Gruppen während meiner Ausbildung war getrieben von etwas, das wir ‘den Geist der Untersuchung’ nannten. Es war immer verbunden mit dem, was in der Gruppe gerade geschah. Wir sind nicht woanders hingegangen und haben reflektiert, oder haben versucht, Mantren oder Achtsamkeit anzuwenden. Wir haben gesagt ‘Moment mal, was ist gerade passiert? Wie kam es dazu?’ Und dann hat man vielleicht später darüber nachgedacht, und festgestellt, ‘das ist erstaunlich’. Wenn ich meine Spaziergänge mache, dann weil ich völlig in der Arbeit stecken geblieben bin. Ich kann nicht mehr weiterarbeiten, also mache ich einen Spaziergang. Nicht, um von der Arbeit wegzukommen, sondern um neue Gedanken zuzulassen, und ich finde es spannend, wie das immer wieder funktioniert. Ich sage mir ‘Ich muss jetzt einen Spaziergang machen’, und 20 Minuten lang tut sich nichts. Aber nach 30 oder 40 Minuten, da habe ich plötzlich einen Gedanken. Und der ist hilfreich, und bringt mich zurück zur Arbeit. Ich trage Notizbücher bei mir, denn manchmal muss ich diesen Gedanken sofort festhalten, damit ich ihn später nicht vergesse. Meine Idee von Achtsamkeit und Reflektion ist eng verknüpft mit der Arbeit, aber in dem Sinne, dass ich zu fokussiert geworden bin und von diesem unmittelbaren Fokus Abstand gewinnen muss, damit andere Ideen Raum bekommen in dem, was ich da zu tun versuche.”

Eine Kultur der Kreativität erschaffen – Ein Stück Kunst

“The first man to compare the cheeks of a young woman to a rose was obviously a poet; the first to repeat it was possibly an idiot.” Salvador Dali

Für Ed Schein gibt es keinen Zweifel, dass ein Unikat jede Standardisierung schlägt, wenn es um die Etablierung einer Kreativitätskultur in einer Organisation geht. Es gibt keinen Standard. “Sie müssen individuell erarbeiten, wie Sie in der jeweiligen Organisation zu mehr Kreativität gelangen. Ich würde sagen, dass alles Verallgemeinerte sofort so abstrakt wird, dass es korrumpiert wird. Genau das wird geschehen. Wenn ich sagen würde, dass Unternehmen mehr Zeit finden sollen, um zu reflektieren, dann könnten diese Reflektion verdrehen in irgendeine programmatische Aktivität, und ich würde sagen ‘nein, das meinte ich nicht’. Ich denke, Sie sollten das angehen, wie ein Künstler einen neuen kreativen Akt angeht. Mit einem Unternehmen zu arbeiten, um zu mehr Kreativität zu gelangen, das ist in sich selbst ein kreativer Akt. Sagen wir, ein Unternehmen lädt Sie ein, um mit Ihnen darüber nachzudenken, wie sich mehr Kreativität in der Organisation einführen ließe. Das Beste, was Sie dann tun können, ist neugierig werden. ‘Was tun Sie aktuell? Warum ist das ein Problem? Was wollen Sie erreichen?’, und mit der Interaktion sehr kreativ umgehen.” Beim Nachsinnen über Ed Schein’s Gedanken realisiert man, dass es nicht einfach um irgendwelche Eisbrecher, Brainstorming-Regeln, Workshop-Methoden und Post-It-Notes geht. Es geht um eine soziale Verbindung zwischen Menschen. “Es gibt andere Orte, wo wir Kreativität brauchen. Ich glaube, wir betreten das Zeitalter der Beziehungen, und wir sind ziemlich schlecht gerüstet, um mit Beziehungen kreativ umzugehen. Ich glaube, Ich, Sie und alle anderen sollten sich fragen, wie wir unsere Beziehungen managen, und ob wir nicht viel kreativer damit umgehen könnten, wie wir miteinander sprechen, und mit welcher Absicht. Ich denke, dass Sie und ich die Chance haben, direkt persönlich zu sein und zu sagen, ‘Hey, cool, was wollen wir hier versuchen?’ Oder Sie könnten sagen ‘sehr interessant, lassen Sie mich Ihnen von unserem Programm erzählen, was halten Sie davon?’ Der eine Ansatz ist formell und traditionell, der andere ist agil und springt direkt zum Persönlichen ‘Hier und Jetzt’. Und sofort wandelt sich die Beziehung, oder? [lacht] Wir sind ziemlich steif und unkreativ, wie wir miteinander sprechen! Persönlicher werden heißt, künstlerischer werden.”

Lesen Sie das vollständige Interview (nur auf Englisch).

*“Die künsterlische Arbeit muss dich ergreifen, dich in sich einwickeln, dich fort tragen. Es ist die Art und Weise, auf die der Künstler seine Leidenschaft vermittelt.”

Interview: Raoul Pilcicki, Dirk Dobiéy
Blog-Beitrag: Raoul Pilcicki, Dirk Dobiéy

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