Hans-Jörg Rheinberger ist Wissenschaftshistoriker und hat sowohl einen geisteswissenschaftlichen Hintergrund in Soziologie, Philosophie und Linguistik als auch einen naturwissenschaftlichen Hintergrund in Biologie und Chemie. Außerdem verfasst er seit seiner Jugend Gedichte und Essays. Von 1997 bis 2014 war Rheinberger Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.

Rheinberger beschäftigt sich in seiner Forschung vor allem mit der Natur des Experiments, mit Experimentalsystemen wie er Konfigurationen bezeichnet, die Unsicherheit, Unplanbarkeit und Nichtwissen in sich tragen: „Man muss sie als Orte der Emergenz ansehen, als Strukturen, die von der Wissenschaftsentwicklung hervorgebracht wurden, um anders nicht Ausdenkbares einzufangen. Sie sind eine Art Spinnennetz. Es muss sich in ihnen etwas verfangen können, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist, und auch nicht genau, wann es kommt. Experimentalsysteme sind Vorkehrungen zur Erzeugung von unvorwegnehmbaren Ereignissen.“ Hieraus geht hervor, dass (wahre) Experimente erstens ergebnisoffen sind und neue Erkenntnisse nicht vorwegnehmbar sind. Rheinberger sieht im Experiment vor allem den „Moment des Machens, verbunden mit einem Moment von etwas, das noch nicht absehbar ist. (…) Wenn man experimentiert muss man schließlich unterschiedliche Dinge miteinander in Verbindung bringen. Wenn man beispielsweise als Biologe experimentiert, muss man die Materialien, die aus dem Bereich des Biologischen stammen, auf eine Art und Weise bearbeiten, dass sie mit dem technischen Gerät in eine produktive Verbindung gebracht werden können. Man arbeitet in einem bestimmten Raum, in dem vielleicht nicht alles vorhanden ist, oder in dem es zu irgendwelchen Vibrationen kommt, die man gerne ausschalten möchte. Es ist ein ganzes Ensemble von Elementen, einschließlich des Experimentators selber, das heute mal besser gelaunt ist und morgen mal schlechter. Es ist ein Ensemble, das ständig konfiguriert und rekonfiguriert werden muss, das aber nicht systemisch zusammengesetzt ist, sodass alle Teile aufeinander abgestimmt sind, damit das Auto läuft. Man macht die Sache gerade deswegen, weil man eben noch kein laufendes Auto hat.“

Was Rheinberger schildert, hat nur wenig mit einem stringenten, linearen Prozess des Forschens zu tun den man gemeinhin im Sinn hat. Es erinnert vielmehr an einen Spielplatz der Zufälligkeiten oder besser einem System zur Produktion glücklicher Fügung, auf dem nicht nur der Ausgang des Geschehens unabsehbar ist, sondern oft genug auch der einzuschlagende Weg. Der Aspekt des Machens ist dabei essenziell. So verstanden ist das Experimentieren überall dort zuhause, wo es darum geht, durch den Versuch zu Erkenntnis und Klarheit zu gelangen: Wir finden es in der Probe eines Werkes vor seiner Aufführung, wir finden es im Entwurf, der probeweisen Umsetzung einer Idee mittels Skizze oder Modell oder im Komponieren unterschiedlicher Komponenten genauso wie dem Orchestrieren von Zusammenarbeit. “In der Regel ist Experimentieren Teamarbeit. Selbst wenn das nicht gegeben wäre, ist auch die Arbeit eines einzelnen Forschers insofern kollektiv, als sie darauf angelegt ist, dass das Ergebnis der Community offengelegt wird. Es wird in den gemeinsamen Diskussionsprozess eingespeist und steht zur Disposition für jeden, der es besser machen kann. Das ist jedenfalls das Ideal, das beschreibt die Sache vom Prinzip her ganz gut – auch wenn es genügend Ausnahmen gibt. Die wissenschaftliche Arbeit ist kollektiv als Diskurs angelegt. Das könnte sich in der Kunst unter Umständen etwas anders darstellen – auch wenn wir natürlich aus dem künstlerischen Bereich das Phänomen der Werkstätten kennen. Man braucht bloß an den Anfang des 17. Jahrhunderts zurückzugehen und an die Malerwerkstatt von Rubens zu denken. […] Dann kann das Atelier, in dem tatsächlich der Arbeitsprozess stattfindet, kein geschlossener Raum mehr sein.”

