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Es ist auch eine Art der Kommunikation mit anderen Personen – Interview mit der Malerin und Bildhauerin Hélène PicardHélène Picard

Es ist auch eine Art der Kommunikation mit anderen Personen – Interview mit der Malerin und Bildhauerin Hélène Picard

„Meine Arbeit dreht sich vorwiegend um Emotionen“ antwortet Hélène Picard, als wir sie nach ihrer Inspiration befragen. Die französische Malerin und Bildhauerin, die bildende Künste an der Universität „Beaux-Arts“ in Paris studiert hat, drückt in ihren Kunstwerken aus, wie sie andere Menschen wahrnimmt oder wie sie die Atmosphäre einer Umgebung empfindet. „Alles was ich sehe, kann ich sehr stark und tief empfangen […] Selbst, wenn man eine Landschaft betrachtet. Für mich repräsentiert eine Landschaft innere Gefühle. Es ist eine Möglichkeit eine Brücke zwischen beiden zu schlagen, den externen Elementen und dem, was wir in uns haben.“

Ihr Weg hin zu der Künstlerin, die sie heute ist, war nicht immer leicht. Sie durchlebte eine dreijährige Krise in der sie fortwährend versuchte finanzielle Stabilität und Selbstentfaltung zu balancieren: „Ich war so davon besessen von meiner Kunst zu leben, meine Gemälde zu verkaufen, Geld zu verdienen, dass ich an einem bestimmten Punkt ankam, wo ich nur noch gemalt habe, um meine Bilder zu verkaufen und nicht mehr zu meiner eigenen Befriedigung – oder um zu suchen und zu finden, wie beispielsweise eine neue Ausdrucksform“.

In gewisser Weise ist es Hélène Picards Bedürfnis der Welt zu zeigen, was sie wahrnimmt. Diese Notwendigkeit half ihr über diese schwierige Phase hinwegzukommen und sich letztendlich darüber klar zu werden, “dass ich nichts anderes sein kann als eine Künstlerin: Sicherlich, es ist auch eine Frage der Selbstdarstellung und weil ich zu viel in mir habe. Andererseits ist es aber auch eine Art der Kommunikation mit anderen Personen. Nicht mit Worten, sondern in meinem Fall mit Farben.“

Hélène Picard – La blouse dorée

Hélène Picard’s Arbeitsweise stellt sich für die Künstlerin selbst als unübersichtlich dar, auch weil durch die Hinterlassenschaften anderer eine gewisse Komplexität entsteht: „Wenn man versucht etwas zu schaffen, dann erschafft man es aus etwas das bereits existiert, da man nicht alleine auf der Welt ist. Man hat ein paar Anhaltspunkte und Inspirationen.“ Ihrer Meinung nach liegt das Einzigartige eines Kunstwerkes in dessen Form und diese wird von dem Künstler bestimmt: „Man findet Inspirationen, aber die Form am Ende ist einzigartig“.

Diese Suche nach Einzigartigkeit ist charakteristisch für viele Gestaltungsprozesse. Für  Hélène Picard ist es auch Ursprung innerer Unruhe, insbesondere im Zusammenhang mit Ausstellungen. Diese bedeuten für sie, dass sie sich ihrer Angst vor der Zurückweisung der Besucher stellen muss und auch negativen Rückmeldungen ausgesetzt sein kann. Mit der Zeit nimmt diese Unsicherheit ab, und zwar „nachdem man etwas Anerkennung für das was man tut erhalten hat, ändert sich dies. Dann fühlt man sich wohler.“ Hier zeigt sich eine Parallele zu Situationen in der Arbeitswelt. Oftmals halten sich Mitarbeiter zurück, wenn es darum geht Ideen zu artikulieren, vor allem wenn diese über den normalen Rahmen hinausgehen. Die Angst vor Zurückweisung und das damit einhergehende Verhalten hat jedoch auf lange Sicht einen negativen Einfluss auf die Innovationsfähigkeit.

Für Unternehmen, die die Motivation und Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter aufrechterhalten möchten, ist es wichtig, ein Arbeitsumfeld zu ermöglichen, welches Mitarbeiter dazu anregt über ihre Grenzen hinauszugehen, meint auch Hélène Picard: „Man kann erkennen, dass wenn man Leuten erlaubt sich selbst auszudrücken und sie davon überzeugt es einfach mal auszuprobieren, […] dies zu starkem Engagement führt“. Gleichzeitig kommt es auch auf die Wertschätzung für sich selbst, das eigene Selbstbewusstsein und die Fähigkeit die eigene Weiterentwicklung anzuerkennen an: „Wenn man mit sich selbst zufrieden sein möchte, dann muss man an sich selbst und an seine Fähigkeiten glauben. Man muss anerkennen, dass man gute Dinge tut, selbst wenn manche Leute es nicht genauso sehen. Dennoch tut man was man kann und man versucht sich zu verbessern. Jeden Tag machen wir ein paar kleine Fortschritte, nicht viele, aber es ist dennoch sehr wichtig diese wahrzunehmen. Dies ist eine Art um mit seiner Arbeit zufrieden zu sein.“

Das vollständige Interview finden Sie hier.

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Interview Julia Kierdorf, Blog Thomas Castéran und Julia Kierdorf
Bildquelle: Hélène Picard

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„Ich mag das Ungewisse, ich mag es überrascht zu werden” – Interview mit der Bildhauerin Vanessa NotleyVanessa Notley

„Ich mag das Ungewisse, ich mag es überrascht zu werden” – Interview mit der Bildhauerin Vanessa Notley

„Man benötigt Zeit im Leben, das anzuzweifeln was man tut“. Eine Sache, die Vanessa Notley nie angezweifelt hat, ist, dass sie bereits in jungen Jahren wusste, dass sie einmal Künstlerin werden möchte. Bei allen anderen Dingen versucht die schottische Malerin und Bildhauerin, die in Sètes (Südfrankreich) lebt, sich immer wieder neu herauszufordern und die Dinge in Frage zu stellen, die sie gerade tut.

Alles begann damit, dass sie als Teenager die Entscheidung treffen musste entweder eine Universität oder eine Kunsthochschule zu besuchen. Sie entschied sich für die Universität, da sie damals annahm, dass diese anspruchsvoller sein würde als die Kunsthochschule. Erst später, als sie dann tatsächlich Künstlerin wurde, realisierte sie, dass Künstlerin zu werden “noch schwieriger sei aber dabei auch viel erfüllender. Studentin zu sein und zur Universität zu gehen, das kann man alles lernen, aber es ist nichts womit man sich konfrontieren kann. Dahingegen bedeutet Künstlerin zu sein, dass man immer wieder nach neuen Herausforderungen suchen muss.“

 

Vanessa Notley – Indiscret

Für Vanessa Notley ist die kontinuierliche Suche nach Antworten und die damit verbundene Unsicherheit eine wichtige Motivationsgrundlage: „Jeder langweilt sich mal, und das Einzige was mich nicht langweilt ist eben das! […] Irgendwie mag ich dieses unwohle Gefühl ‘Wie kann ich dies machen?’ Wenn ich das nicht hätte, wenn ich nur ein Lehrer wäre, dann glaube ich würde mir die Schwierigkeit fehlen und ich mag diese Herausforderung. Ich mag das Ungewisse, ich mag es überrascht zu werden.“

Ungewissheit auf der einen Seite, Kontinuität auf der anderen – für Vanessa Notley stellt dieses Begriffspaar keinen Widerspruch dar. Sie erzählt uns beispielsweise, dass ihr Arbeits- und Denkprozess über die Jahre gleich geblieben ist. Sie beginnt immer mit Zeichnungen, Skizzen und dem Zuschneiden von Elementen, die dann später aufeinandertreffen und ihre Vision repräsentierten. Und dennoch gibt es „immer wieder neue Entdeckungen zu machen“, die sich aus der Wiederholung ihrer Arbeit und Prozesse ergibt. „Ich muss eine Menge Zeit dafür aufwenden nahezu die gleiche Bewegung durchzuführen. Indem ich dies tue lerne ich jedes Mal so viele neue Sachen. Hierdurch werden auch unterschiedliche Dinge immer deutlicher, wie zum Beispiel wie sich der Gegenstand anfühlt, welche Eigenschaften das Material mit sich bringt, dessen visuelle Qualitäten sowie die Geräusche des Materials. Die Zeit, die ich damit verbringe genau dies zu tun, erweckt ebenfalls einen Grund dafür weshalb es existiert.“

Vanessa Notley – Chateau Bosc

Ihrer Meinung nach liegt der größte Unterschied zwischen der Kunst und der Arbeitswelt darin, dass es im normalen Berufsalltag immer die Verpflichtung gibt, dass “am Ende des Tages ein Ergebnis vorliegen muss“. Das ist in der Kunst zwar nicht unähnlich und doch sieht der Weg dorthin häufig anders aus, denn „Kunst stellt zum Schluss ein konkretes Ergebnis dar, aber eine ganze Zeit lang gibt es rein gar nichts“.

