Der Künstler und Autor Johannes Stüttgen studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Joseph Beuys, der ihn 1971 zum Meisterschüler ernannte. „Er war es auch, der mein Interesse an dem künstlerischen Begriff weckte“, so Johannes Stüttgen im Gespräch. Und sogleich überbrückt er mit Leichtigkeit die Jahrzehnte, die seitdem vergangen sind. „Im Grunde streben Sie (Age of Artists) nach etwas Ähnlichem. Sie suchen nicht nach den einzelnen künstlerischen Besonderheiten, sondern dem übergeordneten künstlerischen Begriff.“ Mit dem erweiterten Kunstbegriff, der kreatives Handeln aus der Kunst herauslöste und auf alle anderen Disziplinen ausweitete, wurde Joseph Beuys und mit ihm Johannes Stüttgen zu Wegbereitern einer ganzen Bewegung, die unter Kunst nicht mehr nur ein fertiges Werk verstehen wollte. „Heute versteht man unter Kunst immer nur Besonderheiten und Spezialitäten von Künstlern, was aber immer auch eine Verengung ist,“ sagt Stüttgen. „Das Kunstwerk von dem ich rede, ist viel umfassender als die einzelnen Modellfälle von Kunst.“ Der erweiterte Kunstbegriff umfasst nicht nur die Künstler im speziellen Sinn, „sondern alle Menschen und alle Bereiche der Arbeit und sprengt die Begrenztheit. Wenn wir uns lange genug mit diesem Begriff beschäftigen, werden wir in ihm den Schlüssel finden, alle konventionellen Bedingtheiten in Frage zu stellen und zu korrigieren.“

Wer so argumentiert darf auch nicht davor zurück schrecken in die Wirtschaft und die Politik zu wirken, um so zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft beizutragen. Stüttgen tut es beispielsweise indem er mit DM-Gründer Götz Werner öffentlich über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens spricht oder sich als Mitgründer des OMNIBUS für direkte Demokratie für Alternativen zu aktuellen Entwicklungen im allgemeinen Demokratieverständnis einsetzt. „Der Informationsgehalt der Welt nimmt zu, aber unser Wortschatz verharrt“, sagt Stüttgen und wünscht sich klare neue Begrifflichkeiten. Zum Beispiel darüber was ein Unternehmen ist. „Letztlich ist ein Unternehmen auch ein Kunstwerk. Daher ist die Rolle, die ein Unternehmen spielt, nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch weltwirtschaftlich interessant. Ich verzichte bewusst auf den Begriff der Volkswirtschaft, weil er sich in meinen Augen zur Weltwirtschaft erweitert hat. An dieser Stelle muss sich jedes Unternehmen wie auch jeder Mensch fragen, welche Rolle spiele ich im Ganzen? Mein Unternehmensziel darf sich nicht nur auf die einzelnen Produkte auf dem Markt beschränken. Jedes Unternehmensziel wird heute durch einen Parallelprozess begleitet, der die Frage aufwirft, wo stehe ich mit meinem Unternehmen im Gesamtzusammenhang der Welt. Insofern ist jedes Unternehmen gut beraten, wenn es innerhalb des Unternehmens eine Einheit oder Abteilung aufbaut, die sich allein mit diesem Prozess beschäftigt. In dieser Abteilung müsste grundsätzlich jeder Mitarbeiter in der Lage sein mitzuarbeiten, unabhängig davon welcher Abteilung er sonst angehört. In bestimmten rhythmischen Abständen müssten Prozesse stattfinden, die etwas mit freier Aussprache und Fragen zu tun haben, die über das eigene Unternehmen hinausgehen.“

