Der in Berlin lebende Maler Jörn Grothkopp entschied sich bereits in jungen Jahren dafür Künstler zu sein. Wie die kleinen Entscheidungen, die er beim Malen eines Bildes trifft, hatte auch dieser wichtige Lebensschritt etwas mit innerer Gewissheit zu tun: „Wenn man etwas selber macht und man sich des Ergebnisses vorher noch nicht bewusst ist und es einen schließlich selber überrascht, dann ist das eine Aneignung von Zukunft und Zeit. Das gibt einem ein wenig Selbstvertrauen und Selbsteinordnung in diesem riesigen Kontext, in dem man nicht genau weiß, wo man steht. Durch das Gestalten wird man aktiv und kann damit brechen.“ Auch wenn das Ergebnis bzw. die Folgen einer Entscheidung vorher noch nicht klar auf der Hand liegen, heißt das nicht, dass der Maler willkürlich entscheidet, sondern im Gegenteil: „Man spürt beim Arbeiten warum man etwas auf eine bestimmte Weise tut und nicht anders. Es ist nicht so, dass man sich zehn Varianten überlegt und sich dann völlig zufällig für eine entscheidet, sondern man spürt, dass diese eine Variante unumgänglich ist, dass dies jetzt die richtige Entscheidung ist.“
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Der Künstler arbeitet nicht alleine in seinem Atelier, sondern teilt es sich mit Sebastian Heiner, ebenfalls Maler. Natürlich kommt es daher dazu, dass sie sich gegenseitiges Feedback geben: „Wir sprechen auch schon während des Entstehens darüber, aber möglichst ohne den anderen zu stören. Wir wissen, dass es eine sensible, kreative Phase gibt, dann kann es eine auch eine Tendenz oder einen Schwung geben, der sich negativ auswirkt.“ Kritik ist ein empfindliches Thema für Gröthkopp, doch gleichzeitig auch enorm wichtig. Deshalb lässt er auch Feedback von außen zu: „Man muss immer versuchen den Anderen zu lokalisieren und zu sehen aus welcher Position er etwas sagt. Dadurch relativiert sich auch vieles. Es gilt vorsichtig mit diesen Dingen umzugehen, aber trotzdem etwas daraus zu ziehen. Es ist schwer ohne Schubladen zu fühlen, zu denken oder zu sprechen.“ Gemeinschaftlich zu arbeiten, war bereits fester Bestandteil des Schaffensprozesses, während er an der Kunstakademie in Dresden studierte. Ein wichtiger Teil des gemeinsamen Arbeitens war nicht nur die gegenseitige Analyse, sondern auch das Annähern auf persönlicher Ebene. Das eine bedingt das andere: „Man versucht es einzuordnen und mit der Zeit lernt man sich gegenseitig kennen […].“ Mehr über Jörn Grothkopp’s Perspektive auf den künstlerischen Arbeitsprozess und vieles mehr können Sie im vollständigen Interview entdecken.
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Bildquelle: Der Künstler

Das komplette Interview mit Jörn Grothkopp

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AoA: Wie bist du zur Kunst gekommen?

Jörn Grothkopp: Eigentlich fängt jeder Künstler schon als Kind an, gerade beim Malen. Dass man wirklich Künstler wird, ist eine weitere Stufe der Entwicklung, die bei mir mit 17 Jahren eintrat. Ich habe mir bewusst gesagt, dass ich jetzt etwas ganz alleine machen will.

AoA: Mit 17 Jahren diese Entscheidung. Was hat dazu geführt?

Jörn Grothkopp: Das hatte mit beginnender Selbstreflexion zu tun. Ich war zum Beispiel ein paar Tage im Krankenhaus. Ein Februar und du schaust zehn Tage auf einen Baum ohne Blätter. Eines Tages kamen ein paar Freunde zu Besuch, von denen einer wusste, dass ich mich für Malerei interessierte. Er brachte mir einen Dürer-Band mit und auf einmal war jedes Bild wie ein Fenster, das sich öffnete. So wie das Bild vor meinem Fenster, das nun interessant wurde.

AoA: Es gab doch sicherlich einen Vorlauf, wenn du dich mit 17 Jahren schon für Dürer begeistert hast.

Jörn Grothkopp: Ich war nicht überbegabt. Es war eher eine Summe aus vielen Ereignissen. Wenn man etwas selber macht und man sich des Ergebnisses vorher noch nicht bewusst ist und es einen schließlich selber überrascht, dann ist das eine Aneignung von Zukunft und Zeit. Das gibt einem ein wenig Selbstvertrauen und Selbsteinordnung in diesem riesigen Kontext, in dem man nicht genau weiß, wo man steht. Durch das Gestalten wird man aktiv und kann damit brechen.