Dies ist genau der Punkt an dem Vanessa Notley die hohe Bedeutung von Zweifel und Unsicherheit während ihres Arbeitsprozesses betont: „Ich glaube Zweifel sind sehr wichtig. Man benötigt Zeit im Leben, anzuzweifeln was man tut. Dieses kleine bisschen Unsicherheit. Eine bestimmte Zeit lang macht man überhaupt nichts, weder etwas Körperliches noch etwas Materielles. Dinge müssen erst einmal ausgearbeitet werden, jedoch zunächst ohne ein konkretes Ergebnis.”

Solche Phasen sind essentiell für Vanessa Notley und fest in ihrem Arbeitsprozess verankert. Sie führen sie schlussendlich und damit sicher zu ihren Werken. Ein Vorgang der sich nicht ohne weiteres in Unternehmen denken und umsetzen lässt, da diese Zeit und Ressourcen aufwenden müssten, ohne das konkrete Ergebnis vorab zu kennen. Aber genau darum geht es wenn man von Innovation spricht: Zeit im Ungewissen zu verbringen um über neue Ideen nachzudenken und diese entwickeln zu können. „Diese Idee ist einfach unglaublich, dass es ein Arbeitsumfeld geben könnte, wo Leute einfach sagen könnten „mal schauen was passiert”.

Lesen Sie das vollständige Interview hier (Englisch).

Interview und Artikel von Thomas Castéran und Julia Kierdorf

 

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Buchveröffentlichung: Creative CompanyUnser Buch "Creative Company - Wie künstlerisch zu arbeiten Organisationen dabei hilft, über sich hinaus zu wachsen" ist da!

Buchveröffentlichung: Creative Company

Unternehmen als Möglichkeitsraum für Kreativität und Innovation

Organisationen müssen heute zahlreiche und oft auch widersprüchliche Anforderungen miteinander vereinbaren, weil ohne deren Beachtung Profitabilität und Langlebigkeit immer schwerer möglich sein werden. Dafür müssen Fähigkeiten ausgebildet werden, die bislang nur eine geringe Rolle spielten. Zu ihnen gehören Wahrnehmungsvermögen, Reflexionsfähigkeit, Gestaltungskompetenz, Umgang mit Unplanbarkeit und Ambiguität – alles Fähigkeiten, die im Künstlerischen zu Hause sind.

Künstlerisch handelnde Menschen – und das schließt ausdrücklich alle Menschen ein, deren Haltung sich in ihrer Neugier, Leidenschaft, Zuversicht und Widerstandsfähigkeit zeigt – leiten aus Herausforderungen der Gemeinschaft individuelle Arbeitsaufträge an sich selbst ab. Organisationen, die in Zukunft erfolgreich sein wollen, sind auf künstlerisch handelnde Menschen angewiesen. Wie aber muss das Umfeld beschaffen sein, in dem sich die Gestaltungskraft des Einzelnen entfalten kann? Es muss jede Art von Einseitigkeit überwinden und zugleich Vielfalt, Sinnhaftigkeit, Freiraum und Beweglichkeit in allen Bereichen und letztendlich auch die Gleichzeitigkeit von Gegensätzen ermöglichen.

Dirk Dobiey und Thomas Köplin, Mitgründer des gemeinnützigen Beratungs-, Ausbildungs- und Forschungsnetzwerks Age of Artists (ageofartists.org) bewegen Gedanken, die in jeder Organisation, ob nonprofit oder gewinnorientiert, in Zeiten steten Wandels gedacht werden müssen:

  • Der künstlerische Mensch: Künstlerische Intelligenz, Erfahrungen gestalten, Kunst ohne Talent, künstlerische Fitness, Impuls und Ergebnis
  • Auf der Suche nach dem heiligen Gral: Business Symphony, Kreativitätsantrieb, Meisterwerk Organisation, Material und Widerstand
  • Wahrnehmung, Neugier und Vielfalt: Geliebte Komplexität, Innovation entsteht im Dialog, das versteckte Offensichtliche, Architektur des Zuhörens, das Glück der Entdecker
  • Reflexion, Leidenschaft und Sinnhaftigkeit: Leben vom Einfall, effiziente Erleuchtung, besser entscheiden, wertebasierte Organisation
  • Spiel, Zuversicht und Freiraum: Die weiße Leinwand, spielend gestalten, organische Organisation, Effizienz und Verschwendung, niemand ist eine Insel
  • Aufführung, Resilienz und Beweglichkeit: Von Kunst- und Netzwerken, Kritik und Dissens, Fehler und Scheitern, das Geheimnis der Langlebigkeit

Es entsteht eine Vorstellung davon, um wie viel effektiver Organisationen und um wie viel glücklicher Menschen sein könnten, wenn wir dem Künstler in uns erlauben würden, sich klarer und bewusster zu entwickeln.

Creative Company ist Vahlen erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich.

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Autonom Handeln um Spielerisch zu Gestalten – Interview mit dem Evolutionsbiologen Bernd RosslenbroichBernd Rosslenbroich

Autonom Handeln um Spielerisch zu Gestalten – Interview mit dem Evolutionsbiologen Bernd Rosslenbroich

Bernd Rosslenbroich ist Institutsleiter am Institut für Evolutionsbiologie an der Privatuniversität Witten/Herdecke. In seinem Buch „On the Origin of Autonomy“ betrachtet Rosslenbroich die großen Veränderungen in der Evolution nicht als reine Anpassung an Umweltbedingungen, sondern als ein Wechselspiel und einen Austausch von Organismus und Umfeld. Dieser Blickwinkel versprach ein besonders spannendes Gespräch, auch weil Rosslenbroich spielerische Vorgänge als wesentliche Komponente für Flexibilität und Autonomie ansieht.

Für ihn ist es konsequent und selbstverständlich, dass höher entwickelte Organismen anfangen zu spielen: „Eine Evolutionsforschung, die sich auf Anpassung konzentriert, kann diesen Sachverhalt evolutionsbiologisch nur schwer erklären, weil das Spielen keinen Anpassungswert hat. An dieser Stelle kann man das Spiel des Menschen betrachten und feststellen, dass der Mensch das Spielen exzessiv betreibt. Kinder spielen ausgesprochen umfangreich. Wird dieser Gedanke fortgeführt, kann man eine gewisse Kreativität erkennen. Es werden flexible Handlungen geübt und kein bestimmtes Verhalten, sondern eine Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten wird eingeübt. Es wird Flexibilität an sich gelernt und das ist Kreativität. Das charakterisiert den Menschen ganz besonders. Wir haben Freiheitsgrade, die wir durch das Spielen trainieren. Deswegen ist das Spiel etwas ganz Wertvolles in unserer Gesellschaft und in besonderer Weise für unsere Kinder.” Was Kinder und ihr Spiel auszeichnet ist vor allem Neugier und das Verlangen, neue Dinge auszuprobieren. Ein natürlicher Vorgang den man als Erwachsener vielleicht eher Experiment oder Versuch und Irrtum nennen würde. Denn das Experiment ist letztendlich eine spielerische Art, etwas Neues zu entdecken oder zu gestalten. Entsprechend  versteht Rosslenbroich das Experimentieren als Aufgreifen und Fortführen der biologischen Möglichkeiten, um die Spielfähigkeit auch kulturell zu veredeln. Zwar sollte man Kultur und Biologie nicht in unzulässiger Weise vermischen und „in einen billigen Biologismus herunterziehen“. Und doch gibt unsere biologische Organisation dem kulturfähigen Menschen die Voraussetzung. „Hier meine ich die Vielfalt der Verhaltensmöglichkeiten, einschließlich der Bewegungsmöglichkeiten, um es dann kulturell aufzugreifen, zu verwandeln und es in etwas ganz Eigenständiges fortzuführen.“ Es sind eben die beiden Seiten Biologie und Kultur die etwas miteinander zu tun haben. In diesem Zusammenhang ist für Rosslenbroich noch ein weiterer Aspekt wichtig: „Der Zusammenhang zwischen Gehirn und Körper ist viel stärker als wir uns das immer denken. Das Gehirn steuert nicht einfach den Körper, sondern der Zusammenhang schafft unsere Verhaltensmöglichkeiten. Wenn das hochgradig Flexible zusammengenommen wird, dann kommt dem Spiel eine große Bedeutung zu, insbesondere dem Zusammenhang von Gehirn, Spiel und Körper. (…) Wenn wir Gedankenspiele planerisch machen wollen, dann brauchen wir diese Voraussetzungen, die dann nicht eben nur intellektuell eingeübt werden können, sondern auch durch Bewegung eingeübt werden müssen. Im übertragenen Sinne sagen wir deshalb ja auch, dass wir etwas ‚durchspielen’ müssen. Wenn wir dieses Thema für die Entwicklung ernst nehmen, dann muss man sagen, dass durch Bewegungsspiele auch geistige Kreativität entsteht.“