Wer die Ausführungen von Johannes Stüttgen nicht vorschnell in die Schublade mit den zu großen Ideen und vergangenen Utopien stecken möchte, nähert sich im Gespräch unaufhaltsam auch der Frage nach sich selbst. „Die Frage nach dem Urtypischen ist immer eine Frage nach dem Anfang. Die Frage nach dem Anfang ist eine Bedingung, die erfüllt werden muss, wenn man herausfinden will, wer man selbst ist. Die meisten Menschen begehen aber den Fehler und lassen diese Frage nicht zu. Ihre Karriere und äußeren Existenzsorgen sind größer als ihre Neugierde und Suche, sodass sie sich immer weiter dem System verschreiben.“ Ein Beispiel sieht Stüttgen in der Entwicklung des Punks der 70er Jahre, der das bestehende System und die vorgehaltenen Ziele in Frage stellte. „Wenn wir uns aber fragen, was aus der Bewegung des Punks wurde, gelangen wir zu einem ernüchternden Ergebnis. Er stellt keine anhaltende Bewegung dar. Niemand hat solche Bewegungen wirklich ernst genommen. Man schwamm immer nur mit. Kein Mensch, der in der Jugend Punk war, ist es im Berufsleben geblieben. Obwohl diese Menschen in ihrer Jugend entzündet wurden, fragen sie sich heute nicht, was diese Entzündung für sie bedeutet hat. Wenn sie karrierehinderlich ist, bleibt diese Bewegung nichts Weiteres als eine schöne Erinnerung und Nostalgie. Diese Impulse aus der Jugend verkommen völlig. Diese Impulse muss man als Aufträge auffassen, die einem sagen, wo es langgeht. Es gelingt, wenn wir nur uns selbst treu bleiben und keinem anderen. Warum sollte ich die erfüllende Sinnsuche nach meiner Daseinsberechtigung auf diesem Planeten einer trostlosen Karriere unterordnen? Die Begründung der meisten Menschen hierfür ist die reine Angst. Die Angst ist etwas Interessantes, weil es die Angst davor ist, in seinen eigenen Abgrund zu schauen. Es ist der einfachere Weg. Mein Weg der Sinnsuche ist anstrengend, aber das Besteigen eines Berges ist ebenfalls nicht einfach. Für die Aussicht lohnt es sich umso mehr. Daher empfinde ich meinen Weg als den selbstverständlicheren. In dieser soeben beschriebenen Sichtweise sehe ich einen Beitrag für die Menschheit.“

Einen Beitrag den Johannes Stüttgen mit einer bestimmten Haltung verfolgt. „Meine Idealvorstellung ist der aufrechte Gang. Gerade zu stehen, den Kopf oben zu halten, die Füße auf der Erde und das Herz in der Mitte. Es ist die Übereinstimmung von Hand, Herz und Verstand. (…) Meine Haltung ist klar. Ich will geradestehen.“ Seine Arbeitsweise zeichnet sich in besonderem Maße durch Neugierde aus, „weil ich herausfinden möchte, was mein Gegenüber wirklich möchte und inwieweit sich das mit meinen Erfahrungen deckt. Im Grunde ist es ein Herstellen von Beziehungen. In diesem Vorgehen machen sich einige Arbeitsergebnisse und Muster bemerkbar. Sie beeinflussen meine Vorstellung. Beispielsweise sehe ich in jedem Menschen einen vorhandenen künstlerischen Impuls. Darin sehe ich sogar den Schlüssel für die zukünftige Entwicklung des Menschen. Der Fortschritt liegt in der Verbindung von Menschen. Die Verbindung geht über äußere Zusammenhänge und Rahmenbedingungen hinaus und mündet in einem ‚sich-im-anderen-wiedererkennen’. Obwohl es den Begriff der zwischenmenschlichen Beziehung erweitert, endet es in einer Katastrophe, wenn diese Erkenntnis unbeachtet bleibt. Durch den Austausch und das gemeinsame Miteinander entsteht eine Art künstlerischer und gesellschaftlicher Auftrag.“ Quick Wins, die schnellen Erfolge, sind dabei laut Stüttgen nicht zu erwarten. „In aller Regel erfüllt es sich, jedoch sehr langsam, was auch mit Umwegen und Rückschritten einhergeht. Ein künstlerischer Vorgang ist immer eine Art von Versuchsexperiment, die Sache weiterzutreiben.“ Mit der richtigen Wertschätzung kommt man auf ein höheres Niveau ist Stüttgen überzeugt. „Das gesamte Leben eines Menschen, angefangen mit seiner Geburt über seine Kindheit, das Erwachsenendasein bis hin zum Tod, ist ein permanenter Vorgang. Stellen wir uns die Frage wohin das hinausläuft, werden wir meist auf Dauer unzufrieden und verlieren uns lieber in Ablenkungen. Dann gerät man schnell in Gefahr, von äußeren Einflüssen bestimmt zu werden. Obgleich es Faktoren gibt, die wir nur sehr begrenzt beeinflussen können, wie beispielsweise den Alterungsprozess. Ich sehe alle Lebensstationen als künstlerischen Prozess, weil in ihnen die Freiheit liegt. Es sind Freiheitsprozesse und die Biografie wird ein Kunstwerk.“

Lesen Sie das volllständige Interview mit Johannes Stüttgen hier.

Johannes Stüttgen

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