“Ich dachte niemals darüber nach etwas anderes als Musik zu machen”. Der diese leidenschaftliche Aussage über seine Passion trifft ist Lubnan Baalbaki. Aufgewachsen in einem künstlerischen Umfeld im Libanon begann er seine Laufbahn mit dem Studium der Violine am nationalen Konservatorium, bevor er an der dortigen Saint-Esprit Universität Musikwissenschaften studierte, mit dem Ziel Dirigent zu werden.

Die Möglichkeit sein Ziel zu erreichen ergab sich, als er nach Rumänien reiste und den Maestro Petre Sbârcea traf, der sein erster Lehrer und Mentor wurde. “Jeder fragte mich ‘Wieso hast du Rumänien gewählt?’ und ich habe immer geantwortet ‘Ich habe es nicht ausgewählt, es hat mich ausgewählt’ (…) Ich weiss nicht ob wir an Schicksal glauben können… Aber ich glaube es war mein Weg es anzugehen. I denke es war der beste Weg, weil er ein fantastischer Lehrer ist und kolossale Erfahrungen in diesem Fach hat.”

Selbstbewusst im Bezug auf seine Stärken und Leistungen betrachtet der Dirigent sein Leben auch in Demut, und sieht Erfahrungen immer als Möglichkeiten zu lernen. “Unterschiedliche Erfahrungen bedeuten Reichtum für jeden Künstler.” Und dies obwohl sie “manchmal keine wirkliche direkte Auswirkungen auf dein Leben haben”. Sie ermöglichen die Formung und Veränderung der eigenen Perspektive. “Es ist wie wenn man zur Schule geht und Mathematik lernt und sich manchmal fragt ‘warum lerne ich so viel Mathe, ich werde es nie im Leben benutzen!’, aber nein, du nutzt es: deine Art zu denken verändert sich.”

So kommt es auch, dass Baalbakis Begegnungen mit bekannten Dirigenten, beispielsweise Kurt Masur, so häufig Augenöffner für ihn waren weil er eine völlig andere Form des Dirigierens erleben konnte. „Es war eine wesentliche Erkenntnis in meinem Leben, zu sehen, wie Kurt Masur rein gar nichts tat und es sich wie eine Musikoffenbarung anhörte. Er vertraute seinen Musikern und führte sie lediglich von Zeit zu Zeit in einigen Kernbereichen. Und gleichzeitig war die Musik erfüllt von seiner Präsenz und seinem Wissen. Sie (die Musiker) vertrauten ihm ebenfalls.” Nicht zuletzt dieses Erlebnis brachte Baalbaki dazu, das gegenseitige Vertrauen in den Mittelpunkt seiner Orchesterarbeit zu stellen: “Das ist der Schlüssel zu guter Führung: Wie man vertrauenswürdig wird und den Menschen vertraut, die für einen arbeiten.” (…) „Ich vertraue Musikern. Ich glaube, dass jeder von ihnen seine eigene Intuition und seine eigene Vision von Musik hat. Er ist ein Musiker und er kann eine aufrichtige Intuition zu einem Klang haben. Genau deshalb lasse ich sie auch mitwirken. Oft bitte ich das Orchester, spielt eure eigene Interpretation und euer eigenes Gefühl, weil ich sehen will, was sie haben. Es bin nicht nur ich, der Ideen hat. Manchmal habe ich eine Vorstellung von einer Idee und sie machen daraus für mich die Realität. Es ist ein Teil von Führung: Vertraue deinem Team. Letztendlich machen sie die ganze Arbeit. Wenn man mit der Überzeugung daran geht, dass sie es meistern können, dann lass sie es auch machen! Lass sie versuchen, es großartig zu machen. Manchmal weist man nur den Weg, aber eigentlich sind sie es, die den Weg gehen. Sie machen es.”

Vertrauen in andere ist wichtig. Aber dies entbindet Baalbaki nicht von der Verantwortung, beispielsweise sich akribisch vorzubereiten lange bevor er zum ersten Mal auf das Orchester trifft. Baalbaki nutzt seine Vorbereitung, um eine Vorstellung des Stücks oder auch ein Bekenntnis zum Stück zu entwickeln. Wenn aber die Arbeit mit dem Orchester gelingt, wird seine Vorstellung vom tatsächlichen Ergebnis übertroffen.  „Ich glaube, dass es eine einzig wahre Version dessen gibt, was ein Orchester gemeinsam mit einem Dirigenten aus einem Stück machen kann. Wenn man die ganze Woche an der gleichen Symphonie arbeitet, gibt es letztendlich eine wahre Version, die es sein wird und die ich für das Konzert aufbewahren möchte. Deshalb arbeite ich bei Proben immer sehr praktisch und pragmatisch. Auf dem Konzert lasse ich sie und mich, der Musik von unseren unterschiedlichen Standpunkten aus dienen.” Besser lässt sich ein moderner Führungsansatz vielleicht nicht beschreiben. Ein Ansatz der auch über das Selbst hinausgeht um dem Werk zu dienen. „Musik drückt sich selbst aus. Wir Musiker dienen bloß der Musik. (…) Wir dienen der Musik und wir versuchen, das so loyal wie möglich zu machen – loyal gegenüber dem Komponisten und der Musik, die geschrieben wurde. Ich denke manchmal schreibt ein Komponist Dinge auf, die er sich vorher nicht vorstellen konnte. Es ist das Gleiche beim Dirigenten. Manchmal mache ich Dinge auf der Bühne, die ich mir nie hätte vorstellen können. Es ist jedes Mal eine unterschiedliche Erfahrung, aber es geht immer darum, der Musik so loyal wie möglich zu dienen.”

Lesen Sie das vollständige Interview (Englisch).

 

Interview: Dirk Dobiéy, Transkription und Blog: Thomas Castéran und Dirk Dobiéy

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