Auch vertritt der Biologe  die Ansicht, dass die Autonomie im Laufe der Evolution bei allen Organismen stetig zunimmt. Wie auch viele andere Wissenschaftler lehnt er rein deterministische Erklärungsversuche ab: “Schon lange war mein Verdacht, dass Gene viel flexibler gehandhabt werden können. Auch der neurologische Determinismus, wir seien durch die molekularen Vorgänge in unseren Neuronen determiniert, ist interpretiert und stimmt nicht. (…) Es wird auch ein Determinismus aus der Evolution konstruiert, wir seien angepasst an die Situation der Eiszeit. Aus welchem Grund? Die Evolution ist seitdem weitergegangen. Wir sind kulturfähige Menschen, weshalb sollen wir auf etwas Rückwärtiges begrenzt werden? Die ganzen Determinismen können am Autonomie-Begriff aufgelöst werden”, erklärte er. Den Zusammenhang zwischen Autonomie und Anpassung sieht er folgendermaßen: “Autonomie bedeutet hier, dass Organismen immer mehr Selbstständigkeit entwickeln können und sich immer besser selbst regulieren. Entwicklung ist also gewissermaßen ein Dialog zwischen Organismus und Umgebung und ein Wechselspiel zwischen Autonomie und passiver Anpassung. Jeder Organismus bildet dadurch einen unterschiedlichen Grad der Autonomie aus. An flexiblen und intelligenten Organismen lässt sich in der Regel eine ausgeprägtere Autonomie feststellen, da sie in einem stärkeren Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Dadurch entwickeln sie eine viel intensivere Sinneswahrnehmung.” Uns  fällt es nicht schwer Parallelen zwischen den Aussagen  des Biologen und dem künstlerischen Gestaltungsprozess zu erkennen,  denn es sind  exakt diese intensivere Sinneswahrnehmungen, die in (spielerischen) Gestaltungsprozessen den Unterschied machen.

Zwar würde Rosslenbroich seine Erkenntnisse nie unter wissenschaftlichen Maßstäben auf den Organisationskontext ausweiten. Parallelen sieht er allerdings schon: Strenge Hierarchien und Machtspiele kennt er als klassische Unterdrückungsinstrumente von Autonomie in wissenschaftlichen Organisationsstrukturen. In seiner Zeit als Forscher in den Vereinigten Staaten hat er die Zusammenarbeit in wissenschaftlichen Einrichtungen ganz anders, als „Miteinander auf dem gleichen Level erlebt, während hier in Deutschland stärker noch eine Hierarchie existiert, die manches blockieren kann.“ Ein guter Weg auch für die Wirtschaft könnte so aussehen: „Ich stelle mir jetzt lauter Personen in einer Firma vor, die eine Autonomiefähigkeit haben. Die jetzt mit ihrer ganz persönlichen Autonomie dastehen, aber auch in das Firmengeschehen und die jeweiligen Ziele eingebunden werden. Es drängt sich die Frage auf, ob die Mitarbeiter in der Lage sind, ihr gewisses Maß an Autonomie zu leben oder ob sie sich den Vorgaben der Firma ganz anpassen müssen. Man kann auch nicht nur ausschließlich autonom sein. Wenn das geschieht, würde jeder machen, was er will, und das funktioniert ebenso wenig. Anpassung ist auch ein Stück weit nötig. Genau das sehen wir auch in der Biologie. Leben funktioniert nur zwischen Autonomie und Anpassung. Es kommt auf die Balance an. Leben darf nur eine relative Autonomie haben. Kann eine Firma nun die relative Autonomie ihrer Mitarbeiter als Potential nutzen oder erwartet sie die vollständige Anpassung? Da gibt es natürlich große individuelle Unterschiede, aber sicher wäre es zumeist sinnvoll, wenn sich die verschiedenen Autonomien ein Stück weit relativ ausleben können. Ein gewisser Respekt vor der Autonomie des anderen gehört dann auch dazu.  Die Psychologie weiß heute gut, dass Menschen unter einer allzu starken Fremdbestimmung leiden und krank werden können. Ich vermute, dass das sogar noch zunehmen wird, da die Menschen immer mehr an persönlicher Autonomie entwickeln. Damit wird die moderne Berufswelt in Zukunft umgehen müssen, aber nicht als Last, sondern als Potential.“ Was Rosslenbroich also für den Organismus sagen kann und für das Individuum vermutet, könnte demnach auch für ganze Gruppen gelten: Je komplexer Herausforderungen sind, je dynamischer sich ein Umfeld entwickelt, desto mehr Autonomie ist erstrebenswert. Ohne Handlungsspielraum dagegen gerät der Einzelne und die ganze Organisation unter Druck. “Wenn ich mir eine Firma vorstelle, die sich von einem Geschäftsjahr zum nächsten nur an seinen steigenden Umsatzzahlen erfreut und dabei kein spielerisches Verhältnis zu diesen Zahlen hat, bemerkt man womöglich nicht, dass es nicht immer so weitergehen kann.In der Biologie sehen wir, dass ständiges Wachstum zu einem Tumor führt. Wenn man also auf Umsatzzahlen starrt, verliert man den Blick für das Nachfolgende. Entwickelt man ein spielerisches Verhältnis und kann loslassen, es aus einem höheren Blickwinkel betrachten, könnte man vielleicht sogar langfristig erfolgreicher sein. Einem Biologen kommt es sehr merkwürdig vor, wenn von ständigem Wachstum die Rede ist und das gilt ebenso für unsere gesamte Ökonomie. Das würde ich mal gerne von einem Ökonomen erklärt bekommen, warum unsere gesamte Wirtschaft ständig auf Wachstum ausgelegt ist. Ständiges Wachstum führt zu einem Tumor, zu einer Kollision. Und wir steuern längst auf eine Kollision zu, wenn man etwa die ökologische Katastrophe ansieht, die derzeit läuft und akut ist. Klimaveränderung und Umweltverschmutzung sollten in die Rechnung einbezogen werden, sonst läuft es auf eine Kollision heraus. Zu dem Wachstum ein spielerisches Verhältnis zu bekommen und etwas anderes für denkbar zu halten, wäre doch ein Konzept.“

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

Interview: Dirk Dobièy
Blog-Beitrag: Adina Asbeck
Bildquelle: Bernd Rosslenbroich

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Wie Unternehmen eine kreative Haltung entwickeln könnenStephanie Barnes

Wie Unternehmen eine kreative Haltung entwickeln können

Auszug aus dem Buch Knowledge Management Matters”, Kapitel Innovation von Age of Artists Mitglied Stephanie Barnes. Aus dem englischen Original von Katja Stenzel.

