Der gebürtige Berliner Sebastian Heiner studierte in seiner Heimatstadt an der Hochschule der Künste. In der Regel lebt und arbeitet Heiner in Berlin, wo er sich das Atelier mit dem Künstler Jörn Grothkopp teilt. Bezeichnend für den Künstler ist seine Hinwendung und Auseinandersetzung mit der asiatischen Kultur, was sich auch in einem Teil seiner Arbeiten widerspiegelt. Seine Werke zeichnen sich durch abstrakte Farbgestaltungen und plastische Bilddarstellungen aus. Der Berliner erzählte uns, dass seine Malerei auch sehr von seinen Aufenthalten im Ausland geprägt ist. Über viele Jahre unterhielt er Ateliers in Peking, Shanghai und Bangkok. “Ich glaube, dass während dieser Aufenthalte in mir unheimlich viel aufgebrochen ist. Ich hatte vorher das Gefühl, dass meine Malerei in gewisser Weise etwas festgefahren war. Aber dieser Schock der Großstadt, der Schock des Anderen, des Fremden hat mich sehr geöffnet. Ich konnte wieder zur Farbe zurückkehren, habe angefangen, in die Farbe zu kratzen, und versucht, Spuren zu finden. (…) Aber auch das Ausgesetztsein in einen ganz anderen kulturellen Kontext empfand ich für mich als sehr elementar und entdeckenswert. Ich konnte mich in der Ausnahmesituation sozusagen selbst finden: in der Fremde, fernab von meiner kulturellen Identität. Ich konnte wieder zu mir zurückkehren – und fand diesen Widerspruch spannend: Wegzugehen, um zurückzukehren.”

Dämmerung

Dämmerung

#1 Die Wahrnehmung des Künstlers

“Bei uns beiden Künstlern geht es vor allem um Wahrnehmung. Wir sprechen oft darüber, was eigentlich Wirklichkeit ist. Wir nehmen die Welt unterschiedlich wahr und versuchen zu erkennen wie der andere die Welt sieht, wie wir uns unterscheiden und wo wir uns treffen. Auf jeden Fall treffen wir uns in der ständigen Hinterfragung der eigenen Position. Bei beiden geht es um den Prozess des Schaffens. Für uns ist der Prozess wichtiger als das Ergebnis, der Weg ist das Ziel. Es geht um die verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung eines Bildes. Da ist es gerade schön, wenn die Variationen bei uns so unterschiedlich sind. Wir lieben den Austausch, auch mit anderen Personen, und ich halte ihn auch für entscheidend wichtig. Das hilft locker zu bleiben, sich nicht zu sehr zu fixieren und die Türen offenzuhalten.”

#2 Die Bühne des Künstlers

“Mein Feld des Malens begreife ich als Bühne. Wenn ich mich umziehe, versuche ich abzuschalten und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich verlasse das Alltägliche und überschreite eine Grenze in ein Chaos hinein, wo ich nichts habe, außer mir selbst. Die Kleidung ist die Verkleidung, die Bühne ist das Aktionsfeld. Nun geht es an die Gestaltung: Ich arbeite sehr körperlich. Manchmal drücke ich die Tuben auf dem Boden aus, sodass ich erst mal eine Masse von Farbe habe. Manchmal greife ich mit der Hand hinein und verstreiche sie anschließend direkt mit meinem Körper auf der Leinwand. Oder ich nehme Pappe, tauche sie in die Farbe und ziehe sie über die Leinwand. Es muss schnell, direkt und spontan sein. Ich denke hierbei an die Arbeit mit Tusche in Asien und dass man genau konzentriert in dem richtigen Moment das Richtige tut. Dieser Moment ist die Präzision im Chaos. Man muss seiner Intuition folgen. Es kann auch passieren, dass ich eine Komposition geschaffen habe, die mir gut gefällt – bis auf einen kleinen Moment, der das ganze System zum Abstürzen bringt. Es ist eine Kettenreaktion. Das Bild, das zufällig zu sein scheint, ist letztendlich immer ein System von Elementen. Diese Elemente müssen auch eine Ordnung erfahren. Das Freisein kann täuschend sein, denn man hat immer gewisse Module und Teile zur Verfügung. Ich habe eine bestimmte Armbewegung, die ich immer wieder vollziehe ohne es zu merken. Ein bestimmtes Repertoire ist in gewisser Weise auch beschränkend. Zwar kann ich aus diesem Repertoire heraus viele Variationen schaffen, doch meine große Angst ist die Entwicklung von Automatismen und einer Routine. Dagegen muss ich immer wieder ankämpfen, weshalb ich die Grundfarbe oder das Format ändere und einen Schritt zurückgehe. Jeder hat seinen eigenen Stil: Allein schon der physische und psychische Aufbau bestimmt die Elemente, die man zur Verfügung hat. Es geht nicht darum das Repertoire der Elemente zu verändern, höchstens es maximal zu erweitern. Die Gefahr für das Kreative sind die Routine und Gleichförmigkeit.”