Fragt man Rheinberger, der neben seiner wissenschaftlichen Arbeit auch Gedichte verfasst, ob es in dieser Sache auch Parallelen zur Kunst gibt, findet er viele Gemeinsamkeiten: „Ich denke, die künstlerische Arbeit ist eine praktische Form, auf die Welt zuzugreifen und dabei genauso handlungsorientiert wie die Natur- und andere Wissenschaften. Bei beiden geht es darum, Neuland zu erschließen: einen Schritt in Richtung von etwas, bei dem man bisher nicht genug in Erfahrung gebracht hat. So sind das Betreiben von Wissenschaft und das Betreiben von Kunst auf dieser allgemeinen Ebene durchaus vergleichbare Aktivitäten. Man lässt sich auf ein Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang ein. […] Die künstlerische und wissenschaftliche Betätigung sind nicht als teleologischer Vorgang, also von einem Ende her, zu verstehen. Sie sind eher ein Abstoßen von einem gegenwärtigen Zustand, der etwas zu wünschen übrig lässt. Es ist im Grunde genommen nicht klar, wohin die Reise geht. Aber es ist klar, dass die Reise getan werden muss, es ist keine Beliebigkeit darin. Genau das ist die Situation, in der Künstler sich in ähnlicher Weise befinden wie Wissenschaftler, obwohl sie möglicherweise mit völlig anderen Materialien und Techniken arbeiten. […] Man sollte nicht davon ausgehen, man könne jetzt aus einer solchen Art von Unbestimmtheit ableiten, dass alles schwammig ist. Ganz im Gegenteil: Ich denke, dass jemand, der sich auf einen bestimmten Bereich einlässt, über den er experimentell mehr erfahren will, schon mit einer ziemlich klaren Fragestellung daherkommt.“ Für Rheinberger bedeutet Kreativität, dass man sich auf eine Reise mit offenem Ausgang und dennoch klarer Intention begibt und sich im Dialog mit dem Material an ein Ergebnis annähert. Er glaubt, dass es keine Methode gibt, derer man sich hierbei bedienen könnte und “dass man in einen Prozess der Auseinandersetzung getreten sein muss und sich auf diesen wirklich einlassen muss, mit all den Fähigkeiten, die man als Person zur Verfügung hat.” Entscheidend an Rheinbergers Auffassung ist sein Hinweis auf den Umgang mit dem Material und dessen Widerstand: „Bei den Naturwissenschaften ist das klar, ‚not anything goes’. Man versucht ja etwas über materielle Prozesse, die in der Regel auch nicht sinnfällig sind, in Erfahrung zu bringen und man bindet sich gewissermaßen an das Material, mit dem man umgeht. Man kann ihm schließlich nicht seinen eigenen Stempel aufdrücken. Das ist dem Schöpfen von Kunst ganz ähnlich. Vielleicht gibt es Künstler, die von sich denken, es komme alles von innen und es sei die Selbstverwirklichung. Das war für mich nie der interessante Punkt, weil ich denke, der Schlüssel ist die Art und Weise wie man sich seine Welt verfügbar macht. In der künstlerischen Betätigung ist das Material, ob nun Farbe oder Leinwand, letztlich genauso widerständig. Es geht nicht alles. Man holt es sozusagen nicht aus sich, sondern aus dem Material heraus.” Rheinberger sieht im Widerstand des Materials keine Restriktion sondern eine Herausforderung. Um das klarer zu machen, wechselte er im Gespräch mit uns die Seiten und erzählte von seinem poetischen Schaffen: “Seitdem ich 18 Jahre alt bin, habe ich geschrieben und seitdem auch nie aufgehört, obwohl ich es letztlich nie zu meinem Lebensberuf gemacht habe. Hier geht es mir auch nicht darum, meine eigene Seele zum Sprechen zu bringen, sondern mit einem anderen Material, nämlich der Sprache und Worten umzugehen, und die können sehr widerständig sein. Die Art und Weise wie man sie aneinanderfügt und was man mit ihnen macht, sehe ich als einen genauso materiell bedingten Prozess. An dessen Ende stehen auch Dinge, die man sich am Anfang gar nicht hat vorstellen können, weil sie sich eben in der ganz konkreten Auseinandersetzung mit dem Wortmaterial erst einstellen und realisieren.”

Lesen Sie das vollständige Interview.

Interview: Dirk Dobièy, Claudia Helmert
Blog-Beitrag: Adina Asbeck
Bildquelle: Hans-Jörg Rheinberger

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