Eine kreative Denkweise beinhaltet Dinge, die wir von Menschen wie da Vinci oder Van Gogh lernen können, genauso wie durch die Praxis unzähliger anderer Künstler. All diese Aspekte wurden durch Age of Artists, einem Beratungsunternehmen, Bildungsträger und Forschungsinstitut mit Sitz in Deutschland, zusammengetragen und in ein Gesamtbild überführt.

Dieses Rahmenwerk, das an anderer Stelle in diesem Abschnitt abgebildet ist, funktioniert von außen zur Mitte hin und verwendet künstlerische Praktiken und Haltungen, um herkömmliche Handlungsmuster durch künstlerischen Herangehensweisen zu ersetzen. Im Modell erscheint die unternehmerische Situation auf der linken Seite, während die künstlerischen Praktiken und Haltungen auf der rechten Seite stehen. Veränderungsunterstützende Aktivitäten wie Führung, Beratung, Ausbildung und Zusammenarbeit verbinden die beiden Seiten und erlauben mit künstlerischen Herangehensweisen auf die Herausforderungen zu reagieren.

Der Umgang mit einer Marktveränderung oder einer anderen Situation die komplex ist, sich schnell verändert, ungewiss oder volatil ist, werden alle berücksichtigt. Die traditionelle Reaktion in diesen Situationen könnte sein, im Falle von Komplexität zu versuchen, Dinge zu vereinfachen; sie im Falle von Dynamik zu verlangsamen; sie kontrollieren zu wollen, wenn sie ungewiss sind; oder im Falle von Volatilität ausnahmsweise mit der Krise umzugehen. Indem wir jedoch künstlerische Praktiken und Haltungen in einem transformativen Ansatz verwenden, können wir unsere Unternehmen zu einer alternativen Reaktion bewegen, die ein möglicherweise ausgewogeneres und wirksameres Ergebnis ermöglicht. Wir begegnen den Herausforderungen mit Vielfalt anstelle von Einfachheit; Sinnhaftigkeit statt Entschleunigung; Autonomie anstatt Kontrolle; und Beweglichkeit anstatt Resistenz.

Age of Artists Framework. Version 2017

Bei der Annäherung an eine kreative Denkweise und der Anwendung künstlerischer Praktiken auf eine unternehmerische Situation beginnen wir mit einem Impuls, einer Idee, der Identifizierung des Geschäftsproblems oder der Vorahnung einer Möglichkeit, und dann entscheiden wir situativ, mit welchem Ansatz wir beginnen wollen: Wahrnehmen, reflektieren, spielerisch gestalten oder aufführen. Wir können mit jeder der Aktivitäten beginnen und uns durch die anderen bewegen, als Teil des Vorgangs, bei der Reaktion auf das was uns begegnet um beispielsweise bei der Lösung des Problems anzukommen.

Wenn es darum geht, zu einer Lösung kommen, ist besonders hilfreich, wenn wir künstlerische Haltungen wie die Neugier (Annahmen in Frage zu stellen, immer wieder nach dem Warum fragen), unsere Leidenschaft für das, woran wir arbeiten, Vertrauen darauf, dass es eine Lösung gibt, und eine ausreichende Widerstandsfähigkeit um wieder auf die Beine zu kommen, wenn wir Fehler oder Rückschläge erfahren, annehmen. Es ist die sich durch diese Aktivitäten entwickelnde Beharrlichkeit, die der Schlüssel zum Erfolg ist.

In dieser Veränderungsphase können Wissensmanagement-Aktivitäten wie Peer Assists oder Communities of Practice, um zwei zu nennen, helfen. Auch das kritische Denken, das dem Wissensmanagement zugrunde liegt, ist hier wichtig. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit, Fragen zu stellen, Annahmen in Frage zu stellen und die Dinge anders zu betrachten, ist einer der Gründe, warum es wirklich hilfreich sein kann, Menschen von außerhalb einzubeziehen. Und es ist einer der Gründe, warum Artist in Residence Programme erfolgreich waren. Künstler betrachten die Dinge anders, sie haben andere Hintergründe und andere Erwartungen als die meisten Menschen, die typischerweise in unseren Unternehmen eingestellt werden. Xerox hat sechs Jahre lang ein Artist in Residence Programm durchgeführt (fünf Jahre länger als geplant), aufgrund des Erfolges der Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern in ihren Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und der aus dieser Zusammenarbeit resultierenden Innovationen.  

Age of Artists arbeitet mit Organisationen zusammen, um Lösungen zu ermöglichen, die mit dem bestehenden Denken nicht erreichbar sind. Zum Beispiel wollte ein Leiter eines Beschaffungswesens, mit der sie arbeiteten, die Ursachen für fehlende Effizienz und die Chancen durch die Verbesserung der Prozesse verstehen, um harmonische Arbeitsabläufe für die Mitarbeiter im Beschaffungswesen zu erreichen. Age of Artists nutzten ihr Framework um vor Ort ethnographische Feldforschung zu betreiben. Die Recherche ergab fünf Schlüsselprobleme welche die Produktivität und die Zufriedenheit der Mitarbeiter, sowohl innerhalb des Beschaffungsteams als auch an anderen Stellen im Unternehmen, beeinträchtigten. Anschließend arbeitete Age of Artists eng mit dem Führungsteam zusammen, um Bewusstsein für die täglichen Herausforderungen zu schaffen, die den Geschäftsfortschritt behinderten, und dies wiederum führte zu 35 umsetzbaren Empfehlungen für das Unternehmen.

Ein anderes Beispiel für ein abgeschlossenes Projekt, bei dem die besonderen Fähigkeiten von Künstlern auf eine unternehmerische Herausforderung angewendet wurden, ist der Fall einer Abteilung, die für interne Abläufe  und damit verbundene Software-Anwendungen zuständig ist. Das Unternehmen hatte bereits ein Team von Designern, war jedoch durch die geringe Aufnahmebereitschaft für Nutzerzentrierung und gestalterische Ideen stark gefordert. Es war schwierig für die internen Gestalter die Entscheider und Stakeholder dazu zu bringen, die zentrale Bedeutung guter Nutzererfahrungen zu verstehen und zu unterstützen. Es wurde eine ethnographische Pilotstudie durchgeführt, die signifikante, versteckte Probleme aufdeckte, die durch das traditionelle Anforderungsmanagement nicht erfasst wurden. Die Ergebnisse führten dazu, dass die Erforschung der Nutzerbedürfnisse als Kompetenzfeld in den verschiedenen Abteilungen des Unternehmens eingeführt wurde. Anhand von Beispielen und schnellen Ergebnissen konnten alle Mitglieder des Unternehmens den Wert der Berücksichtigung der Nutzerbedürfnisse und die positiven Auswirkungen auf die Bewältigung komplexer Aufgaben erkennen. Das Team entwickelte und führte einen integrativen Ansatz ein, bei dem unterschiedliche Kompetenzen aus den Bereichen Wirtschaft, Technologie, Design und Forschung zusammengeführt wurden, um letztendlich erfolgreicher zusammenzuarbeiten.

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“Es gibt keine Punkte. Was es gibt, ist die Verbindung“ –  Stephen Nachmanovitch über Improvisation als Mittel zur Überwindung von GegensätzenStephen Nachmanovitch

“Es gibt keine Punkte. Was es gibt, ist die Verbindung“ – Stephen Nachmanovitch über Improvisation als Mittel zur Überwindung von Gegensätzen

An einem sonnigen Freitag Nachmittag finde ich mich wieder auf einer belebten Straße im Zentrum des Prenzlauer Bergs in Berlin. An meiner Seite der niederländische Musiker Rik Spann und mein heutiger Gesprächspartner Stephen Nachmanovitch, der hier Quartier bezogen hat, während er in der Stadt ist um einen seiner beliebten Improvisationsworkshops durchzuführen. Rik und ich sind zwei der Teilnehmer. Wir drei kennen die Gegend nicht und entscheiden uns für ein italienisches Restaurant einige Schritte weiter, denn schließlich müssen auch Künstler essen. Unser Umfeld ist laut und betriebsam.