AoA: Wie war das mit dem Scheitern und Weitermachen?

Jörn Grothkopp: Ich kann das nicht auf konkrete Ereignisse runter brechen. Man spürt beim Arbeiten warum man etwas auf eine bestimmte Weise tut und nicht anders. Es ist nicht so, dass man sich zehn Varianten überlegt und sich dann völlig zufällig für eine entscheidet, sondern man spürt, dass diese eine Variante unumgänglich ist, dass dies jetzt die richtige Entscheidung ist.

AoA: Das hört sich nicht nach einem Flow an, sondern mehr wie eine Richtigkeit?

Jörn Grothkopp: Es passiert in dem Sinne von Flow, dass dieses Gefühl während des Tuns auftritt. Es gehört auch dazu, Dinge zu radikalisieren und auf Widerspruch zu stoßen. In diesem Sinne kann es durchaus eine Haltung erfordern, die der Haltung eines Märtyrers ähnlich ist, um weiter durchzuhalten.

AoA: Wie beschreibst du deine Haltung?

Jörn Grothkopp: Meine Haltung oder Position versuche ich gar nicht zu beschreiben.

AoA: Zum Thema Feedback: Sprecht ihr beiden Künstler über eure Werke?

Jörn Grothkopp: Wir sprechen auch schon während des Entstehens darüber, aber möglichst ohne den anderen zu stören. Wir wissen, dass es eine sensible, kreative Phase gibt, dann kann es eine auch eine Tendenz oder einen Schwung geben, der sich negativ auswirkt.

AoA: Kommen auch schon während der Entstehungszeit Leute von außen?

Jörn Grothkopp: Es kann Feedback geben, dass über mehrere Banden wirkt. Man muss immer versuchen den Anderen zu lokalisieren und zu sehen aus welcher Position er etwas sagt. Dadurch relativiert sich auch vieles. Es gilt vorsichtig mit diesen Dingen umzugehen, aber trotzdem etwas daraus zu ziehen. Es ist schwer ohne Schubladen zu fühlen, zu denken oder zu sprechen.

AoA: Wo hast du gelernt und habt ihr da auch mit Gruppenkritik gearbeitet?

Jörn Grothkopp: Gelernt habe ich an der Kunstakademie in Dresden. Man arbeitet zusammen und die Arbeiten werden anschließend mit dem Professor besprochen. Man versucht es einzuordnen und mit der Zeit lernt man sich gegenseitig kennen und relativiert das über die Person.

AoA: Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Jörn Grothkopp: Ich habe ein Spektrum, das von motivischen Themen ausgeht. Es kann sich zum Beispiel um alte Familienfotos von Flohmärkten handeln. Es geht mir um eine Mehrdeutigkeit oder Pluralität, die in der Geschichte steckt. Ich versuche die Quintessenz zu kristallisieren, die ich empfinde. Es geht nicht darum zu reproduzieren, sondern ein System und Beziehungsgeflecht zu finden.

AoA: Welche Probleme tauchen da auf, sind das Kompositionsfragen?

Jörn Grothkopp: Ja auch, wenn ich während des Malens immer weiter vereinfache. Die Form und die Vereinfachung kann die Komplexität von großen Dingen, die wir ständig bewältigen müssen, ausdrücken.

AoA: Ist dir die Vereinfachung ein Anliegen in deiner Arbeit?

Jörn Grothkopp: Ja, es geht darum eine Formel zu finden.

AoA: Machst du Skizzen für jede einzelne Problemstellung, oder ist es ein Versuch mit einer Skizze das Gesamtwerk zu erarbeiten?

Jörn Grothkopp: Ich merke zum Beispiel, dass in der Komposition Kreise vorkommen, dann versuche ich alles auf Kreise zu reduzieren. Das heißt ein System oder eine Komposition zu finden ohne vertikale Linien zu setzen, sondern in einer zweiten Skizze alles auf Vertikalität zu untersuchen. Dann kommt eine weitere Skizze, die sich nur mit den Farben auseinandersetzt, um eine Farbentwicklung und ein Beziehungsgeflecht zu finden.

AoA: Das hört sich fast schon wissenschaftlich an, wie bei einem Arzt, der seziert.

Jörn Grothkopp: Ja und nein, es ist dann schon eher der Arzt, der es versucht zusammenzufügen und leben zu lassen. Um bei dem Beispiel zu bleiben wäre es der Chirurg, der etwas entfernt und wieder etwas Neues einsetzt. Denn er weiß, was er erreichen will und versucht dieses Ziel auch mit Hilfsmitteln und Künstlichkeit zu erreichen. Hinterher sollte es leben und funktionieren.

AoA: Werden alle Skizzen und Bilder dann zum Gemälde oder bleibt viel übrig?

