Nach einer anderthalb Stunden langen Fahrt mit einem Auto aus dem Stadtzentrum Pekings Richtung Süden beginnen die vielen Hochhäuser und Wohnblöcke langsam lichter zu werden. Das Ende der Stadt ist noch nicht erreicht, doch dafür ein anderer Mikrokosmos, der sich dem Alltag der chinesischen Hauptstadt entzieht: Verlassene, teils verfallene Gebäude und neugierige Blicke zieren den Weg zum Treffen mit dem Künstler Dai Chenlian, der sein Atelier in diesem abgelegensten Teil der Stadt hat, der von der Regierung nicht mehr verwaltet wird. Der kahlgeschorene Mann mit pfiffigem Lächeln lädt herzlich in seine Räumlichkeiten ein und kocht einen schwarzen Tee. „Kunst gab mir einen Grund zu leben“, erzählt er einleitend. „Es existiert für mich, um etwas auszudrücken. Durch die Kunst konnte ich meinen Weg finden glücklich zu leben.“ Hatte er sein verborgenes Talent entdeckt? „Ich denke in erster Linie muss man empfänglich sein und zweitens hart arbeiten”, entgegnet er. Sein Weg als Künstler führte ihn bereits nach Deutschland, er lebte mehrere Jahre in Dresden. Jetzt ist er wieder in Peking. Bald wird der Performance-Künstler und Maler sich ein neues Atelier suchen, am anderen Ende der Stadt, etwa zwei Stunden entfernt.

„Der Künstler sollte nicht immer den Regeln der Sicherheit folgen. Die Fragen sollten hinterfragt werden.” Trotzdem ist für Dai die Routine sehr wichtig, wenn er arbeitet. Kreativität und Routine sind für ihn kein Widerspruch, sondern ein Teil des gleichen Systems: „Ich nutze die Kräfte der Natur, wie die Elemente, um die Routine zu ändern. Ich verwende Wasser oder Feuer. Ich will, dass die Routine sich ändert, oder sogar bricht.“ Gewissermaßen provoziert Dai Momente, in denen er die Kontrolle verlieren könnte, um sie anschließend bestmöglich wiederzugewinnen und etwas Neues daraus zu formen: „Ich denke ein guter Künstler ist ein Künstler, der sein Werk auch kontrollieren kann. Ich finde, dass meine Arbeit im Grunde die eines Redakteurs ist. Ich habe viele Materialien, die ich wählen und suchen muss, um sie zu kombinieren, so wie ein Redakteur.“ Und wann weiß er, dass er publizieren kann? “Ich weiß, wenn es fertig ist, sobald es jemand anderem helfen kann. Wenn jemand einen Nutzen aus dem Werk ziehen kann, gibt es eine Art Schluss. Und ich werde dafür eine Zeit setzen müssen. Wie ein Topf mit Wasser, das kochen wird, kommt es zum Ende“, sagt er und gießt uns erneut Tee ein.

Das Ende eines Werkes ist für Dai jedoch nur eine einzelne Markierung eines langen, wahrscheinlich endlosen Weges. „Kunst bricht immer mit sich und rückt weiter in die Zukunft, auf die nächste Stufe. […] Und wir können uns vorstellen wie die Zukunft aussehen wird, wir stellen uns die Zukunft immer aus dem Hier und Jetzt vor. Es ist der Job des Künstlers sich dies vorzustellen und der Künstler wird immer bei der Zukunft stehen.“ Für ihn liegt genau hier der größte Unterschied zwischen Wirtschaft und Kunst: “Aber Wirtschaft ist oft mit dem Status Quo zufriedengestellt. Die Wirtschaft sollte mehr Wege oder Systeme ermöglichen, um Brücken zu bauen, und auch der wachsenden Schere zwischen Reich und Arm entgegenzuwirken. Sie müssen stabile Systeme erzeugen, wenn sie Gutes schaffen wollen, anstatt am gleichen Punkt zu verharren.“ Unser Übersetzer und ein Freund von Dai, Zhang Heming, ergänzt am Ende des Gesprächs diese Perspektive und schließt mit einem bekannten deutschen Künstler: „Wie Beuys bekanntermaßen sagte, ist jeder Mensch ein Künstler. Ich denke nicht, dass jeder ein Künstler sein sollte, aber ich denke durchaus, dass jeder kreativ in seiner Arbeit sein sollte. Das ist mein persönlicher Traum.”

Lesen Sie das vollständige Interview (nur auf Englisch).

Interview und Blogbeitrag: Benjamin Stromberg
Bildquelle: Der Künstler

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