Über eine Reflexion zu Pfannen, Töpfen und den Workshop navigiert Nachmanovitch direkt in die Kunst hinein: „Wahrzunehmen, dass man Dinge sagen kann, Dinge tun kann, spielen kann, hat einen Effekt auf die Welt. Je mehr man entdeckt und sich der Tatsache hingibt, dass die Welt miteinander verbunden ist, dass alle Sinne miteinander verbunden sind und dass Kreativität nicht bloß die Sache einer Idee ist, die im Sinne eines materiellen Objekts in das Gehirn dringt und anschließend durch einen Stift oder einen Computer gepresst wird, aber hingegen zu verstehen, dass wir in einem Stadium der ständigen Interaktion mit der Welt sind: Dies ist der Pfad in die Kunst hinein. Die Künste sind der Pfad. Visuelle Kunst oder auch Musikaufnahmen sind Spuren und der Beweis des sensorischen Bewusstseins, das wir alle besitzen.“

Lucky Lemon – Impression from Stephen Nachmanovitch’s Berlin Workshop

Stephen Nachmanovitch ist der lebende Beweis, eine persönliche Geschichte von Verbindungen. Er ist Musiker, Autor, Computerkünstler und Pädagoge, der einst seinen Werdegang als Psychologe begann. Man könnte annehmen er sei deshalb ein Meister darin all diese verschiedenen Punkte miteinander zu verbinden. Für Nachmanovitch ist dieser Gedanke jedoch ein Trugschluss: „Punkte miteinander zu verbinden, ist eine irreführende Metapher, denn sie impliziert, dass es verschiedene Punkte gibt. Dies impliziert, dass diese Punkte existieren. Aber es gibt keine Punkte. Was es gibt, ist die Verbindung“, sagt er. Und daher gibt es für ihn auch kein finales Produkt. „Es gibt kein Ergebnis oder Output. Sicherlich gibt es ein Buch, das man als materielles Objekt in die Hand nehmen kann. Aber es ist alles ein Prozess.“

Was aber ist der Grund für den Prozess wenn es nicht ein Ergebnis ist? Geht es vielleicht darum eine Balance herzustellen? Nachmanovitch deutet auf den beschäftigten Kellner, der uns eben erst eine Pizza brachte, und antwortet: „Gleichgewicht bewegt sich beständig. Wenn man denkt Gleichgewicht sei ein Stadium, dann könnte man sagen: „Dies ist der Nullpunkt, wo Zulauf und Abfluss übereinstimmen“ Aber er bewegt sich, er ist ein menschlicher Körper in ständiger Bewegung und würde er plötzlich anhalten, dann würden die Teller auf den Boden fallen.“

Loose Ends – Impression from the Berlin Workshop

Im Gespräch führt er diese Idee noch ein wenig fort: „Jeder technische Bereich kennt das erfahrungsbasierte Lernen mit Hilfe dezidierter Gegensätze. Wenn Sie eine Kamera bedienen, gibt es Licht und Schatten, eine Auswahl an Blenden, Verschlussgeschwindigkeiten und so weiter. Und all diese Kompromisse sind Teil der physischen und mathematischen Welt und deshalb müssen wir über diese Kompromisse Bescheid wissen. Sogar ein Feld wie die Buchhaltung ist eine Manifestation dieser Kompromisse in der physischen Welt. (…) Diese Gegensätze können nicht aufgelöst werden, sondern wir sollten an ihnen teilhaben, so anmutig wir nur können. Genau dann erleben wir, dass der künstlerische Ansatz auf die Welt der Wirtschaft trifft.”

Das Geheimnis der Improvisation besteht für Stephen Nachmanovitch darin, mit allen Informationen umzugehen, die in einem bestimmten Augenblick, an einem bestimmten Ort und unter Einbeziehung all unserer Sinne auf uns einströmen. „Improvisation ist Musik, die nicht älter als fünf Minuten ist”, sagte er uns im Gespräch. „Ich improvisiere ein Musikstück und ich habe keine Vorlage, kein Muster, keinen Plan. Mein Körper, mein Geist, die Umgebung und die Menschen mit denen ich zusammen bin, sind die Vorlage, das Muster und der Plan. Diese strukturellen Bestandteile wurden zu allen Zeiten eingebunden.”

Musician Frédérique Trunk at the Berlin Workshop

Aber wie geht man mit den zwangsläufigen Widersprüchen um, die das Balancieren von Gegensätzen letztlich auch bedeutet? „Wir müssen uns darauf einigen, dass man Spannungen und Widersprüche nicht auflösen kann. Viel eher müssen wir mit ihnen so gut es geht umgehen können. Dies ist der Punkt, wenn der künstlerische Ansatz auf die Wirtschaft trifft“, sagt Nachmanovitch. „Die Menschen müssen etwas über die Erfahrungen der anderen wissen”, sagte uns der Improvisationsgeiger Stephen Nachmanovitch. „Wenn es eine Bestimmung für die Kunst gibt, dann ist es Menschen zu ermöglichen, dass man Erfahrungen nicht zu 99,9 Prozent teilen muss und dennoch in die Erfahrungen anderer eingebunden werden kann durch Geschichten, Filme und durch Kunst.”

Wenn es darum geht Improvisation im Unternehmenskontext zu ermöglichen empfiehlt Nachmanovitch drei Dinge, die möglicherweise nicht so leicht umzusetzen sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen: „Das Erste ist: Nimm einen tiefen Atemzug und gestehe dir selbst etwas Zeit zu. Das Zweite ist einen physischen Raum für die Menschen zu schaffen, der frei ist, und wo miteinander gesprochen werden kann. Das Dritte ist den Menschen einen allgemeinen Freiraum zu ermöglichen, sie nach Hause gehen zu lassen. Sie gehen nach Hause und haben ihr unabhängiges Leben.“

Lesen Sie das vollständige Interview mit Stephen Nachmanovitch hier.

Interview: Dirk Dobiéy, Transkription: Benjamin Stromberg, Blog: Dirk Dobiéy, Benjamin Stromberg, Stephanie Barnes
Bildquelle Dirk Dobiéy
Stephen Nachmanovitch’s Workshop wurde von  Yoga Rebellion Berlin organisiert. Danke!

 

 

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Party, Kunst und Kommunikation – Der Geiger Michael Spencer über eine etwas andere Bedeutung von MusikMichael Spencer in Aktion

Party, Kunst und Kommunikation – Der Geiger Michael Spencer über eine etwas andere Bedeutung von Musik

Michael Spencer war 14 Jahre Mitglied des Londoner Symphonieorchesters, bevor er sich entschied seine professionelle Laufbahn auf und mit der Violine gegen eine Stelle als Ausbildungsleiter des königlichen Opernhauses in der britischen Hauptstadt einzutauschen, und in dieser Rolle Kindern die Kunst, beziehungsweise die Potenziale künstlerischer Prozesse, näher zu bringen. Als Coach und Berater macht er bis heute im Grunde nichts Anderes, nur dass er seine Erfahrungen zwischenzeitlich vor allem mit Erwachsenen in Organisationen teilt und dabei eine große Nähe zu Japan und den Menschen dort entwickelt hat.

Von der Party in die Krise

Die ersten sieben Jahre als Musiker des Londoner Symphonieorchesters „fühlten sich großartig an, wie eine große Party. Eine fantastische Erfahrung“, erzählt Michael Spencer und ergänzt gleichzeitig: „Das Leben in einem Orchester war sehr einnehmend und brachte einen weg vom wirklichen Leben, auf viele verschiedene Weisen. Doch nach einer Weile, als die Jahre sich replizierten, begann ich mich zu fragen, ob das wirklich das Leben war das ich wollte. Es war immer das gleiche, die Wahrscheinlichkeit auf Veränderungen und von Neuem war gering,“ stellte er für sich fest. Er realisierte zunehmend, dass ihn sein Beruf immer unzufriedener machte. „Was hinter den Kulissen passiert ist nicht schön – die Sache mit dem ‚Messer in den Rücken’ etc. Es gab vor ein paar Jahren eine Studie der Federation of Entertainment Unions, ‚Gestalten ohne Konflikt’, die ungefähr 4000 Menschen in der kreativen Branche befragt hatte. Es zeigte sich, dass fast 75% der Musiker bereits Mobbing auf der Arbeit erfahren hatten. Eine recht traurige Erkenntnis, wenn man das über eine Organisation sagt die als kreativ gilt.“ Wie aber konnte der Ausweg aussehen für einen Musiker an einem der renommiertesten Orchester weltweit?