Jörn Grothkopp: Es gibt diesen Eingangstrichter, das erste Sieb, das mein Interesse festlegt. Anschließend betrachte ich alles, was ich gesammelt habe, was sozusagen die zweite Siebung ist. Hier lege ich noch einmal genauer fest, was interessant für mich ist und wie ich es mit anderen Bildern koppeln könnte.

AoA: Was hat dazu geführt, dass manche Bilder in der Box sind und mit denen nie was passiert?

Jörn Grothkopp: Dort verschwinden Bilder, wenn ich eine ähnliche Thematik auf einem anderen Bild gefunden habe, die interessanter für mich war. Es geht mir um das Abstrakte, das noch hinter dem Narrativen liegt und uns begrifflich anspricht. Wenn die Vorlage nicht spannend genug ist, dann landet sie eher in der Kiste.

AoA: Dann ist es eher eine emotionale, spontane Bewertung?

Jörn Grothkopp: Die Frage ist, ob ich in dem Moment ein gutes, eigenes Bild machen könnte.

AoA: Was ist deine Definition für ein gutes Bild?

Jörn Grothkopp: Wenn das Beziehungsgeflecht, das ich versuche in die Zweidimensionalität zu überführen, stimmig funktioniert und sich verwandelt. Der Belebungsmoment ist wichtig und nicht das Sezieren. Es ist der Chirurg, der den Patienten nach der Operation auf dem Zimmer besucht. Dieses Beziehungsgeflecht drückt etwas aus, es ist in sich autark und funktioniert.

AoA: Was passiert, wenn du dich entschieden hast, dass das Bild gut wird?

Jörn Grothkopp: Ich versuche die Größe festzulegen. Ich suche mir etwas Bestimmtes heraus und bestimme es als einen wichtigen Moment bzw. als eine wichtige formale Kenngröße. Es geht darum den ersten Baustein richtig zu setzen.

AoA: Kommt auf der Leinwand manchmal etwas ganz anderes heraus als auf der Skizze?

Jörn Grothkopp: Wenn es sich ganz anders entwickelt, ist es eben ein anderes Bild. Es ist manchmal wichtig die Vorlage loszulassen.

AoA: Wie oft passiert das?

Jörn Grothkopp: Ich habe ein kleines Lager.

AoA: Nimmst du an deiner Arbeit eine komplette Veränderung wahr?

Jörn Grothkopp: Die erste große Veränderung ist, dass ich am Anfang äußerst dunkle Bilder gemalt habe. Ich wollte sie jedoch leuchtender und heller, sie erinnerten mich zu sehr an Gemälde. Ich habe versucht weniger und hellere Farbe zu benutzen.

AoA: Erhebst du dich, durch den Zugewinn an Erfahrung, darüber Dinge einfacher zu machen und so etwas wie Skizzen wegzulassen?

Jörn Grothkopp: Manchmal will ich abkürzen, das sind Rezepte, die in einer bestimmten Situation funktioniert haben, was nicht heißt, dass sie generell anwendbar sind.

AoA: Was können Menschen aus der Wirtschaft von Künstlern lernen?

Jörn Grothkopp: Wir Künstler haben diesen Nimbus der Freiheit und gelten als außerhalb der Gesellschaft stehend. Was man von Künstlern lernen kann, ist die Weise autark und autonom zu arbeiten, wie kleine Erfinder. Fragen stellen, Dinge in Frage stellen, einschließlich: sich selber in Frage stellen. Man muss immer erst mal bei sich selbst beginnen, bevor man sich auf seine Arbeit und die Welt bezieht.

AoA: Wie muss der Anfang bei sich selbst aussehen?

Jörn Grothkopp: Sich selbst erkennen. Bei dem Beispiel der Fabrik ist es natürlich so, dass die Menschen Teile der Maschine sind. Sie sind Rädchen und dort ist keine Kreativität gefragt.  Wir können nur bedingt Neues schaffen, wir können nichts Neues denken, sondern wir verknüpfen nur die Dinge neu. Je größer die Distanz zu den Dingen ist, die wir verknüpfen, und je paradoxer deren potenzielle Verknüpfung scheint, desto interessanter ist es – mitunter ist es auch wertvoller im Sinne von Benutzbarkeit.

AoA: Welche Konditionen müssten dafür erfüllt sein?

Jörn Grothkopp: Freiräume für den Einzelnen. Auf diese Weise kann man Eindrücke außerhalb des Teams sammeln und wieder zurück ins Team tragen. Außerdem ist es wichtig, den einzelnen Dingen Zeit zu geben und sich entwickeln zu lassen, Schnelligkeit ist nicht das Wichtigste.

Das vollständige Interview als PDF.

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