Indischer Tanz

Indischer Tanz

#3 Der Arbeitsprozess des Künstlers

“Interessant wird es, wenn keine konkrete Idee vorhanden ist. Mich fordert es heraus immer bei null anzufangen. Das heißt weder eine festgefahrene Idee, noch eine vorgefertigte Meinung zu haben, sondern momenthaft und aus dem Zufall heraus zu agieren, um dann zu sehen, dass sich doch immer wieder eine ähnliche Linie kristallisiert. Auf diese Weise kann man gar nicht anders handeln, als aus sich selbst heraus. Vieles lässt man hinter sich, bis man nur noch das sein kann, was man ist. Meine Motivation besteht darin mich nicht in ein bestimmtes Schema pressen zu lassen, weswegen ich auch das Format auf der Leinwand verändere. Ich stelle mich also auch rein formal in Frage. Es ist eine permanent wiederkehrende Frage, die auch aus einer gewissen Unsicherheit resultiert. Ich muss wieder etwas Neues probieren und mich herausfordern.”

“Wenn Fehler passieren “muss ich im schlimmsten Fall ein neues Bild anfangen. Es wird dann auch mal aussortiert, oder ich übermale es, was jedoch nur in einem gewissen Grad passieren sollte, weil die Frische und Direktheit sich sonst verlieren. Manchmal misstraue ich dem schnellen Ergebnis, man muss immer auf der Hut sein, sich ständig kritisch hinterfragen und dabei konzentriert sein. Ich bin ein großer Anhänger des Pragmatismus. Vielleicht ist es aufgrund der Angst vor dem Chaos und dem Kontrollverlust. Es geht darum eine Balance zwischen dem Chaos und einer geordneten, praktisch orientierten Welt zu halten und diese Spannung auszuhalten. Das Leben unterliegt einem chaotischen Prinzip, doch irgendeine Form von Ordnung muss es hier geben, weil das Chaos sonst zu zerstörerisch ist. Es ist eine dialektische Anschauung der Welt aus zwei Gegensätzen etwas zu schaffen und das Geschaffene anschließend wieder zu hinterfragen.”

#4 Die Regeln des Künstlers

“Wichtig ist es Schritt für Schritt voranzugehen und Entscheidungen zu treffen. Um die Dynamik des Chaos einzuschränken, muss man versuchen die Dinge rational einzugrenzen, bis man zu einem Ergebnis kommt. Ich versuche die Dynamik des Chaos in einem kleinen Moment zu fassen, wie beim Schach. Das Brett unterliegt dem Chaos und man versucht es zu beherrschen. Dazu braucht man auch Mut, denn vielleicht kann man die Dinge gar nicht beherrschen und versucht es trotzdem. Das Risiko des Scheiterns besteht immer. Es kann schon deshalb ein Existenzkampf sein, weil man freiberuflich tätig ist und man seine eigenen Regeln tagtäglich aufstellen muss und gewisse Dinge nicht erzwingen kann. Das Netzwerk und die Kontakte müssen ständig gepflegt und erneuert werden. Es ist eine ständige Anspannung, da man ständig dem Druck der Improvisation unterliegt. Jeder Tag ist neu. Es besteht keine Garantie für irgendetwas, aber das alles kann auch unheimlich attraktiv sein. Die Resonanz und die Bestätigung sind essentiell. In der reinen Isolation kann man nichts schaffen und daher gilt es den Austausch pflegen. Ansonsten geht der Mensch ein.”

#5 Was die Wirtschaft vom Künstler lernen kann

“Von dem Prozess der ständigen Selbsterneuerung und Nichtstehenbleibens. Dass man mutig genug bleibt Probleme anzugehen und Lösungen zu finden und dabei wendig und offen ist. Dass sie erkennen, dass es keine Sicherung gibt, sondern immer wieder neue Momente. Dass man im Team arbeitet und mit seinen Partnern kommuniziert, sodass man die Dinge nicht alleine, sondern gemeinsam voranbringt. Dass sie an sich selbst und an die Menschen glauben. Der Glaube an sich selbst ist der stärkste Antrieb durch den man es schafft Lösungen zu finden. Es gibt immer eine Lösung, auch wenn sie vielleicht anders ist, als man sie sich vorgestellt hat. Manchmal hat die Lösung auch keine Lösung.

Ich glaube, dass das jeder erfahren kann: Egal, ob Präsident, ein Kassierer oder ein Professor. Es kommt darauf an, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten die Dinge zur Entfaltung bringt und dabei das Maximale aus sich herausholt. Dabei sollte man menschlich bleiben und an die schöpferische Qualität auch dann glauben, wenn man wenig Spielraum hat. Es geht darum die positiven menschlichen Qualitäten zu kultivieren: Mitleid, Mitgefühl, Austausch, Hilfe, usw., das kann jeder leisten. Grundsätzlich geht es in der Wirtschaft darum etwas zu entwickeln und voranzutreiben, das sind Grundelemente des menschlichen Tuns. Man will etwas erwirtschaften und einen Mehrwert erzeugen, weshalb eine Strategie entwickelt werden muss, die das Schöpferische impliziert. Ohne Vision kann man keine Strategie und kein Produkt entwickeln. Die Kunst ist bloß ein Symbol für intensive, menschliche Handlung. Wenn man etwas erreichen will, muss man mutig, risikobereit, neugierig sein und Freude haben. Es funktioniert nicht, wenn man festgefahren ist und ohne einer gewissen Freiheit. Auch für das Kreative muss es Bedingungen geben.” Außerdem antwortete er die Frage ob er durch die Kunst besonders widerstandsfähig sei: “Ich denke schon. Es hat sich aber auch erst mit der Zeit entwickelt.”

Interview: Dirk Dobiéy
Transkription: Benjamin Stromberg
Blog-Beitrag: Adina Asbeck, Dirk Dobiéy
Bildquelle: Hans-Georg Gaul (für Sebastian Heiner) außer dem Titelportrait Age of Artists

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