Von der Krise zur Kunst

Just zu diesem Zeitpunkt ergab sich für Spencer die Möglichkeit, als Musikpädagoge aktiv zu werden. Er startete zunächst eigenständige Projekte und wurde schließlich Ausbildungsleiter am königlichen Opernhaus. „Wir untersuchten wie wir Kinder besser einbinden könnten und das bedeutete im Wesentlichen ihre Neugier zu stimulieren.  Kurz gesagt taten wir das durch die Entwicklung einer Methode, bei der wir ihnen die Kreation eigener Musik erleichterten. Aber wir grenzten das insofern ein, als dass den Kindern als Basis die verschiedenen Blöcke dienten, aus denen ein ausgewähltes Musikstück bestand. Auf diese Weise standen die Kinder den gleichen Herausforderungen gegenüber, vor denen auch der Komponist stand.“ Ein anderes Projekt zeigt die Herausforderungen, vor denen die Künstler im Umgang mit Kindern standen: „Jeden Sommer wählten wir zwölf Kinder mit Asperger-Syndrom aus, um mit ihnen sehr intensiv in einem multimedia-basiertem, sozialen Kontext zu arbeiten. Bevor das Projekt startete haben wir Spezialisten eingeladen, um die teilnehmenden Künstler über die Realität von Autisten aufzuklären und speziell in der Rolle als Erzieher zu schulen. Dabei ging es darum, wie man künstlerische Fähigkeiten mit Musikerziehungs-Methodik und mit guten Moderationspraktiken verbindet. Das Arbeiten mit Kindern erschafft eine unglaublich dynamische Situation und du musst wissen, wie du mit den unterschiedlichen Rahmenbedingungen umgehst.“

Von der Kunst zur Kommunikation

„Die Idee, Kunst in das Geschäftsumfeld zu transferieren, hat für mich eine Schwäche, nämlich die, zu naiv zu sein. Sätze wie: ‚Oh, lass uns Musiker involvieren. Die wissen wie man einander zuhört und zusammenarbeitet!‘ Da ist ein ‚Ja’ zu dieser Aussage, aber auch ein großes ‚Nein’. Es ist ein zu einfacher Ansatz, der irgendwie die Erfahrungen trivialisiert und in einen mystischen Schleier hüllt für die Menschen, die oft verschiedene Geschmäcker und Wissensstände haben. Es liegt eine ganze Welt des Unterschiedes zwischen dem, was wir für das Zuhören halten, und welche Rolle es im Gefüge der Kommunikation spielt. Die Musik ist für mich eine Form von sozialer Technologie, die uns beim Fördern und Erhalten von menschlichen Beziehungen hilft. Das erste Mal kam ich auf einem Kreativitätsprogramm für potentielle Führungskräfte damit in Berührung. Ich arbeitete mit einer Auswahl verschiedener Geschäftsleute und bat sie, über ein Musikstück ihrer Wahl zu reden. Es war faszinierend zu sehen, wie alle auf die gleiche Art und Weise über ihr Lieblingsstück redeten, nämlich emotional. Es ist wundervoll das zu tun, aber wenn du nur von einem emotionalen Standpunkt aus über ein Musikstück sprichst, dann ist es für die anderen schwierig, die Musik auf die gleiche Weise zu empfinden, denn dein Standpunkt entstammt deinen eigenen intimen und persönlichen Erfahrungen. Andere Menschen haben andere Gefühle. Wenn du aber Musik von der Perspektive eines Prozesses betrachtest, fügt es eine neue Dimension hinzu: Wie arbeiten die Teile zusammen? Was sind die fundamentalen Elemente? Wie ist die Struktur? Wie bewahren die Musiker eine unausgesprochene Verhandlungssituation? Es ist eine völlig andere Methode für die Bewertung dieser Erfahrung. Immer wenn ich mit Gruppen arbeite bringen wir diese Essenz zum Ausdruck, in dem wir ‚etwas aufbauen’. Aber um das tun zu können musst du erst einen Eindruck und ein Gefühl für die Materialien bekommen, mit denen du arbeitest, und wie du sie benutzen kannst um etwas Fesselndes zu schaffen.“

Bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Japan hat Michael Spencer für sich erkannt, dass Kunst die außergewöhnliche Eigenschaft besitzt, ähnlich einer Linse kulturelle Unterschiede besser erkennbar zu machen. „Was ist der Hauptgrund für die Existenz von Musik? Welchem Zweck dient sie in verschiedenen sozialen Gruppierungen? Wo liegen die Unterschiede und was sind Gemeinsamkeiten? Die Geschichte der Musik dient grundlegend dem Erschaffen und Unterstützen der Identität einer unabhängigen sozialen und kulturellen Gruppe.“ Dabei möchte Spencer die Musik gleichzeitig als Katalysator nutzen zur Entscheidungsunterstützung, zum Wecken von Neugier und um Verpflichtungen einzugehen und soziale Beziehungen zu stärken. „Und um es allgemein zu sagen, ich denke Kunst hat aktuell ein riesiges Potential, denn inmitten einer massiven technologischen Weiterentwicklung können wir die Werte vom Eröffnen authentischer Mensch-zu-Mensch Kommunikation und aufrichtigen Beziehungen wiederbeleben. Alle sprechen über die neuen Kommunikationstechnologien und wie sie uns besser miteinander verbinden. Ich würde dem widersprechen – sie tun es nicht. Es verwirrt die Menschen in höchstem Maße. Sie wurden bereits manipuliert und als ein Mittel zum Spalten der Menschen und zum Säen von Zwietracht eingesetzt.“ Deshalb spielt auch das Schärfen und Kultivieren eines verbesserten Urteilsvermögens eine Kernrolle in Spencers Arbeit. Ähnlich wie bei der Arbeit als Musiker in einem Orchester, so münden auch Spencers Workshops stets in einer Aufführung. Dabei müsse man auch die Prozesse verstehen, die das Fundament der Aufführung bilden. „Wir stellen zwar die Komponenten zur Verfügung, aber sie (die Teilnehmer) treffen die Entscheidungen. Die Aufführung ist Teil des Endproduktes, doch von der gleichen Bedeutung wie das Schaffen und das Proben des Stückes. Neben Neugier, dem Treffen von Entscheidungen und zwischenmenschlichen Beziehungen, die bei diesem Prozess geweckt und verbessert werden sollen, kommen durch das Eingehen von Risiken auch Elemente wie Vertrauen und Entscheidungsfreiheit mit ins Spiel. Die Menschen sehen eine Orchesteraufführung selten als Prozess, doch genau dort passieren Dinge auf vielen verschiedenen Ebenen. Ist das Orchester einmal ins Rollen gekommen, dann ist der Dirigent oft nicht mehr in der Lage, dagegen zu arbeiten und dem Orchester einen anderen Kurs aufzuzwingen.“ (Lacht).

Lesen Sie das vollständige Interview hier.

Interview: Marija Skobe-Pilley and Dirk Dobiéy,
Transcription:Benjamin Stromberg
Blog: Lucas Heinke
Editing: Stephanie Barnes

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Vertrauen ist der Schlüssel zu guter Führung – Der Dirigent Lubnan Baalbaki über das Lernen, das Leben und LeadershipLubnan Baalbaki

Vertrauen ist der Schlüssel zu guter Führung – Der Dirigent Lubnan Baalbaki über das Lernen, das Leben und Leadership

“Ich dachte niemals darüber nach etwas anderes als Musik zu machen”. Der diese leidenschaftliche Aussage über seine Passion trifft ist Lubnan Baalbaki. Aufgewachsen in einem künstlerischen Umfeld im Libanon begann er seine Laufbahn mit dem Studium der Violine am nationalen Konservatorium, bevor er an der dortigen Saint-Esprit Universität Musikwissenschaften studierte, mit dem Ziel Dirigent zu werden.

