Jan Brueghel der Ältere, Spross einer bekannten flämischen Malerdynastie, war zu seiner Zeit gut im Geschäft. Mit Peter Paul Rubens auf Augenhöhe – die beiden arbeiteten bisweilen gemeinsam an Gemälden – gehörte Blumenbruehgel, wie er auch genannt wurde, man ahnt weshalb, zu den führenden Malern des Übergangs vom 16. in das 17. Jahrhundert. Doch warum sollte uns das interessieren? Stillleben, zumal jener Zeit, stehen nicht gerade im Zentrum des Kunstinteresses der Gegenwart. Man begegnet ihnen eher unbeabsichtigt, im Museum vielleicht, weil man auf dem Weg zur klassischen Moderne falsch abgebogen ist. Falls Ihnen ein solches Missgeschick widerfährt, werden Sie feststellen, dass man damals besonders häufig Tulpen malte. Und das hatte einen guten Grund.

Jan Philips van Thielen – Rosen und Tulpe in einer Glasvase

Anfang des 17. Jahrhunderts kam es zur ersten gut dokumentierten Spekulationsblase in der Geschichte der Menschheit. Spekuliert wurde damals nicht etwa mit Gewürzen, Immobilien oder anderen Werten, sondern mit Tulpenzwiebeln. Gerade einmal zehn Tulpenzwiebeln hatten in den Niederlanden einen Wert, der dem entsprach, was eine vierköpfige Familie für ein halbes Leben benötigte. Bis dann, wie es bei Blasen üblich ist, das Ganze für die meisten überraschend platzte. Jan Brueghel der Ältere erlebte das nicht mehr, dafür aber sein Sohn, der nicht nur den Namen, sondern, wie es sich damals gehörte, auch die Familientradition fortführte. Bekannt wurde Jan Brueghel der Jüngere auch für sein Gemälde Allegorie der Tulipomanie, ein satirisches Werk aus den 1640er Jahren, das die Tulpenkrise behandelt und Affen, wie in der Renaissance damals gebräuchlich, als Sinnbild menschlicher Gier und Dummheit zeigt.

Vincent van Gogh – Blumenbeete in Holland

Die Gartenbaukunst galt zu jener Zeit als sittsame und geschätzte Beschäftigung der oberen Zehntausend. Und die Tulpe, damals eine exotische und begehrenswerte Blume aus den fernen Ländern des Ostens, galt als größte Zierde ihrer Gärten. Die ersten Züchter, die sich in Europa mit der Pflanze beschäftigten, kannten sich häufig persönlich. Sie unterstützten sich, teilten ihr Wissen und tauschten Blumenzwiebeln, auch über Ländergrenzen hinweg. Erst als das Netzwerk größer wurde, kam man auf die Idee, Tulpenzwiebeln geldwert zu tauschen. Das Netzwerk wuchs und wurde dabei immer fragiler. Das zunehmende Interesse an den Tulpen erklärt sich auch aus einer Überkapitalisierung weiter Teile der Bevölkerung. Im reichsten Land Europas hatten damals zu viele Leute schlicht und einfach zu viel Geld übrig. Paradoxerweise wurden Zwiebeln, die von einem Virus befallen waren (was man damals noch natürlich nicht wusste), besonders hoch gehandelt, denn ihre Blüten wiesen ganz besondere Zeichnungen auf, die als so chic galten, dass sich der Wert einzelner Zwiebeln zum Höhepunkt der Entwicklungen an nur einem Tag plötzlich verzehnfachen konnte. Schließlich wurden Tulpenzwiebeln sogar wie Bargeld genutzt. Anfang der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts konnte man ein Stadthaus in Amsterdam mit fünf Blumenzwiebeln bezahlen, aber nur wenn das Haus entsprechend repräsentativ war. Als die Euphorie breite Bevölkerungsschichten erreichte, verlief der Hype kurzzeitig noch rasanter, um dann im Winter 1636/37 ohne Vorwarnung in sich zusammenzubrechen. Viele Menschen verloren unglaublich viel Geld. Der Streit um die entstanden Schulden hielt das Land noch viele Jahre in Atem.

Nun kann man diese Geschichte (wer sich dafür interessiert, wird in Mike Dashs Tulipomania fündig) mit Blick auf jüngere Ereignisse im Zusammenhang mit Kryptowährungen als eine Art Mahnung oder Lehrstück verstehen – und einige haben das ja auch schon ausgiebig getan. Doch in ihr gibt es mehr zu entdecken.

Claude Monet – Tulpenfelder in Holland

So ist es doch erstaunlich, dass man in den Niederlanden das Interesse an Blumen nicht verloren hat, nicht in der Kunst und auch nicht in der Wirtschaft. Die Tulpe ist bis heute ein Exportschlager, die Felder voller Blumen soweit das Auge reicht – weltberühmt auch weil Vincent Van Gogh oder Claude Monet ihnen nicht widerstehen konnten.

Franzconde. Tulpenfelder in  Zuidschermer

Eine Lektion, die man aus dieser Geschichte (aber zum Beispiel auch aus den frühen Tagen des Internets) also ebenfalls lernen könnte, ist, dass es nach anfänglicher Begeisterung der Zäsur bedarf, damit etwas wirklich Bedeutungsvolles entstehen kann.

Nicht ganz ernst gemeint: Wenn die Mahner recht behalten sollten, so haben wir errechnet, müsste der Absturz des Bitcoins, bzw. des Krypto-Hypes im Februar 2018 erfolgen

So wie die Chancen gut stehen, dass der Hype um die Kryptowährungen ein jähes, wenn auch nur vorläufiges, Ende findet, so stehen die Chancen dieses Mal ebenfalls gut, dass uns in naher Zukunft eine Renaissance des Stilllebens bevorsteht – sie gelten als Symbol der Vergänglichkeit.

Ergänzung 21.12.2017. Gestern schrieb die FAZ etwas ganz ähnliches zum Thema.

Komplette Offenlegung: Der Autor besitzt Tulpenzwiebeln und Stillleben mit Tulpen.

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Blogpost: Dirk Dobiéy. Übersetzung: Vivian Kolster, Stephanie Barnes.

Bildquellen:
Markus Spike – Red tulips opening in the morning. Quelle: Unsplash
Jan Philips van Thielen, Roses and a Tulip in a Glass Vase, Quelle: NGA.gov
Allegorie der Tulpomanie, Gemälde von Jan Brueghel d.J., 2. Viertel 17. Jahrhundert. Quelle Wikimedia Commons
Vincent van Gogh – Flower Beds in Holland, 1883, Quelle: NGA.gov
Claude Monet. Tulpenfelder in Holland. 1886. Musée d’Orsay. Quelle: Wikimedia Commons
Franzconde, Tulip fields in Zuidschermer, North Holland, The Netherlands. Quelle: Wikimedia Commons

 

 

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