Bernd Rosslenbroich ist Institutsleiter am Institut für Evolutionsbiologie an der Privatuniversität Witten/Herdecke. In seinem Buch „On the Origin of Autonomy“ betrachtet Rosslenbroich die großen Veränderungen in der Evolution nicht als reine Anpassung an Umweltbedingungen, sondern als ein Wechselspiel und einen Austausch von Organismus und Umfeld. Dieser Blickwinkel versprach ein besonders spannendes Gespräch, auch weil Rosslenbroich spielerische Vorgänge als wesentliche Komponente für Flexibilität und Autonomie ansieht.

Für ihn ist es konsequent und selbstverständlich, dass höher entwickelte Organismen anfangen zu spielen: „Eine Evolutionsforschung, die sich auf Anpassung konzentriert, kann diesen Sachverhalt evolutionsbiologisch nur schwer erklären, weil das Spielen keinen Anpassungswert hat. An dieser Stelle kann man das Spiel des Menschen betrachten und feststellen, dass der Mensch das Spielen exzessiv betreibt. Kinder spielen ausgesprochen umfangreich. Wird dieser Gedanke fortgeführt, kann man eine gewisse Kreativität erkennen. Es werden flexible Handlungen geübt und kein bestimmtes Verhalten, sondern eine Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten wird eingeübt. Es wird Flexibilität an sich gelernt und das ist Kreativität. Das charakterisiert den Menschen ganz besonders. Wir haben Freiheitsgrade, die wir durch das Spielen trainieren. Deswegen ist das Spiel etwas ganz Wertvolles in unserer Gesellschaft und in besonderer Weise für unsere Kinder.” Was Kinder und ihr Spiel auszeichnet ist vor allem Neugier und das Verlangen, neue Dinge auszuprobieren. Ein natürlicher Vorgang den man als Erwachsener vielleicht eher Experiment oder Versuch und Irrtum nennen würde. Denn das Experiment ist letztendlich eine spielerische Art, etwas Neues zu entdecken oder zu gestalten. Entsprechend  versteht Rosslenbroich das Experimentieren als Aufgreifen und Fortführen der biologischen Möglichkeiten, um die Spielfähigkeit auch kulturell zu veredeln. Zwar sollte man Kultur und Biologie nicht in unzulässiger Weise vermischen und „in einen billigen Biologismus herunterziehen“. Und doch gibt unsere biologische Organisation dem kulturfähigen Menschen die Voraussetzung. „Hier meine ich die Vielfalt der Verhaltensmöglichkeiten, einschließlich der Bewegungsmöglichkeiten, um es dann kulturell aufzugreifen, zu verwandeln und es in etwas ganz Eigenständiges fortzuführen.“ Es sind eben die beiden Seiten Biologie und Kultur die etwas miteinander zu tun haben. In diesem Zusammenhang ist für Rosslenbroich noch ein weiterer Aspekt wichtig: „Der Zusammenhang zwischen Gehirn und Körper ist viel stärker als wir uns das immer denken. Das Gehirn steuert nicht einfach den Körper, sondern der Zusammenhang schafft unsere Verhaltensmöglichkeiten. Wenn das hochgradig Flexible zusammengenommen wird, dann kommt dem Spiel eine große Bedeutung zu, insbesondere dem Zusammenhang von Gehirn, Spiel und Körper. (…) Wenn wir Gedankenspiele planerisch machen wollen, dann brauchen wir diese Voraussetzungen, die dann nicht eben nur intellektuell eingeübt werden können, sondern auch durch Bewegung eingeübt werden müssen. Im übertragenen Sinne sagen wir deshalb ja auch, dass wir etwas ‚durchspielen’ müssen. Wenn wir dieses Thema für die Entwicklung ernst nehmen, dann muss man sagen, dass durch Bewegungsspiele auch geistige Kreativität entsteht.“

Auch vertritt der Biologe  die Ansicht, dass die Autonomie im Laufe der Evolution bei allen Organismen stetig zunimmt. Wie auch viele andere Wissenschaftler lehnt er rein deterministische Erklärungsversuche ab: “Schon lange war mein Verdacht, dass Gene viel flexibler gehandhabt werden können. Auch der neurologische Determinismus, wir seien durch die molekularen Vorgänge in unseren Neuronen determiniert, ist interpretiert und stimmt nicht. (…) Es wird auch ein Determinismus aus der Evolution konstruiert, wir seien angepasst an die Situation der Eiszeit. Aus welchem Grund? Die Evolution ist seitdem weitergegangen. Wir sind kulturfähige Menschen, weshalb sollen wir auf etwas Rückwärtiges begrenzt werden? Die ganzen Determinismen können am Autonomie-Begriff aufgelöst werden”, erklärte er. Den Zusammenhang zwischen Autonomie und Anpassung sieht er folgendermaßen: “Autonomie bedeutet hier, dass Organismen immer mehr Selbstständigkeit entwickeln können und sich immer besser selbst regulieren. Entwicklung ist also gewissermaßen ein Dialog zwischen Organismus und Umgebung und ein Wechselspiel zwischen Autonomie und passiver Anpassung. Jeder Organismus bildet dadurch einen unterschiedlichen Grad der Autonomie aus. An flexiblen und intelligenten Organismen lässt sich in der Regel eine ausgeprägtere Autonomie feststellen, da sie in einem stärkeren Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Dadurch entwickeln sie eine viel intensivere Sinneswahrnehmung.” Uns  fällt es nicht schwer Parallelen zwischen den Aussagen  des Biologen und dem künstlerischen Gestaltungsprozess zu erkennen,  denn es sind  exakt diese intensivere Sinneswahrnehmungen, die in (spielerischen) Gestaltungsprozessen den Unterschied machen.