Die Möglichkeit sein Ziel zu erreichen ergab sich, als er nach Rumänien reiste und den Maestro Petre Sbârcea traf, der sein erster Lehrer und Mentor wurde. “Jeder fragte mich ‘Wieso hast du Rumänien gewählt?’ und ich habe immer geantwortet ‘Ich habe es nicht ausgewählt, es hat mich ausgewählt’ (…) Ich weiss nicht ob wir an Schicksal glauben können… Aber ich glaube es war mein Weg es anzugehen. I denke es war der beste Weg, weil er ein fantastischer Lehrer ist und kolossale Erfahrungen in diesem Fach hat.”

Selbstbewusst im Bezug auf seine Stärken und Leistungen betrachtet der Dirigent sein Leben auch in Demut, und sieht Erfahrungen immer als Möglichkeiten zu lernen. “Unterschiedliche Erfahrungen bedeuten Reichtum für jeden Künstler.” Und dies obwohl sie “manchmal keine wirkliche direkte Auswirkungen auf dein Leben haben”. Sie ermöglichen die Formung und Veränderung der eigenen Perspektive. “Es ist wie wenn man zur Schule geht und Mathematik lernt und sich manchmal fragt ‘warum lerne ich so viel Mathe, ich werde es nie im Leben benutzen!’, aber nein, du nutzt es: deine Art zu denken verändert sich.”

So kommt es auch, dass Baalbakis Begegnungen mit bekannten Dirigenten, beispielsweise Kurt Masur, so häufig Augenöffner für ihn waren weil er eine völlig andere Form des Dirigierens erleben konnte. „Es war eine wesentliche Erkenntnis in meinem Leben, zu sehen, wie Kurt Masur rein gar nichts tat und es sich wie eine Musikoffenbarung anhörte. Er vertraute seinen Musikern und führte sie lediglich von Zeit zu Zeit in einigen Kernbereichen. Und gleichzeitig war die Musik erfüllt von seiner Präsenz und seinem Wissen. Sie (die Musiker) vertrauten ihm ebenfalls.” Nicht zuletzt dieses Erlebnis brachte Baalbaki dazu, das gegenseitige Vertrauen in den Mittelpunkt seiner Orchesterarbeit zu stellen: “Das ist der Schlüssel zu guter Führung: Wie man vertrauenswürdig wird und den Menschen vertraut, die für einen arbeiten.” (…) „Ich vertraue Musikern. Ich glaube, dass jeder von ihnen seine eigene Intuition und seine eigene Vision von Musik hat. Er ist ein Musiker und er kann eine aufrichtige Intuition zu einem Klang haben. Genau deshalb lasse ich sie auch mitwirken. Oft bitte ich das Orchester, spielt eure eigene Interpretation und euer eigenes Gefühl, weil ich sehen will, was sie haben. Es bin nicht nur ich, der Ideen hat. Manchmal habe ich eine Vorstellung von einer Idee und sie machen daraus für mich die Realität. Es ist ein Teil von Führung: Vertraue deinem Team. Letztendlich machen sie die ganze Arbeit. Wenn man mit der Überzeugung daran geht, dass sie es meistern können, dann lass sie es auch machen! Lass sie versuchen, es großartig zu machen. Manchmal weist man nur den Weg, aber eigentlich sind sie es, die den Weg gehen. Sie machen es.”

Vertrauen in andere ist wichtig. Aber dies entbindet Baalbaki nicht von der Verantwortung, beispielsweise sich akribisch vorzubereiten lange bevor er zum ersten Mal auf das Orchester trifft. Baalbaki nutzt seine Vorbereitung, um eine Vorstellung des Stücks oder auch ein Bekenntnis zum Stück zu entwickeln. Wenn aber die Arbeit mit dem Orchester gelingt, wird seine Vorstellung vom tatsächlichen Ergebnis übertroffen.  „Ich glaube, dass es eine einzig wahre Version dessen gibt, was ein Orchester gemeinsam mit einem Dirigenten aus einem Stück machen kann. Wenn man die ganze Woche an der gleichen Symphonie arbeitet, gibt es letztendlich eine wahre Version, die es sein wird und die ich für das Konzert aufbewahren möchte. Deshalb arbeite ich bei Proben immer sehr praktisch und pragmatisch. Auf dem Konzert lasse ich sie und mich, der Musik von unseren unterschiedlichen Standpunkten aus dienen.” Besser lässt sich ein moderner Führungsansatz vielleicht nicht beschreiben. Ein Ansatz der auch über das Selbst hinausgeht um dem Werk zu dienen. „Musik drückt sich selbst aus. Wir Musiker dienen bloß der Musik. (…) Wir dienen der Musik und wir versuchen, das so loyal wie möglich zu machen – loyal gegenüber dem Komponisten und der Musik, die geschrieben wurde. Ich denke manchmal schreibt ein Komponist Dinge auf, die er sich vorher nicht vorstellen konnte. Es ist das Gleiche beim Dirigenten. Manchmal mache ich Dinge auf der Bühne, die ich mir nie hätte vorstellen können. Es ist jedes Mal eine unterschiedliche Erfahrung, aber es geht immer darum, der Musik so loyal wie möglich zu dienen.”

Lesen Sie das vollständige Interview (Englisch).

 

Interview: Dirk Dobiéy, Transkription und Blog: Thomas Castéran und Dirk Dobiéy

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Age of Artists – Unser Jahr im RückblickVerena Wald Der künstlerische Prozess (Ausschnitt)

Age of Artists – Unser Jahr im Rückblick

Dieses Jahr haben zum ersten Mal über zehn Mitglieder unseres Netzwerkes in Projekten und bei Veranstaltungen in ganz unterschiedlichen Kontexten mitgestaltet. Zum Beispiel bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, den IT-Unternehmen Comparex und Incadea, dem Verband deutscher Wirtschaftsingenieure und der Deutschen Bahn. 

Wir waren vertreten in einer Veröffentlichung des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft mit Beiträgen zur kulturellen Bildung und im Werte-Index mit einem Interview. Der Werte-Index kartographiert den Werte-Kosmos von Internetnutzern und zeigt, wie häufig und in welchem Kontext diese grundlegende Werte unserer Gesellschaft besprechen. Die Künstlerin Verena Wald hat dieses Jahr unsere Erkenntnisse in über 100 Interviews künstlerisch in einer Serie von Radierungen umgesetzt. Das Titelbild dieses Blogs zeigt den Ausschnitt einer Radierung –  dazu mehr nächstes Jahr. 

Unsere Webseite gibt es nun auch in deutscher Sprache. Dort haben wir, genauso wie in den vergangenen Jahren auch, wieder zahlreiche Interviews mit Künstlern, Forschern und anderen interessanten Persönlichkeiten veröffentlicht.

So waren wir in der Zeitkapsel mit der Musikerin SAFI. Wir haben von der Tänzerin Lucija Mikas etwas erfahren über Empathie durch Bewegung. Über Bewegung lernten wir auch etwas von Wolf Jeschonnek, dem Gründer des  FabLabs in Berlin. Er ist überzeugt davon, dass man seine Nische verlassen muss um gute Lösungen zu finden. Wie man das als Künstlerin macht, haben wir von der Malerin Sharon Molloy erfahren, von ihrem Kollegen Sebastian Heiner wie man aus sich selbst heraus handelt und von dem Graffiti-Künstler Bomber One, Helge Steinmann, wie man der Welt etwas hinzufügt

Der Autor Michael Atavar ist überzeugt, dass das Unterbewusstsein die eigentliche Quelle der Kreativität ist, und der Komponist Ludger Brümmer hat uns erzählt, dass dem Kreativen immer der Moment der Überraschung anhaftet. Damit ist er ganz nahe an den Erkenntnissen des Wissenschaftshistorikers Hans-Jörg Rheinberger, der über die Natur des Experiments zu uns sprach.

