„Wichtiger noch als die Technik sind verwandte Elemente im geistigen Prozess des Unternehmers und des Künstlers. Beide sind berufen, die Dinge zu gestalten. Die Ideen müssen Form gewinnen. Gerade heute scheint es notwendig, an diesen Gesichtspunkt des Unternehmerischen zu erinnern. Allzu einseitig wird namentlich mit Blick auf Shareholder-Value und Großfusionen der Unternehmer als ‘Gewinnmaximierungsfunktionär’ gesehen. Die Kreativität, aus der Werte entstehen, äußert sich jedoch im Willen und in der Fähigkeit, etwas zu gestalten.“ Dies sagt Bernhard von Loeffelholz, ehemaliger Leiter des Vorstandssekretariats der Dresdner Bank und vormaliges Vorstandsmitglied des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft in einem neuen Sammelband (eben dieses Kulturkreises) mit Beiträgen zur kulturellen Bildung. Bronnbacher Positionen, der Titel des Buches ist erklärungsbedürftig.

In Deutschland richtet sich das (zum Titel inspirierende) Bronnbacher Stipendium an Studierende und Doktoranden der Universität Mannheim und des Karlsruher Institut für Technologie und bietet den Teilnehmern während ihres Stipendienjahres an rund zehn Wochenenden und weiteren Veranstaltungen auf Künstler zu treffen, Kunst gemeinsam zu rezipieren, zu diskutieren und oftmals auch selbst aktiv zu werden. “Das Bronnbacher Stipendium vermittelt künftigen Entscheidungsträgern kulturelle Kompetenzen und befähigt sie damit, Probleme aus einem neuen Blickwinkel zu analysieren und so zu anderen, neuartigen Lösungen zu kommen. Sie werden darauf vorbereitet, Verantwortung in Kultur und Gesellschaft zu übernehmen, um damit als Multiplikatoren und Innovatoren zu wirken.” So gut die Idee eines derartigen Stipendiums und das Feedback der Teilnehmer positiv ist, so fragwürdig ist der elitäre Rahmen, wie Martin Kalthaus, Alumni des Programms, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena feststellt, wenn er sagt: „andererseits steht dabei die Verengung auf einen dezidierten Personenkreis diametral zu den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu flachen Hierarchiestrukturen, Bürgerbeteiligungen, Open Innovation, Prosumern und anderen partizipativen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, in denen Akteure ihr Umfeld selbst gestalten und weniger auf Führung angewiesen sind.“ Dass die Herausgeber des Sammelbandes, Hellen Gross, Theresa Krukies und Martin Schwemmle diese selbstkritische Beobachtung im Text beließen, genauso wie die Vielfalt der Beiträge und Menschen die zu Wort kommen, spricht für die Lektüre. „In der Summe, so erlebten wir es beim ersten Lesen der Beiträge, entsteht ein vielfältiges Bild ganz unterschiedlicher Sichtweisen, die das Thema kulturelle Bildung in seiner Vielschichtigkeit ausloten und neue Seiten und Aspekte entdecken lassen,“ so die drei Herausgeber.

Sicher, es verblüfft wenig, dass man beim Kulturkreis der deutschen Wirtschaft davon überzeugt ist, dass kulturelle Bildung Offenheit fördert und lebenslanges Lernen immer wieder neu inspiriert. So zum Beispiel Wilfried Porth, Vorstandsmitglied der Daimler AG, der sich überzeugt davon zeigt, dass künstlerische Denk- und Arbeitsweisen es erlauben, “bei der Arbeit über den Tellerrand und damit über die reine Fachbezogenheit zu blicken.” Besonders da, wo interdisziplinär gearbeitet wird, “kann die Kunst in ihren vielfältigen Ausprägungen ein verbindendes Element sein, um mehrere Blickwinkel auf offene Fragestellungen zu ermöglichen.“

Wie das konkret aussehen kann zeigt das Beispiel von Dirk Neuster. Er trat 1991 als Personaltrainee in die Robert Bosch GmbH ein und war dort in verschiedenen Geschäftsbereichen im Personalmanagement tätig. Heute, über ein Vierteljahrhundert später, ist Deuster noch immer bei Bosch und zwischenzeitlich weltweit für das Thema Lernen zuständig. Für Deuster ist kulturelle Bildung eine wesentliche Komponente bei der Entwicklung zukünftiger Führungskräfte. “Hier geht es weniger um das Thema Allgemeinwissen, sondern darum, wie künstlerisches Wissen, Vorgehensweisen, Techniken und Tools im Management ihre Anwendung finden und so im Sinne einer Horizonterweiterung sowie als Perspektivenwechsel für Führungskräfte dienlich sein können.“ Der Weg, den Deuster dabei beschreitet, unterscheidet sich kaum von anderen Ansätzen namhafter Unternehmen, künstlerische Impulse in der Führungskräfteentwicklung zu setzen: „Zum einen ist die Beschäftigung mit der Arbeit eines Orchesters, dessen Funktionsweise und der Zusammenarbeit zwischen Musikern und Dirigent fester Bestandteil eines Seminars für unsere mittleren Führungskräfte. Der Führungsalltag eines Managers wird hier mit dem eines Dirigenten kontrapunktiert. Für die obersten Führungskräfte haben wir in den letzten Jahren das Thema Improvisationstheater bzw. Improvisieren im weiteren Sinne in Seminaren angeboten, um die eigene Führungsrolle und die Führungsrolle in Teams stärker zu reflektieren – mit überaus positiven Feedback. Den Führungskräften gefällt es, hier bewusst aus dem klassischen Umfeld respektive den Zwängen des unternehmerischen Alltags „auszubrechen.” Soweit wenig überraschend. Spannend wird es, wenn der Ausbildungsleiter über seine persönlichen Erkenntnisse spricht und wie sich seine eigene Wahrnehmung in der Auseinandersetzung mit den Arbeitsweisen von Künstlern verändert hat: „Wichtig ist für mich der Blick nach außen. Ich stelle mir immer öfter die Frage, ob es für die Lösung eines Problems nicht viel hilfreicher ist, meine Perspektive zu erweitern. Entscheidend ist es, nicht nur die internen Partner, die man immer durch Schnittstellen z. B. zu Controlling, zu anderen HR-Funktionen oder zur IT hat, mit einzubeziehen, sondern auch bewusst zu überprüfen, wie es andere Akteure außerhalb der eigenen Mauern machen. Und das ist, denke ich, eine der zentralen Lektionen überhaupt.“

Age of Artists ist im Sammelband mit einem Beitrag von Hellen Gross vertreten. “Sinn und Sinnlichkeit – Wie künstlerische Haltung und Kreativitätskultur Menschen und Organisationen verändern.”

______

Gross, Hellen; Krukies, Theresa & Schwemmle, Martin (Hg.) (2016): Bronnbacher Positionen, Beiträge zur kulturellen Bildung, Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V.

Bronnbacher Positionen

Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail
Mit unserem Newsletter informieren wir Sie über Neuigkeiten bei Age of Artists und über Inhalte an der Schnittstelle von Kunst, Wirtschaft und Forschung. Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Dazu finden Sie einen Link in jeder E-Mail, die wir versenden. Wir geben Ihre Kontaktdaten nicht an andere weiter, nutzen aber das Programm MailChimp zum Versenden der E-Mails. Informationen zu den Inhalten, der Protokollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Auswertung sowie Ihren Abbestellmöglichkeiten erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.