Zwar würde Rosslenbroich seine Erkenntnisse nie unter wissenschaftlichen Maßstäben auf den Organisationskontext ausweiten. Parallelen sieht er allerdings schon: Strenge Hierarchien und Machtspiele kennt er als klassische Unterdrückungsinstrumente von Autonomie in wissenschaftlichen Organisationsstrukturen. In seiner Zeit als Forscher in den Vereinigten Staaten hat er die Zusammenarbeit in wissenschaftlichen Einrichtungen ganz anders, als „Miteinander auf dem gleichen Level erlebt, während hier in Deutschland stärker noch eine Hierarchie existiert, die manches blockieren kann.“ Ein guter Weg auch für die Wirtschaft könnte so aussehen: „Ich stelle mir jetzt lauter Personen in einer Firma vor, die eine Autonomiefähigkeit haben. Die jetzt mit ihrer ganz persönlichen Autonomie dastehen, aber auch in das Firmengeschehen und die jeweiligen Ziele eingebunden werden. Es drängt sich die Frage auf, ob die Mitarbeiter in der Lage sind, ihr gewisses Maß an Autonomie zu leben oder ob sie sich den Vorgaben der Firma ganz anpassen müssen. Man kann auch nicht nur ausschließlich autonom sein. Wenn das geschieht, würde jeder machen, was er will, und das funktioniert ebenso wenig. Anpassung ist auch ein Stück weit nötig. Genau das sehen wir auch in der Biologie. Leben funktioniert nur zwischen Autonomie und Anpassung. Es kommt auf die Balance an. Leben darf nur eine relative Autonomie haben. Kann eine Firma nun die relative Autonomie ihrer Mitarbeiter als Potential nutzen oder erwartet sie die vollständige Anpassung? Da gibt es natürlich große individuelle Unterschiede, aber sicher wäre es zumeist sinnvoll, wenn sich die verschiedenen Autonomien ein Stück weit relativ ausleben können. Ein gewisser Respekt vor der Autonomie des anderen gehört dann auch dazu.  Die Psychologie weiß heute gut, dass Menschen unter einer allzu starken Fremdbestimmung leiden und krank werden können. Ich vermute, dass das sogar noch zunehmen wird, da die Menschen immer mehr an persönlicher Autonomie entwickeln. Damit wird die moderne Berufswelt in Zukunft umgehen müssen, aber nicht als Last, sondern als Potential.“ Was Rosslenbroich also für den Organismus sagen kann und für das Individuum vermutet, könnte demnach auch für ganze Gruppen gelten: Je komplexer Herausforderungen sind, je dynamischer sich ein Umfeld entwickelt, desto mehr Autonomie ist erstrebenswert. Ohne Handlungsspielraum dagegen gerät der Einzelne und die ganze Organisation unter Druck. “Wenn ich mir eine Firma vorstelle, die sich von einem Geschäftsjahr zum nächsten nur an seinen steigenden Umsatzzahlen erfreut und dabei kein spielerisches Verhältnis zu diesen Zahlen hat, bemerkt man womöglich nicht, dass es nicht immer so weitergehen kann.In der Biologie sehen wir, dass ständiges Wachstum zu einem Tumor führt. Wenn man also auf Umsatzzahlen starrt, verliert man den Blick für das Nachfolgende. Entwickelt man ein spielerisches Verhältnis und kann loslassen, es aus einem höheren Blickwinkel betrachten, könnte man vielleicht sogar langfristig erfolgreicher sein. Einem Biologen kommt es sehr merkwürdig vor, wenn von ständigem Wachstum die Rede ist und das gilt ebenso für unsere gesamte Ökonomie. Das würde ich mal gerne von einem Ökonomen erklärt bekommen, warum unsere gesamte Wirtschaft ständig auf Wachstum ausgelegt ist. Ständiges Wachstum führt zu einem Tumor, zu einer Kollision. Und wir steuern längst auf eine Kollision zu, wenn man etwa die ökologische Katastrophe ansieht, die derzeit läuft und akut ist. Klimaveränderung und Umweltverschmutzung sollten in die Rechnung einbezogen werden, sonst läuft es auf eine Kollision heraus. Zu dem Wachstum ein spielerisches Verhältnis zu bekommen und etwas anderes für denkbar zu halten, wäre doch ein Konzept.“

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

Interview: Dirk Dobièy
Blog-Beitrag: Adina Asbeck
Bildquelle: Bernd Rosslenbroich

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