Zum ersten Mal unterhielten wir uns in diesem Jahr mit Künstlern in China. Zhang Wei berichtete uns darüber, dass sich Künstler ausdrücken müssen und

Dai Chenlian erklärte uns, dass die Kunst ihm einen Grund gab zu leben. Dass die Kunst Grund sein kann, aber nicht bedingungslos ist hat, uns Robert D. Austin, Forscher und Professor für Innovation und Informationstechnologie an der Ivey Business School in Kanada berichtet, denn für ihn lebt ein Künstler in dieser Welt wie jeder andere. Eine Welt in der der Informationsgehalt zunimmt, aber unser Wortschatz verharrt. Das sagte  uns im Künstler, Autor und Beuys-Schüler Johannes Stüttgen im Gespräch.

Darüber hinaus haben wir ein weiteres Forschungsprojekt begonnen, bei dem es darum geht, Unternehmen kennen zu lernen, die nach unserem Verständnis Meisterwerke sind, die sich also auszeichnen durch Vielfalt, Sinnhaftigkeit, Freiraum und Beweglichkeit. Beispielsweise waren wir bei Sonnentor, Otto, Beurer, Vaude und Zotter, um nur einige der vielleicht bekannteren zu nennen. Dass diese Unternehmen, die wir trafen, genauso wie die nicht ganz so großen und bekannten, bei denen wir waren, heute bereits Dinge anders besser machen, darüber berichten wir unter anderem im kommenden Jahr.

 

 

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Begeisterung und Bedeutung: Was Tulpen und Kryptowährungen verbindetJan Brueghel d.J. Allegorie der Tulpomanie 2. Viertel 17. Jahrhundert.

Begeisterung und Bedeutung: Was Tulpen und Kryptowährungen verbindet

Jan Brueghel der Ältere, Spross einer bekannten flämischen Malerdynastie, war zu seiner Zeit gut im Geschäft. Mit Peter Paul Rubens auf Augenhöhe – die beiden arbeiteten bisweilen gemeinsam an Gemälden – gehörte Blumenbruehgel, wie er auch genannt wurde, man ahnt weshalb, zu den führenden Malern des Übergangs vom 16. in das 17. Jahrhundert. Doch warum sollte uns das interessieren? Stillleben, zumal jener Zeit, stehen nicht gerade im Zentrum des Kunstinteresses der Gegenwart. Man begegnet ihnen eher unbeabsichtigt, im Museum vielleicht, weil man auf dem Weg zur klassischen Moderne falsch abgebogen ist. Falls Ihnen ein solches Missgeschick widerfährt, werden Sie feststellen, dass man damals besonders häufig Tulpen malte. Und das hatte einen guten Grund.

Jan Philips van Thielen – Rosen und Tulpe in einer Glasvase

Anfang des 17. Jahrhunderts kam es zur ersten gut dokumentierten Spekulationsblase in der Geschichte der Menschheit. Spekuliert wurde damals nicht etwa mit Gewürzen, Immobilien oder anderen Werten, sondern mit Tulpenzwiebeln. Gerade einmal zehn Tulpenzwiebeln hatten in den Niederlanden einen Wert, der dem entsprach, was eine vierköpfige Familie für ein halbes Leben benötigte. Bis dann, wie es bei Blasen üblich ist, das Ganze für die meisten überraschend platzte. Jan Brueghel der Ältere erlebte das nicht mehr, dafür aber sein Sohn, der nicht nur den Namen, sondern, wie es sich damals gehörte, auch die Familientradition fortführte. Bekannt wurde Jan Brueghel der Jüngere auch für sein Gemälde Allegorie der Tulipomanie, ein satirisches Werk aus den 1640er Jahren, das die Tulpenkrise behandelt und Affen, wie in der Renaissance damals gebräuchlich, als Sinnbild menschlicher Gier und Dummheit zeigt.

Vincent van Gogh – Blumenbeete in Holland

Die Gartenbaukunst galt zu jener Zeit als sittsame und geschätzte Beschäftigung der oberen Zehntausend. Und die Tulpe, damals eine exotische und begehrenswerte Blume aus den fernen Ländern des Ostens, galt als größte Zierde ihrer Gärten. Die ersten Züchter, die sich in Europa mit der Pflanze beschäftigten, kannten sich häufig persönlich. Sie unterstützten sich, teilten ihr Wissen und tauschten Blumenzwiebeln, auch über Ländergrenzen hinweg. Erst als das Netzwerk größer wurde, kam man auf die Idee, Tulpenzwiebeln geldwert zu tauschen. Das Netzwerk wuchs und wurde dabei immer fragiler. Das zunehmende Interesse an den Tulpen erklärt sich auch aus einer Überkapitalisierung weiter Teile der Bevölkerung. Im reichsten Land Europas hatten damals zu viele Leute schlicht und einfach zu viel Geld übrig. Paradoxerweise wurden Zwiebeln, die von einem Virus befallen waren (was man damals noch natürlich nicht wusste), besonders hoch gehandelt, denn ihre Blüten wiesen ganz besondere Zeichnungen auf, die als so chic galten, dass sich der Wert einzelner Zwiebeln zum Höhepunkt der Entwicklungen an nur einem Tag plötzlich verzehnfachen konnte. Schließlich wurden Tulpenzwiebeln sogar wie Bargeld genutzt. Anfang der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts konnte man ein Stadthaus in Amsterdam mit fünf Blumenzwiebeln bezahlen, aber nur wenn das Haus entsprechend repräsentativ war. Als die Euphorie breite Bevölkerungsschichten erreichte, verlief der Hype kurzzeitig noch rasanter, um dann im Winter 1636/37 ohne Vorwarnung in sich zusammenzubrechen. Viele Menschen verloren unglaublich viel Geld. Der Streit um die entstanden Schulden hielt das Land noch viele Jahre in Atem.

Nun kann man diese Geschichte (wer sich dafür interessiert, wird in Mike Dashs Tulipomania fündig) mit Blick auf jüngere Ereignisse im Zusammenhang mit Kryptowährungen als eine Art Mahnung oder Lehrstück verstehen – und einige haben das ja auch schon ausgiebig getan. Doch in ihr gibt es mehr zu entdecken.

Claude Monet – Tulpenfelder in Holland

So ist es doch erstaunlich, dass man in den Niederlanden das Interesse an Blumen nicht verloren hat, nicht in der Kunst und auch nicht in der Wirtschaft. Die Tulpe ist bis heute ein Exportschlager, die Felder voller Blumen soweit das Auge reicht – weltberühmt auch weil Vincent Van Gogh oder Claude Monet ihnen nicht widerstehen konnten.

Franzconde. Tulpenfelder in  Zuidschermer

Eine Lektion, die man aus dieser Geschichte (aber zum Beispiel auch aus den frühen Tagen des Internets) also ebenfalls lernen könnte, ist, dass es nach anfänglicher Begeisterung der Zäsur bedarf, damit etwas wirklich Bedeutungsvolles entstehen kann.

Nicht ganz ernst gemeint: Wenn die Mahner recht behalten sollten, so haben wir errechnet, müsste der Absturz des Bitcoins, bzw. des Krypto-Hypes im Februar 2018 erfolgen

So wie die Chancen gut stehen, dass der Hype um die Kryptowährungen ein jähes, wenn auch nur vorläufiges, Ende findet, so stehen die Chancen dieses Mal ebenfalls gut, dass uns in naher Zukunft eine Renaissance des Stilllebens bevorsteht – sie gelten als Symbol der Vergänglichkeit.

Ergänzung 21.12.2017. Gestern schrieb die FAZ etwas ganz ähnliches zum Thema.

Komplette Offenlegung: Der Autor besitzt Tulpenzwiebeln und Stillleben mit Tulpen.

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Blogpost: Dirk Dobiéy. Übersetzung: Vivian Kolster, Stephanie Barnes.

Bildquellen:
Markus Spike – Red tulips opening in the morning. Quelle: Unsplash
Jan Philips van Thielen, Roses and a Tulip in a Glass Vase, Quelle: NGA.gov
Allegorie der Tulpomanie, Gemälde von Jan Brueghel d.J., 2. Viertel 17. Jahrhundert. Quelle Wikimedia Commons
Vincent van Gogh – Flower Beds in Holland, 1883, Quelle: NGA.gov
Claude Monet. Tulpenfelder in Holland. 1886. Musée d’Orsay. Quelle: Wikimedia Commons
Franzconde, Tulip fields in Zuidschermer, North Holland, The Netherlands. Quelle: Wikimedia Commons

 

 

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